C:\B_retro\Ausgabe_6\: Die legendären Mainboards von Abit

Sven Bauduin 146 Kommentare
C:\B_retro\Ausgabe_6\: Die legendären Mainboards von Abit

C:\B_retro\Ausgabe_6\ steht ganz im Zeichen von Abit und seinen Mainboards, die unter echten Kennern bis heute einen legendären Ruf genießen. Bereits im Jahre 1989 unter dem offiziellen Firmennamen Universal Abit in Taipeh, Taiwan, gegründet, entwickelte sich Abit ab 1991 zu einem der bedeutendsten Mainboard-Hersteller weltweit.

Jeden Sonntag wirft C:\B_retro\ einen unterhaltsamen Blick zurück auf drei Jahrzehnte voller bewegter Geschichten und die Entwicklung der Computerszene: Was geschah in den 30 Jahren zwischen 1980 und 2010 in der Informationstechnik? Geschichten von Mythen, Meilensteinen und Meisterwerken: C:\B_retro\.

C:\B_retro\Ausgabe_6\

Die legendären Mainboards von Abit

Nachdem sich C:\B_retro\Ausgabe_5\ ganz dem legendären AMD Athlon (K7) widmete, der seinerzeit nicht nur dem großen Konkurrenten Intel das Fürchten lehrte, sondern auch die Jagd nach der ersten Gigahertz-CPU für sich entschied und schlussendlich ein ganzes Unternehmen rettete, widmet sich in C:\B_retro\Ausgabe_6\ einem der bedeutendsten Mainboard-Hersteller aller Zeiten und dessen legendären Mainboards – Abit.

C:\B_retro\Ausgabe_6\Die legendären Mainboards von Abit\

Wer verstehen möchte, welchen Stellenwert die Mainboards des taiwanischen Herstellers Abit zu Beginn bis Ende der 1990er Jahre in der Computerszene hatten, muss sich nur einmal die heutige Situation im Bereich der AM4-Hauptplatinen vor Augen führen.

Wer sich Anno 2019 für einen Desktop-Prozessor vom Typ AMD Ryzen 3000 (Test) entscheidet, hat je nach Budget und den persönlichen Ansprüchen die Wahl zwischen einer empfehlenswerten Einsteigerplatine vom Typ MSI B450 Tomahawk Max für unter 100 Euro oder dem zur Zeit einzigen X570-Mainboard ohne PCH-Lüfter, dem Gigabyte X570 Aorus Xtreme für rund 750 Euro. Hinsichtlich der Spannungsversorgung verfügt das X570 Aorus Xtreme über 16 echte Phasen, sogenannte „direct MOSFETs“ vom Typ TDA21472 aus dem Hause Infineon, welche selbst einen AMD Ryzen 9 3950X (Test) mit bis zu 1.120 Ampere in allen Lebenslagen mehr als ausreichend versorgen können. Doch wie verhält es sich mit der Leistung? Spätestens hier tritt eine gewisse Ernüchterung ein, denn ein 750-Euro-Mainboard bewegt sich von der Leistung her in der Regel innerhalb der Messtoleranz eines Einsteiger-Mainboards für weniger als 100 Euro und genau dort hat sich Abit spätestens Mitte der 1990er Jahre massiv von anderen Herstellern abgehoben und neue Standards gesetzt.

Erstmals CPU-Overclocking im BIOS ohne Jumper (1996)

Einen Prozessor zu übertakten, ganz gleich ob per Multiplikator oder über einen angehobenen Bus- oder Referenztakt, ist heute eine Selbstverständlichkeit und selbst für wenig versierte Anwender kein Problem mehr. Bis ins Jahr 1996 erforderte das - bereits in den 1980er-Jahren sehr beliebte - Übertakten eines Prozessors aber weitaus mehr als das einfache Ändern eines Wertes im BIOS: Jumper auf dem Mainboard wollten entsprechend gesetzt werden, damit der Prozessor oder auch der Arbeitsspeicher mit den gewünschten Taktraten liefen.

