Streik in BW und Verdi

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Tandeki

Gast
Ab morgen, dem 25. Oktober 2011 bis zum 28. Oktober 2011 fahren in Stuttgart die Busse und Stadtbahnen der SSB, die Zacke und die Seilbahn nicht. Am 26. Oktober 2011 rücken zudem auch die Busse der SVE in Esslingen nicht aus. Damit hat der Streik in Baden-Württemberg unter der Federführung von Verdi eine Dimension angenommen, die es seit über hundert Jahren im "Ländle" nicht mehr gab.

Die Seiten der SSB und VVS sind derzeit vor dem Ansturm zusammengebrochen und die Empörung der Fahrgäste, die nun bis Freitag andere Wege zur Arbeit, Ausbildungsstätte und Co. suchen müssen, läuft sich in einigen wenigen Foren bereits warm. Verständnis oder gar Zustimmung sind rar und viele sind der Meinung, dass hier eine Grenze des Zumutbaren erreicht ist.

Noch vor wenigen Tagen wurde von Sprechern der Streikenden verkündet, dass man "nicht gegen die Bevölkerung" streike und man Maßnahmen mindestens zwei Tage vorher ankündige. Davon ist nun nichts mehr zu sehen.

Die Schuld schieben sich die Parteien wie gewohnt gegenseitig zu. Von "die Arbeitgeber sind nicht gesprächsbereit" bis hin zu "Verdi will sich nur selbst legitimieren" wird hier vieles postuliert - aber was ist die Wahrheit?

Wie seht ihr die Lage der derzeitigen Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern und Verdi? Und seht ihr den Streik in dieser Form als gerechtfertigt an?

Ich bin gespannt auf eure Meinungen! :)
 
Verdi kloppt mal wieder wild um sich und die Leute, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, sind wieder die dummen
es ist auch wieder schön zu sehen, das eine die Schuld auf den anderen schiebt - nachher will es dann wieder keiner gewesen sein
 
Wobei es dieses Mal nicht so einfach zu sein scheint.

Denn dass so lange und vor allem bereits ab heute "gestreikt" wird, ist anscheinend auf dem Mist der Arbeitgeber gewachsen. Denn diese haben offenbar beschlossen, dass Busse und Bahnen schon ab heute nicht mehr ausrücken, weil die Servicecenter bestreikt werden. Durch fehlende Wartungen könne man nämlich die Sicherheit der Fahrzeuge nicht mehr gewährleisten.

Laut Verdi und SSB-Betriebsrat ist das alles Unsinn, denn man habe sogar einen Notdienst angeboten, den die Arbeitgeber aber abgelehnt haben. Dort ist man der Meinung, dass der Notdienst nicht ausreiche. Interessanterweise könnten die AG damit recht haben. Denn in Folge von Umstrukturierungsmaßnahmen sind die Personalbestände in den Servicecentern so gering, dass man alle AN benötigt.

Dass das z.B. in Esslingen kein Problem ist, kontern die AG in Stuttgart mit "in Stuttgart ist die Sachlage komplizierter"... Aha, sehr interessant...

Jedenfalls bleibt im Endeffekt alles beim "Kunden" hängen. Denn dieser muss die Kosten der Streikmaßnahmen tragen und auch die Folgen der Einigung. Die nächste Preiserhöhung um die Jahreswende wird es zeigen.
 
Obwohl ich eigentlich nicht direkt vom Streik betroffen bin, da ich dieses scheiß VVS/SSB-Netz nicht mehr nutze - habe nun ein Auto - musste ich doch meine Schwester, die immer noch auf den Bus angewiesen ist, frühmorgens zur Schule fahren (habe sonst frei, daher musste ich extra aufstehen), abgesehen von dem Riesenverkehrsaufkommen. Stau ohne Ende. Eine Strecke von 15 Min dauerte heute eine Stunde. Ich hasse es einfach.

Und das schlimmste ist, jetzt wird es wohl auch so weitergehen, denn ob die Forderungen angenommen werden, steht eh in den Sternen.

Hier sieht man mal wieder schön, wie ein Streik ganze Städte lahmlegen kann, insofern er solch wichtige Institutionen umfasst. Ebenso schlimm träfen uns Streiks der Müllabfuhr z.B.

