Lipovitan schrieb:
Ich möchte an der Stelle korrigieren, in der ICD-11 ist die Diagnose "Gender Incongruence" (Geschlechtsinkongruenz) dem neu geschaffenen Kapitel "conditions related to sexual health" (Probleme/Zustände im Bereich der sexuellen Gesundheit) zugeordnet worden. Damit ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Entpathologisierung getan. Dies ist insofern von großer Bedeutung, als die bisherige Diagnose "Transsexualismus" in die Rubrik der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen fällt und dadurch maßgeblich zur Stigmatisierung und zur gesellschaftlichen Marginalisierung von Trans*menschen beigetragen hat.
Also auf meiner Überweisung von meiner Hausärztin steht noch "Geschlechtsidentitätsstörung" und nicht "Geschlechtsinkongruenz". Aber freut mich zu hören, dass sich da was tut. Eventuell war meine Hausärztin da noch nicht auf dem neusten Stand. Ich denke auch, dass ein normaler Hausarzt oder Ärztin sowas nicht alltäglich hat.
Wasserhuhn schrieb:
Weil das, worunter du leidest, eine F-Diagnose ist?
Nein, weil ich als psychisch krank gesehen werde. Zu mindestens kommt das so rüber, wenn man sich die ganzen Gutachten und co. anschaut welche man (aktuell noch) machen muss, um die ganzen Behandlungen zu bekommen.
Aber gut, da bleibt jetzt spannend was mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz kommt...
Achso ich verwende hier ein paar Abkürzungen, ich weiß nicht wie weit du im Thema bist, daher eine kurze Auflistung:
- MTF = male to female
- FTM = female to male
- Transidentität = anderes Wort für "transexuell". Transident betont, dass es um die Identität und nicht um die Sexualität geht.
- HRT / HET = Hormone Replacement Therapy / Hormonersatztherapie = man wird mit den gegengeschlechtlichen Hormonen behandelt. Bei uns Transfrauen auch gerne mit Testoblocker, hängt aber vom Arzt ab.
- GAOP = Geschlechtsangleichende OP. Da will ich jetzt nicht all zu sehr ins Detail gehen um nicht mit den Forenregeln zu kollidieren. Aber wenn es dich interessiert kannst du ja mal nach "penile inversion" und "kombinierte Methode" googeln. Auch den Film "Trans: I got life" kann ich da empfehlen, da wird das Thema kurz von Herrn Dr. Schaff angeschnitten (Herr Dr. Schaff ist einer der Ärzte, der solche OPs durchführt).
- passing = man wird als das Geschlecht wahrgenommen, als man sich identifiziert. In meinem Fall also irgendwann als attraktive Frau

- AFAB / AMAB = assigned female at birth / assigned male at birth
Wasserhuhn schrieb:
Ah, das wollte ich schon fragen. Ob man die Pubertät nicht einfach solange hinauszögern kann.
Da wollte ich mich jetzt gezielt nicht einlesen und dann behaupten als wüsste ich etwas.
Ja genau.
Bei Kindern kann man das nutzen um zu schauen, ob das wirklich so ist oder ob das "nur eine Phase" ist die wieder vorbei geht.
Vor dem "nur eine Phase" habe ich übrigens auch große Angst. Was ist, wenn ich das in 2 oder 3 Jahren ganz anders sehe? Aber auf der anderen Seite: Welche cis Person (egal ob M oder F) stellt sich die Frage ob man Trans ist oder nicht? Ich hab mich ja auch schon mit ein paar anderen Transfrauen vernetzt. So ein gewisses Unsicherheitsgefühl ist wohl immer da..
Wasserhuhn schrieb:
Da möchte ich eine Frage stellen, die sehr persönlich ist. Ich denke es wird mir auch sehr schwer fallen, die Frage vernünftig zu formulieren, sodass klar ist, dass ich das aus vollstem Respekt und Anerkennung meine. Einfach, weil ich denke, dass es keine Worte gibt, die das vernünftig rüberbringen können, weil du dich in deiner Situation extremen Leid konfrontiert gesehen hast.
Ich finde super, dass du dir so Mühe gibst.
Wasserhuhn schrieb:
Siehst du dich jetzt als Frau, oder als Transfrau? Weil du beide Begriffe jetzt benutzt hast.
