cb-leser schrieb:
Selbst wenn man etwas "ohne Anhaltspunkte neu entwickelt", so greift man für die Entwicklung auf Altbewährtes (sagen wir mal "Forme(l)n") zurück und füttert das dann "nur" mit neuen Werten.
Von der o.g. Formulierung her ist es letztlich bestimmt auch Interpretationssache, was jetzt darunter fällt und was nicht.
Ja sicher, die Formulierungen sind natürlich eher subjektiver Natur und lassen Interpretationsspielraum.
Trotzdem, meiner Meinung nach, würde aber wirklich "häufig
abweichende Problemstellungen" und "selbstständige Erarbeitung
neuer Lösungen" bedeuten, dass der Meister sich eben in seinem Beruf tatsächlich oft bisher unbekannten Problemen gegenübersieht und dafür auch selbstständig eigene Lösungen entwickelt.
Und das ist, meiner Meinung nach, einfach bei der Masse definitiv nicht gegeben. Der KFZ-Meister, mal salopp gesagt, wird nicht fast jeden Tag mit unerklärlichen neuen Motorproblemen o.Ä. konfrontiert (mal als Beispiel).
Und auch wenn er den Motor dann repariert, stellt er dafür nicht selbstständig neue Problemlösungen auf, sondern greift auf das ihm beigebrachte Wissen zurück, wie ein Motor funktioniert.
Auch dem Maurermeister wurde durch Ausbildung und Erfahrung beigebracht, wie verschiedenste Mauern zu konstruieren sind. Er wird nicht fast jeden Tag damit konfrontiert, dass NEUE Problemstellungen existieren.
Sprich, die Mauer wird sich am Montag genauso verhalten wie am Dienstag.
Wenn er eine Mauer baut, wird die Mauer nicht auf einmal von alleine krumm (=wirklich neues Problem).
Und er entwickelt auch nicht selbst, eigenständig eine Lösung. Er weiß welche Lösungswege existieren, um jedwede Mauer zu begradigen, zu bauen, etc. pp.
Er muss nicht selbst die Mauer/Statik/etc. pp. kalkulieren und würde bei größeren Gebäuden mit der Statikberechnung auch definitiv nicht weiterkommen, da er solchen Problemstellungen nie gegenübersteht, das erledigen die Statiker/Architekten.
Die sind diejenigen, die z.B. bei komplizierten großen Brücken dann wirklich auf neue Probleme treffen, wofür es keine Lösung gibt, die sie selber lösen müssen..
Weiteres, was eben formulierte Aussagen unterstützt:
Benjamin Bloom, ein renommierter Psychologieprofessor, stellte die "Bloom'sche Taxonomie" auf, um Niveaustufen für "Wissen" aufzustellen:
Niveau 1: Wissen, Kenntnisse (Knowledge)
Niveau 2: Verstehen (Comprehension)
Niveau 3: Anwenden (Application)
Niveau 4: Analyse (Analysis)
Niveau 5: Synthese (Synthesis)
Niveau 6: Bewertung (Evaluation)
Später wurde diese Taxonomie von anderen noch erweitert bzw. spezialisiert.
In weiteren Studien wurde festgestellt, dass allgemeinschulische und berufsschulische Aufgabenstellungen hauptsächlich die Niveaustufen 1-3 abdecken.
Erst an Hochschulen wird ein merkbarer, sehr starker Fokus auf Niveau 4-6 gesetzt.
Das erklärt und unterstreicht, wo die Wissensunterschiede vorherrschen, wie diese zu erklären & definieren sind und warum sie überhaupt existieren.
Weiterhin wird beschrieben, dass die geistige Leistungsfähigkeit mit jeder Niveaustufe steigt/steigen muss, um entsprechende Sachverhalten sich erarbeiten zu können.
Daraus lässt sich kurzerhand ohne Probleme schlussfolgern, dass der Meister im Niveau 1-3 aus Erfahrung, Ausbildung, Lernen das meiste seines Wissens entwickelt.
Er kann also mit auswendiggelerntem Praxiswissen dienen, er weiß, wie und warum eine Mauer steht (Verständis=Stufe2) und er kann sie auch fehlerfrei bauen, auch wenn er mal um ne Ecke bauen muss, da er auch Ecken zu verstehen gelernt hat (=Stufe3).
Mit Analyse, Synthese und Bewertung sieht er sich aber selten bis nie konfrontiert. Das erledigen, um beim Baubeispiel zu bleiben, Architekt und Statiker.