Jedenfalls hast du Recht, die Kosten werden wie immer "wir" tragen müssen. Ab nächstes Jahr (April) fange ich an zu studieren und pendle dann von Stuttgart -> Esslingen. Normalerweise wäre da die Strecke mit der S-Bahn am schnellsten zu fahren (ich würde dann Park and Ride machen, also zum Bahnhof per Auto, dann mit der Bahn), von mir aus dauert das etwa 30 Minuten. Mit dem Auto brauche ich wahrscheinlich bei dem dichten Verkehr länger und da der Sprit leider auch scheißteuer ist, lohnt sich da das SSB-Semesterticket. Aber trotzdem überlege ich mir, ob ich bei diesem Kasperverein mitspielen möchte ...
 
Wobei die S-Bahnen jedenfalls dieses Mal zum Glück nicht betroffen sind.

Was mich an diesem Arbeitskampf irritiert: man hört gar nichts von Verhandlungen, in denen sich AG und AN Tag und Nacht einschließen und um eine Einigung ringen.
 
Japp, das ist wahr. Soweit ich weiß, geht der Streik dieses Mal gar nicht von den Fahrern aus, sondern von den Servicetechnikern? Aufgrund fehlender Wartung wurde daher nicht losgefahren, kann das sein?
 
Die Stilllegung ab Dienstag war eine Entscheidung des SSB-Vorstands. Offensichtlich hat man sich nun darauf verständigt, dass die Bahnen und Busse ab Donnerstag wieder fahren sollen. Geht doch...

Nur: was wird eigentlich "in der Sache" unternommen?
 
Es sind ja nicht nur Stuttgart, sondern auch Freiburg, Karlsruhe, Heilbronn, Esslingen, Konstanz und Baden-Baden betroffen.
 
Ja und, sollen wir die Gewerkschaften jetzt auflösen und Streiks verbieten?

Das sind Grundrechte die unantastbar sind. Alle die anderer Meinung sind, haben auch ihr Recht darauf, sie haben das nur hin zu nehmen.
 
@ sourcefreak

Hast Recht, aber Stuttgart wird durch Streiks am härtesten getroffen, einfach weil die Stadt um ein vielfaches größer ist als die anderen von dir genannten. Selbst Karlsruhe als zweitgrößte Stadt hat nur etwa halb so viele Einwohner wie Stuttgart. Daher trifft ein Streik auch immer Stuttgart am härtesten, vor allem weil es sehr sehr viele Pendler gibt, die entweder gezielt Stadtteile anfahren und zum Teil auch aus Vorstädten anrücken (zB zu der Mercedes- und Porschewerken oder zu Bosch) oder andersherum viele Menschen, die aus Stuttgart in die umliegenden Vorstädte fahren (zB nach Sindelfingen - Mercedes - ) usw.

Insofern wird Stuttgart immer sehr hart getroffen!

@ achnu

Darum geht es doch gar nicht, das Streikrecht soll es von mir aus geben, aber der Staat bzw der Verhandler muss auf der anderen Seite verhindert, dass es dazu kommt, wenn solche wichtigen Branchen betroffen sind. Zu Streiks kams ja auch in den letzten Jahren immer öfter, doch nie so häufig wie dieses Jahr.

@ all

Von vvs.de übernommen:

Ab 27. Oktober werden dann auch die Stadtbahnen und Busse der SSB wieder fahren. Zwischen SSB und ver.di wird eine erweiterte Notdienstvereinbarung abgeschlossen, die einen Fahrbetrieb ab Donnerstag wieder ermöglicht.

Scheinbar hat man etwas regeln können.
 
streik soll eigentlich ein druckmittel gegen den arbeitgeber sein - ums mal flapsig auszudrücken.

dem arbeitgeber dürften die streiks aber relativ egal sein. bleiben die kunden weg, fliegen halt mitarbeiter raus. da hat sich das streiken schonmal gelohnt. aber die ,die bleiben, weil sie schon x-hundert jahre dabei sind oder einen entsprechend hohen posten haben, unter sozialschutz stehen oder sonstwie "fein raus" sind, die bekommen dann die x% mehr lohn und gehalt, die durch die entlassungen finanziert werden.

und für all das darf der bürger "leiden". was nützt denn ein ÖPNV wenn er nicht fährt?
ein hoch auf die gewerkschaften!

