Europäische Digitale Souveränität

Photon

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Hallo Community,

in letzter Zeit sind viele spannende Nachrichten zum Thema Digitale Souveränität in der EU durch die Medien gegangen (leider nicht bei CB :( ):

1. Deutschland will 2027 ODF als Standard für Dokumente in der öffentlichen Verwaltung festlegen: https://interoperable-europe.ec.eur...y-osor/news/germany-aims-standardise-odf-2027
2. Industrie-Initiative von europäischen IT-Unternehmen will eine freie europäische Office-Suite, Euro-Office, basierend auf OnlyOffice entwickeln: https://nextcloud.com/blog/press_re...s-euro-office-as-true-sovereign-office-suite/
3. Frankreich will die öffentliche Verwaltung auf Linux umziehen: https://itsfoss.com/news/france-government-linux-switch/

Gleichzeitig führt die erhöhte Aufmerksamkeit und die Aussichten auf staatliche Nutzung, gerade im Office-Bereich, wohl zu Konflikten:

4. OnlyOffice bezichtigt das Euro-Office Team der Lizenzverletzung: https://www.onlyoffice.com/blog/202...in-euro-office-project-by-nextcloud-and-ionos
5. Ein Streit zwischen Collabora Office (ein Fork von LibreOffce) und The Document Foundation (Organisation hinter LibreOffice) eskaliert: https://www.computerbase.de/forum/t...eigenen-gruender-vor-die-tuer-setzte.2269049/

Vor nicht allzu langer Zeit war der Markt von Office-Suiten relativ überschaubar: Man hatte die Wahl zwischen Microsoft Office, OpenOffice/LibreOffce und einer der mit Abstand weniger verbreiteten Alternativen. Mittlerweile scheint die Message angekommen zu sein, dass unter anderem in Europa ein großer Bedarf für eine offene Office Suite besteht, sodass nach und nach immer mehr Projekte entstehen, wobei durchaus auch gewinnorientierte Unternehmen dahinterstehen statt nur gemeinnütziger Vereine.

Am Ende des Tages ist es eine Frage des Geldes: Ein gemeinnütziger Verein, der nicht ordentlich finanziell gefördert wird, kann es sich nicht leisten, Entwickler zu bezahlen. Und am Ende geht die Entwicklung natürlich schneller voran, wenn Entwickler das 40h die Woche machen können statt als Hobby am Wochenende.

Ich finde, die EU sollte offene Projekte, die sie dann potentiell für die Umsetzung ihrer Strategie zur Digitalen Souveränität nutzen wird, finanziell unterstützen, weil es bei allen Konflikten am Ende um die Finanzierung geht.

Die Konflikte, die man bei den freien Office-Suiten beobachtet, könnten durchaus auch in anderen Bereichen auftreten. Wenn ein ganzer Staat wie Frankreich, auf Linux umsteigen möchte, wird sich irgendwann die Frage stellen müssen, welche Distribution als Grundlage gewählt werden soll. Möglicherweise ist die "Meuterei" bei Manjaro Linux (https://forum.manjaro.org/t/manjaro-2-0-manifesto/186171) ja auch mit dadurch entstanden, dass der Hauptentwickler mit seiner GmbH auf den Kommerzialisierungszug aufspringen und, wilde Verschwörungstheorie an dieser Stelle, Manjaro für staatliche Nutzung in Stellung bringen wollte (eine Arch-basierte Distro hätte da natürlich nicht die besten Karten -- aber wer weiß, was einem so durch den Kopf geht?).

Man freut sich als Nutzer freier Software natürlich einerseits, dass sie nun mehr Beachtung findet, andererseits können kommerzielle Interessen, die dadurch ins Spiel kommen, viel Schaden anrichten. Man erinnere sich an die Fehltritte, die Ubuntu unter Mark Shuttleworth sich geleistet hat, als Suchanfragen an Amazon weitergeleitet wurden.

Diskussionsfragen:

1. Wie findet ihr diese Entwicklung? Glaubt ihr, dass freie Software dadurch profitieren oder durchaus auch Schaden nehmen könnte?
2. Was sind eure Prognosen für die Zukunft? Glaubt ihr, das wird jetzt durchgezogen, oder kommt irgendwann ein Rückzieher?
3. Wie seht ihr die Frage der Finanzierung? Sollte die EU freie Software mit Steuergeldern finanziell unterstützen?

Viele Grüße
Photon
 
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