Mit dem SoftMenu sollte Abit im Jahre 1996 alles ändern und ermöglichte Overclocking erstmals direkt über das BIOS, ohne auch nur einen einzigen Jumper setzen zu müssen. Ein Beitrag der Kollegen von TomsHardware vom 1. Juli 1996 zeigt noch einmal deutlich auf, welchen Fortschritt das neue Feature „SoftMenu“ bedeutete. Der Prozessor wurde in den Sockel eingesetzt und das System gestartet, alle anderen Einstellungen – auch das Overclocking – wurden im BIOS vorgenommen, ein absolutes Novum für die damalige Zeit.

After installing your SoftMenu board, you won't have to change any jumpers or dip switches before you switch on your computer for the first time. Just plug in your CPU, your PCI and ISA cards, your HDD, floppy and port connectors and you're ready to go. You start your system and the display will show you, that your CPU is running at the slowest settings, which is 75 MHz CPU clock for an Intel Pentium CPU.

TomsHardware

Abit BH6 – Die Legende unter den Legenden (1998)

Mit dem BH6 stellte Abit 1998 in den Augen vieler Anwender das perfekte Mainboard mit Intels 440BX-Chipsatz für den Intel Pentium II vor. Nachdem es AOpen gelang, mit seinem AX6B eines der besten BX-Motherboards überhaupt zu entwickeln, blickten viele Enthusiasten der damaligen Zeit auf Abit und wurden nicht enttäuscht.

Bereits der Vorgänger, das Abit BX6, war ein ausgezeichnetes Mainboard, welches erhebliche Verbesserungen im Vergleich zur Vorgängergeneration bot, darunter die Möglichkeit, die Kernspannung des Pentium II-Prozessors über das jumperlose SoftMenuTM II zu ändern. Schon das BX6 war seinerzeit ein großartiges Mainboard, doch das BH6 sollte seinen Vorgänger noch einmal weit übertreffen.

Das Abit BX6 war der sehr gute Vorgänger...
Das Abit BX6 war der sehr gute Vorgänger... (Bild: soggi)
...der ausgezeichneten Abit BH6
...der ausgezeichneten Abit BH6 (Bild: soggi)

Abit hielt die Spezifikationen und das Layout des BH6 bis zur Vorstellung zum größten Teil geheim, ein Umstand der heute in Zeiten von Twitter & Co. kaum noch vorstellbar ist. Aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach mehr Erweiterungsplätzen für PCI-Peripheriegeräten entschied sich Abit dazu, sein neuestes Mainboard mit einer 5/2/1-Erweiterungssteckplatzkonfiguration (PCI / ISA / AGP) zu konstruieren. Zudem konnte Abit mit dem BH6 ein im Vergleich zum BX6 kompakteres Design realisieren, indem der Hersteller auf einen DIMM-Steckplatz für den Arbeitsspeicher verzichtete und nur drei Speichermodule unterstützte, was in der damaligen Zeit dennoch mehr als ausreichend war. Auch ein zusätzlicher DRAM-Puffer, der zur damaligen Zeit für den vierten DIMM-Steckplatz notwendig war, wurde damit überflüssig und machte das Mainboard noch einmal kompakter.

Das Abit BH6 konnte auch mit...
Das Abit BH6 konnte auch mit...
...drei DIMMs bis zu 768 MB RAM aufnehmen
...drei DIMMs bis zu 768 MB RAM aufnehmen