@achnu
das streikrecht wird nur leider mittlerweile extrem missbraucht und pervertiert ausgelegt. hier gehts nicht mehr um unmenschliche arbeitsbedingungen oder ausbeutung. hier gehts darum, dass es leuten zuviel ist, 35h in der woche zu arbeiten und nur 30 tage bezahlten urlaub im jahr zu haben. hier gehts nur noch darum, mehr zu bekommen. mehr, mehr, mehr und noch mehr.

und deswegen sind gewerkschaften heute auch nicht mehr anders, als arbeitgeber und deren verbände. beides im grunde verbrecherorganisationen, die von der breiten und gutgläubig-naiven masse finanziert werden.
 
Zuletzt bearbeitet:
sourcefreak schrieb:
Es sind ja nicht nur Stuttgart, ...

Klar. Stuttgart ist nur für die Debatte um Streik und Gewerkschaften interessant, da hier die Arbeitgeber dafür gesorgt haben, dass in der Presse "Streik von Dienstag bis Freitag" stand, obwohl ja nur Arbeitnehmer streiken können.

achnu schrieb:
Ja und, sollen wir die Gewerkschaften jetzt auflösen und Streiks verbieten?

Das sind Grundrechte die unantastbar sind.

Ein Streikrecht gibt es meines Wissens so nicht, wenn überhaupt leitet es sich nur aus Grundrechten ab. Aber prinzipiell hast Du recht: es ist das Recht eines Arbeitnehmers, in den Streik zu treten. Nur kann man dann überhaupt über eine Verhältnismäßigkeit reden? D.h. könnte Verdi BW z.B. einen Monat lang bestreiken lassen? Wo ist die Grenze, wenn es sie denn gibt?

Partizan schrieb:
Zu Streiks kams ja auch in den letzten Jahren immer öfter, doch nie so häufig wie dieses Jahr.

Laut den Stuttgarter Nachrichten wurde seit 1906 nicht mehr so lange gestreikt. Wie halten das nur Länder wie Frankreich aus, in denen traditionell viel gestreikt wurde?

Partizan schrieb:
Ab 27. Oktober werden dann auch die Stadtbahnen und Busse der SSB wieder fahren. Zwischen SSB und ver.di wird eine erweiterte Notdienstvereinbarung abgeschlossen, die einen Fahrbetrieb ab Donnerstag wieder ermöglicht.

Scheinbar hat man etwas regeln können.

Zum Glück für die Pendler. Andererseits ist das schon abstrus, denn eigentlich sollten AG und AN nicht über Notdienstvereinbarungen verhandeln, sondern über die Forderungen der AN.

Heretic Novalis schrieb:
dem arbeitgeber dürften die streiks aber relativ egal sein.

Ein Unternehmen, in dem z.B. der Aufsichtsratsvorsitzende Schuster heißt, kann sich so ein Verhalten aber eigentlich nicht leisten. Das hat der OB auch kapiert, weshalb er Druck auf den Vorstand der SSB ausgeübt hat.

Heretic Novalis schrieb:
und deswegen sind gewerkschaften heute auch nicht mehr anders, als arbeitgeber und deren verbände. beides im grunde verbrecherorganisationen, die von der breiten und gutgläubig-naiven masse finanziert werden.

Naja, Gewerkschaften halte ich prinzipiell schon für notwendig und sinnvoll. Die Macht des Arbeitnehmers beschränkt sich ja meist auf die Rechtschutzversicherung. Da kann es oft schon sinnvoll sein, einen starken Partner an der Seite zu haben. Gewerkschaften wie Verdi haben aber auch das Problem der Finanzierung. Bei Flächentarifen profitieren nicht nur die zahlenden Gewerkschaftsmitglieder, sondern auch die "Trittbrettfahrer". Und umso mehr AN dies kapieren, desto weniger verdient die Gewerkschaft. Kein Wunder besteht die Forderung nach getrennten Arbeitsbedingungen für Gewerkschaftler und Nicht-Gewerkschaftler, auf die sich wiederum die AN nicht einlassen wollen.
 
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