Alsooooo... ich kann jetzt nur für mich sprechen und für keine andere transidente Person. Das ist ganz wichtig, weil jeder "Fall" anders und individuell ist (ist ja bei anderen cis Menschen genauso. Jeder hat seinen eigenen Weg und Geschichte).
Meine Ansicht ist so:
Solange ich noch nicht meine HRT habe und meine GAOP hatte, sehe ich mich als Transfrau.
Sobald ich die HRT und GAOP habe und das Passing stimmt (ich also vom ersten Blick an als Frau durch gehe, auch ohne Makeup) - würde ich das in zwei Bereiche aufteilen:
- soziale / gesellschaftliche Sicht: Sobald das Passing stimmt, sehe ich mich hier als "vollständige" Frau (ich hasse den Begriff "vollständig", aber ich weiß nicht wie ich das anders sagen soll). Schließlich sehe ich dann aus wie eine Frau, und kann auch im sexuellen Sinne alles machen wie eine cis Frau - inklusive Sex Orgasmus und so weiter (außer Schwanger werden natürlich, aber das können auch einige cis Frauen nicht, von daher ist das für mich kein Kriterium).
- biologischer / medizinischer Sicht: Gegenüber Ärzten würde ich mich immer als Transfrau zu erkennen geben. Hat ja auch ganz einfach gesundheitliche Gründe... ein Gynäkologe sollte schon wissen ob er eine biologische Vagina oder eine Neovagina vor sich hat (je nach OP Methode sieht man rein äußerlich keinen Unterschied zur biologischen Vagina). Und auch beim Thema Vorsorge wird das später wichtig. Wie gesagt, als Transfrau mit GAOP sollte man später sowohl zum Gyn. als auch zum Urologen.
ABER: es gibt auch Transfrauen die das ganz anders sehen. Die einen bezeichnen sich immer als Transfrauen, die anderen als Frauen. Da gibt es keinen roten Faden. Es macht ja auch nicht jeder die OPs und die Hormonbehandlungen - hat ja auch alles Risiken und Nebenwirkungen.
Wasserhuhn schrieb:
Ich habe das Problem bei Datingportalen z.B., dass sich viele Transfrauen als Cis-Frauen eintragen.
Ich verstehe und akzeptiere vollständig das Bedürfnis zum gewünschten biologischen Geschlecht zu gehören. Gleichzeitig aber, kann ich nichts daran ändern, dass einmal immer Unterschiede sein werden zwischen eine Transfrau und einer Cis-Frau, zweitens ich aber selber eine sexuelle Präferenz habe, die ich nicht ändern kann.
Wo ist da der (auch gesellschaftliche) Mittelweg, wo beide Parteien vollends angekommen sind? Gibt es den überhaupt?
Ich bin zufällig bei Tinder, kann dazu also auch was sagen ^^.
Ich handhabe das so:
Aktuell bin ich ja noch ganz klar als Mann erkennbar. In meinem Tinderprofil bin ich zwar als "Frau" eingetragen, im meinem Profil steht aber direkt in der ersten Zeile "Transfrau". Das bedeutet, man sieht den Hinweis schon ohne das Profil aufzurufen. Im Profil selber habe ich noch drin stehen, dass ich noch keine HRT und GAOP habe. Damit man mit "klaren Karten" an den Start geht und es nachher keine böse Überraschung gibt.
Einzig bei meinem Profilbild schummel ich. Ich habe mich geschminkt und dann via Faceapp->Genderswap noch nachbearbeitet. Problem ist halt, dass ich noch keine langen Haare habe (die aber gerade wachsen) und ich mir für die Zwischenzeit des Wachstums keine passende Perücke kaufen kann (vernünftige Modelle liegen schnell bei >1000€. Das Geld investiere ich lieber anderweitig, z.B. für die Laserbehandlung zur Entfernung der Barthaare). Außerdem ist es für mich ein kleiner Moralboost weil ich so ein "Ziel" vor Augen hab wie ich irgendwann sein will und ich damit mein Leiden auch (ein wenig) mindern kann. Natürlich ist mir bewusst, dass mit FaceApp Schönheitsideale etabliert werden könnten, die nicht gesund oder realistisch sind - aber ich denke ich bin alt genug um das differenzieren zu können.
