Ich bin zwiegespalten, was Wikileaks betrifft. Und hier im Thread wird von einigen so einiges durcheinandergebracht, wie mir scheint.
Wikileaks hat mit Journalismus wenig gemein. Das undifferenzierte, direkte Veröffentlichen von Dokumenten gleich welcher Art ist kein Journalismus.
Nicht jeden geht alles etwas an. Und keiner hat ein Recht darauf, alles wissen zu dürfen. Das beginnt im privaten Bereich (als Beispiel seien die sexuellen Vorlieben des Nachbars genannt) und setzt sich im geschäftlichen fort (Betriebsgeheimnis) bis hin zur Politik: Politik hat mit Diplomatie zu tun und Diplomatie damit, Dinge gezielt zu äußern und auch zu verschweigen, um für das (kommunale, bundesweite oder auch europäische) Gemeinwohl bestimmte Ziele zu erreichen.
Das plumpe "Herausbrüllen" - auch von Wahrheiten - ist selten hilfreich und seltener diplomatisch. Könnt ihr ja mal bei eurem Chef oder Lehrer, euren Eltern, dem Lebenspartner testen. Einfach mal die Meinung geigen; in da face, direct edition. Sind ja nur "Wahrheiten". Und die Angesprochenen haben ja schließlich ein Recht darauf!*
Zurück zu Wikileaks:
Dass Kriegsverbrecher verurteilt gehören, stelle ich überhaupt nicht in Frage. Aber sehr wohl muss ich in Frage stellen, ob es hilfreich ist, ein das Kriegsverbrechen dokumentierendes Video ins Internet zu stellen und damit - möglicherweise - ein ganzes Volk, eine Regierung aufzuhetzen. Krieg ist dreckig, Krieg ist niemals fair. Wie gesagt: solche Wahrheiten müssen geahndet werden. Dazu muss es aber (siehe drei Sätze vorher) nicht jeder wissen. Aber nur der Wahrheit oder auch der Sensationsgeilheit (oder Auflage oder Profilierungssucht oder, oder, oder...) mancher zuliebe Öl ins Feuer zu gießen macht die Sache (meiner bescheidenen Ansicht nach) nicht besser.
Dass Botschafter an die Regierungen berichten, ist deren Job. Sie sollen die Lage vor Ort einschätzen. Die Korrespondenz zu veröffentlichen hat doch nun niemandem geholfen. Es hat einfach nur für Missstimmung gesorgt. Ich kann den Sinn oder die Motive wahrlich nicht erkennen. Vielleicht fehlt mir da einfach die Weitsicht.
Okay, wir wissen jetzt, dass die halbe arabische Welt das iranische Atomprogramm fürchtet und die USA um Intervention gebeten hat. Und dass die US-amerikanische Regierung die PKK fördert, während die Türkei Al-Qaida unterstützt. Das scheint interessant. Aber ich frage mich, was mir oder anderen von uns Nicht-Politikern diese vermeintlich klare Sicht der Dinge bringt. Ich meine, inwieweit haben wir Einfluss auf politisches Geschehen außerhalb der bundesdeutschen Grenzen? Der Einfluss in Form von politischer Mitbestimmung ist doch hier schon relativ gering...?
Ich finde es zwar gut, dass es eine Institution gibt, die die Wahrheit öffentlich zugänglich macht, aber die Art und Weise scheint mir wenig hilfreich zu sein. Keinem von uns kann daran gelegen sein, wenn Konflikte erneut aufflammen oder gar Kriege ausbrechen. Und ich sehe leider mehr völkerverhetzendes als beruhigende Nachrichten bei Wikileaks bzw. durch die veröffentlichenden Medien berichtet.
Was Herrn Assange betrifft: den Boten für die Botschaft anzuprangern halte ich für grundsätzlich falsch; andererseits muss man sich wohl nicht wundern. Da sind andere schon für deutlich weniger Worte gestorben.
Kurzum: mir missfällt nicht alles, "was" veröffentlicht wurde, sondern die Art, "wie".
Und zuletzt noch ein Gedanke:
Nur mal rein hypothetisch - wirklich, nur angenommen: was, wenn das alles einfach so gut gefälscht wäre wie seinerzeit die Hitler-Tagebücher und die halbe Welt darauf hereinfiele? Und um den bereits erwähnten Gedanken aufzugreifen: von wem wird Wikipedia denn eigentlich finanziell unterstützt? Und warum?
*(obacht, Ironie...)