nicoc schrieb:
Allerdings gäbe es das Projekt ohne Interesse seitens der Wirtschaft nicht
Ohne das Interesse der Wirtschaft hätte es auch nicht den derzeitigen Hauptbahnhof gegeben. Oder den davor. Oder möglicherweise die Eisenbahn wie wir sie kennen. Solche simplen Weltbildern mögen schön sein, um andere einzuordnen. Was dir gerade um die Ohren geflogen ist, was dich aber scheinbar nicht ausreichend irritiert um nicht eine weitere Plattitüde oben drauf zu geben. Die mögen auch schön sein um sich die Welt zu erklären. Aber sie sind nicht unbedingt das was die Welt tatsächlich bewegt.
Ja, man kann sagen, dass es ein Projekt der Wirtschaft ist. Man kann sagen, dass es den Stuttgarter selbst vermutlich eher weniger um Wirtschaft geht, sondern mehr um sein Lebensumfeld. Aber ob es tatsächlich wirtschaftlich und alleine Renditedenken ist, dass die Milliarden dort verschleudert wage ich zu bezweifeln. Wenn es danach ginge würde man das Minimum investieren und vorher seriöser kalkulieren. Nein, hier spielt viel mehr rein. Prestigedenken, Verkehrspolitik, Stadtentwicklung z.b. Die Projekte werden von einem Unternehmen geführt, was dem Staat gehört (und somit genau wem den Gewinn im Endeffekt vermacht, auch dem aus dem Ausland z.b.?). Die Verkehrsplanung selbst wird durch Politik massiv mitbestimmt. Genauso ist die Weiterentwicklung der Stadt eine originäre Aufgabe der gewählten Vertreter.
Nun, Politik ist dazu da um widerstrebende Interessen in der Gesellschaft zu vereinen. Das mag nicht immer gelingen, das mag vor allem nicht immer zur Zufriedenheit aller ausfallen. Nur so zu tun, als hätten (meine) Handlungen ohnehin keine Auswirkungen, als sei ohnehin alles fremdbestimmt, erzielt nur das, was man eigentlich beklagt.
Man kann über so viele Dinge bei S21 verwundert und erbost sein, man kann viele Punkte kritisieren. Ich selbst habe erhebliche Kritik hier geübt, auch an den politischen Begleitumständen. Aber genau das aufzugeben und zu sagen, hey, das machen die da oben ja eh unter sich aus und die eigentliche Kritik zu unterlassen, dafür braucht es keine Diskussion.
Entweder ich will ernst genommen werden, ich will Politik mitbestimmen und beeinflussen, möchte etwas verändern, dann informiere und äußere ich mich zur Sache. Und wenn ich glaube das die Verantwortlichen zu sehr von einer Seite beeinflusst werden, dann suche ich mir andere Verantwortliche oder aber ich versuche selber zu beeinflussen oder gar verantwortlich zu sein. Aber sich hier nach den ganzen Diskussionen hinzustellen und zu sagen, ist ja eh alles von der Wirtschaft beeinflusst, weil sie das macht, was sie ist, dann ist das ärgerlich naiv.
Die Wirtschaft hat ihre Interessen, du hast andere, ich habe andere (obwohl es vielleicht eine Punkt gibt, wo alle Punkte nahe beieinander liegen). Das Recht diese mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mittel auch zu verteidigen haben alle. Natürlich hat die Bahn Interesse daran die Bauarbeiten fortzusetzen. Zum eine weil sie das Projekt ja eh will, zum andern weil sie selbst natürlich Verträge darüber abgeschlossen hat, es also tatsächlich Geld kostet und man weder einen halben, noch einen ganzen Bahnhof hat. Weil der Bau nun mal schon begonnen ist. Der Baustopp war deswegen ausgesprochen worden, um dem Thema den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er war also nicht kostenlos und sicher auch nicht für so lange Zeit kalkuliert. Die Umstände warum es dazu gekommen ist, die sind vielleicht nicht für mich moralisch unbedingt in Ordnung. Aber ist es verwerflich, wenn ein Unternehmen was seine Interessen schützen soll und muss, damit es eben genau diese Definition als Unternehmen erfüllt, genau das auch macht? Heißt das automatisch, dass dem statt geben wird? Genau dafür wähle ich ja die Vertreter, die meiner Meinung am ehesten zusagen.
Die Umstände wurden vorher von der Politik bestimmt und jetzt auch, nur eben unter anderen Vorzeichen. Man mag an der Ehrlichkeit bestimmter Gesten zweifeln, aber wir sind alt genug um zu wissen, dass jeder, auch die hier Anwesenden, zunächst seine Interessen beschützt. Entgegenkommen gibt es nun mal dann, wenn man sich davon etwas verspricht. Ja die Politik hätte vorher stärker intervenieren müssen, es hätte nicht zu den ganzen Begleiterscheinungen kommen müssen, aber am Ende hat es wiederum doch die Politik beeinflusst, gerade weil sie zunächst zu passiv war. Daraus versucht man ja zu lernen um nicht wieder vor vollendeten Tatsachen zu stehen.
PS. Das es einen Baustopp, einen Stresstest, einen Regierungswechsel, einen ständigen Strom an Nachrichten und Diskussionen dazu gibt, dass empfinde ich eben nicht gerade als "wenig Gehör finden". Höchstens halt als "nicht meinen Willen bekommen", je nach dem wie man zu Stuttgart 21 steht. Aber das sind für mich unterschiedliche Dinge.