Wie bei praktisch allen Mainboards von Abit ab 1996 konnte auch das BH6 vollständig jumperfrei konfiguriert werden. Dank des SoftMenu II, welches im Vergleich zu seinem Vorgänger noch einmal verbessert wurde, konnte die CPU-Konfiguration inklusive Overclocking direkt im BIOS vorgenommen werden. Das BH6 lieferte zudem bereits eine vordefinierte Liste an sinnvollen Einstellungen für den Intel Penitum II-Prozessor mit, welche ebenfalls direkt über das BIOS ausgewählt werden konnten. Das CPU-Setup des BH6 ermöglicht die Auswahl von FSB-Frequenzen zwischen 66 MHz und 133 MHz, einschließlich der FSB-Einstellungen für 75/83 MHz sowie der Einstellungen für 112 und 124 MHz, welche zu dieser Zeit auf keinem anderen Pentium II-Mainboard verfügbar sind. Das BH6 glänzte nur so mit Alleinstellungsmerkmalen und Features. Erstmals konnte auch die Betriebsspannung des Pentium II angepasst werden.

Insgesamt betrachtet war das Abit BH6 das mit großem Abstand beste OC-Mainboard seiner Zeit und seiner Konkurrenz weit voraus. Ein sehr aufschlussreicher Test des Mainboards von 1998 ist auf der Website von AnandTech zu finden.

Auch der Nachfolger des BH6, das BF6, erreichte erneut einen außergewöhnlichen Ruf in der Computerszene und war Ende 1998 für Overclocker erneut erste Wahl.

Abit KT7A – Legende mit VIA KT133A-Chipsatz für AMD Athlon

In den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren lies Abit ein bemerkenswertes Mainboard auf das andere folgen. Waren es zu Zeiten des Pentium II und Pentium III das BX6, BH6 und BF6, welche sich besonderen Ruhm verdienten, so konnten sich Anfang des neuen Jahrtausends die Modelle KT7 und KT7A (Raid) mit VIA KT133A-Chipsatz hervortun. Besonders das Abit KT7A (Raid) sollte viele Freunde finden und sich abermals als erste Wahl für Overclocker erweisen.

Das Abit KT7A (Raid) erwies sich...
Das Abit KT7A (Raid) erwies sich... (Bild: ixbtlabs)
...erneut als erste Wahl für Overclocker
...erneut als erste Wahl für Overclocker (Bild: ixbtlabs)

Die herausragenden Merkmale der Platine mit Sockel A waren:

  • SoftMenu III, welches es ermöglichte, den FSB in 1 MHz-Schritten einzustellen
  • Variationsmöglichkeit verschiedener Spannungen
  • BIOS mit sehr vielen Einstellmöglichkeiten
  • herausragende Dokumentation
  • Highpoint 370 Raid-Controller

Wilhelm Sassenberg hat 2002 ein sehr umfangreiches Classic Review zum KT7A (Raid) veröffentlicht und das Mainboard schlussendlich gar mit einem, weder von Abit noch von AMD für das Mainboard freigegebenen, AMD Athlon XP XP 2200+ vom Typ Thoroughbred getestet.

Der Anfang vom Ende

Im Jahre 2005 reagierte Taiwans Börse mit einer Rückstufung der Aktie darauf, dass Abit durch eine mehr als fragwürdige Buchhaltung versucht hatte, die Anzahl seiner vermeintlich verkauften Mainboards künstlich hochzurechnen.

Innerhalb nur eines Jahres verlor das Unternehmen über 80 Prozent seines Wertes. Die Mainboard-Sparte wurde 2006 von Universal Scientific Industrial übernommen, womit das Ende im Grunde vorprogrammiert war. 2008 folgte der offizielle Ausstieg aus dem Mainboard-Geschäft, bevor Abit Anfang 2009 dann endgültig aufgelöst wurde.

Was bleibt, sind unvergessene Mainboards und echte Pionierarbeit in Sachen Overclocking, mit der sich Abit gemeinsam mit DFI und Epox einen festen Platz in den Geschichtsbüchern der legendären Mainboard-Hersteller gesichert hat.

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In der kommenden Ausgabe von C:\B_retro\ dreht sich alles um eines der beliebtesten Computerspiele aller Zeiten. Zudem veranstaltet C:\B_retro\ gemeinsam mit den Community-Mitgliedern aus dem Retro-Hardware Bilderthread ein kleines Retro-Gewinnspiel.

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