ABER: bei einem Match sage ich auch ganz am Anfang, dass das Bild nicht ganz richtig ist und ich das mache, weil ich mich eher damit identifiziere. Bis jetzt haben das alle verstanden und mir entsprechend positives Feedback gegeben. Dazu sollte noch gesagt sein, dass ich aktuell nur nach Frauen und Transfrauen suche. Meistens bekomme ich da Damen die entweder in der Szene oder pansexuell sind. Da gibt es dann meistens schon ein Grundverständnis. Männer sind aktuell für mich aber kein Thema. Das hat aber eher pragmatische Gründe, ich mag halt keinen Analverkehr und dann hat man ja nicht so viel Möglichkeiten sich zu vergnügen. Aber nach der OP später: gerne. Aber ich glaube das Thema sollten wir nicht weiter vertiefen, ich möchte keinen Ärger mit den Mods bekommen.^^
Wenn dann wie oben beschrieben das Passing stimmt und ich auch die GAOP hatte, werde ich die Transhinweise aus meinem Dating Profil entfernen. Die anderen Menschen legen einen ja auch nicht sofort die gesundheitliche Vergangenheit offen - fairplay und so. Und solange es nur um Sex geht ist das auch in Ordnung, weil das ja eh nur oberflächlich ist.
Sobald es dann in Richtung Freundschaft oder Beziehung geht, kann man das immer noch offenlegen. In einer Beziehung auf jeden fall, einfach weil mir Ehrlichkeit wichtig ist und da es ja auch um andere Themen wie z.B. Kinder bekommen gehen kann.
Wasserhuhn schrieb:
Und wo ist für dich dieser, ich weiß nicht, wie ich das formulieren soll, "innere Frieden/Akzeptanz"?
Wie ist deine Identität letztenendes? Bist du nach Angleichungen noch unzufrieden medizinisch nicht weiter gehen zu können, weil es der aktuelle Fortschritt einfach nicht möglich macht? Ist das, wo du dich jetzt siehst, genug für dich? Gibt es da einen Abschluss, oder ist das nur eine Unterstützung/Annäherung für dich?
Das kann ich dir noch nicht beantworten. Das hängt ja auch davon ab, wie viel die Hormone später bei mir bewirken. Ist ja bei jedem anders. Davon würde ich dann abhängig machen, ob man z.B. eine Brust OP oder FFS brauche. Letztere glaube (hoffe) ich eher nicht, weil mein Gesicht zum Glück nicht allzu männlich ist.
Hormone bewirken viel, aber die ändern ja nicht die Knochenstruktur. Da kommt halt wieder Faceapp ins Spiel bei mir. Wenn ich die vorher-nacher Bilder sehe, dann hat die App eigentlich nur meine Haare anders gemacht und ein bisschen Fett umverteilt. Das machen ja die Hormone, also vielleicht habe ich da noch Glück...
Wasserhuhn schrieb:
Und in deiner (Geschlechts-)Identität, wie wichtig bzw. ist es ein Teil davon, dass du dieses angeborene Geschlecht hast, und von da aus deinen Weg gegangen bist, oder ist dieser Weg und der Startpunkt nicht mehr Teil von deiner Identität, oder du möchtest das gerne nicht, dass er es ist, obwohl du vielleicht denkst, dass er es ist?
Das kann ich dir noch nicht beantworten, weil ich ja noch nicht beim Passing bin.
Was ich aber sagen kann: ich hätte es viel lieber gehabt, wenn das 10 Jahre früher ans licht gekommen bin. So habe ich fast 30 Jahre im falschen Körper gelebt wo ich mich jahrelang gefragt habe, was nicht mit mir stimmt. Aber gut, jammern bringt nichts, man muss nach vorne schauen. So weiß ich jetzt immerhin, woher mein geringes Selbstwertgefühl und meine ganze Unsicherheiten kommen.
Wasserhuhn schrieb:
Und sind die Antworten auf diese Fragen allgemein gültig für jede Person in dieser Situation, oder gibt es da bestimmte Tendenzen, oder ist das alles hochindividuell?
Nee da ist jede Person anders.
Wasserhuhn schrieb:
Ich hoffe du verstehst mich, und ich erwarte auch keine Antwort auf irgendetwas. Wenn du magst, kannst du mir auch gerne privat schreiben, wenn dir das lieber ist.
Ich finde gut, dass sich jemand für das Thema so interessiert und da auch neutral rangeht. Das tut echt gut :-).