kim88 schrieb:
Menschen können freie und eigene Entscheidungen treffen und die Weichen für ihr Leben stellen
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Menschen auch mittel- und langfristig mit den Konsequenzen - die aus diesen Entscheidungen kommen - leben dürfen oder müssen. So komplex ist das nun wirklich nicht.
Eben. Menschen setzen sich ihre eigenen Ziele ... und die sind eben nicht zwingend mit den Zielen anderer Identisch.
Ich kann mich in dem Gebiet, auf welches ich mich im Studium spezialisiert habe, weiterbilden lassen, so viel ich will ... ein besseres Gehalt springt dabei nicht raus, weil der ganze Bereich einfach scheiße bezahlt wird, und die wirklich attracktiven Jobs eben nur dann frei werden, wenn mal einer stirbt oder in den Ruhestand geht.
Gerade weil man in dem Bereich nicht viel Geld verdient, sitzen dort auf den Stellen haufenweise Leute, die garnicht einsehen, den Job "schon mit 65" hinzuwerfen ... die werden dann teilweise mit 80 Zwangsverrentet ... und lungern trotzdem noch weiter in ihrem ehemaligen Berufsumfeld rum, solange das die Gesundheit irgendwie zulässt.
Aber ich habe diese Entscheidung getroffen und lebe nun mit den Konsequenzen.
Das bei Teilzeit keine auskömmliche Rente zusammenkommt, ist mir spätestens seit meinem 25 Lebensjahr klar ... ich werde arbeiten müssen, bis es wirklich nicht mehr geht. Und auch das ist eine Perspektive, mit der ich mich vor Jahrzehnten schon abgefunden habe. Kreativarbeiter sterben halt arm ... und das weiß auch jeder vorher, weswegen die meisten das auch eher als "Nebenjob" bzw. "teures Hobby" betrachten.
Ich arbeite als Angestellter, um das Geld für mein teures Hobby ranzuholen ... Riechtum war nie mein Ziel.
Die ganze Debatte um die Faulheit oder den mangelnden Leistungswillen der "GenZ" hat mMn nur einen Kern. Das ist der Gedanke "mir selbst ging es am Anfang auch scheiße, und warum sollen die jungen Leute es einfacher haben?".
Damit mal klar wird, wie sinnlos sowas eigentlich ist:
Ich musste im Mathestudium das schriftliche Radizieren lernen.
Da könnte ich mich jetzt ja auch hinstellen, und behaupten, dass niemand sich "Mathematiker" nennen darf, der das nicht kann ... dabei nutzt das heute wirklich niemand mehr, weil jeder Billigst-Taschenrechner das einfach viel schneller kann.
Rechnen mit Logarithmentaflen ... das gleiche ... wozu soll man eine Berechnungsmethode erlernen, die darauf ausgerichtet war, das Rechnen zu vereinfachen, weil es keine technischen Hilfsmittel gab.
Heute braucht das keine Sau mehr, weil es technische und elektronische Hilfsmittel gibt.
Niemand berechnet die Statik eines Bauwerkes heute noch mit einem Rechenschieber und einer 7-stelligen Logarithmentafel in der Hand ... die Berechnungen macht der Computer.
Wozu soll ich lernen, Winkel mit Zirkel und Lineal/Geodreieck zu konstruieren, wenn ich im Arbeitsalltag dann eh mit einem Grafikprogramm arbeite, bei dem ich für die selbe Arbeit nur auf das passende Bildchen klicken muss?
Für einen rechten Winkel (oder 45°, 22,5°, 112,5° u.s.w.) brauche ich nur zwei Stöcker und ein Stück Bindfaden ... aber dafür kannste in der modernen Welt eben auch nichts kaufen, denn was ich dazu auch brauche, ist ein bisschen mehr Zeit, als die 3ms, die das Grafikprogramm braucht.
Aber das könnte ich alles ignorieren, und behaupten, dass man da halt durch muss, wenn man sich Mathematiker nennen können will ... aus nur einem einzigen Grund: "Ich musste da ja auch durch".
Tatsächlich waren die obigen Beispiele (schriftl. Radizieren, die Arbeit mit Logarithmentafeln und das geometrische konstruieren) historisch interessant ... aber in der mit einem abgeschlossenen Mathestudium zugänglichen Arbeitswelt nunmal unnützes Wissen bzw. sogar "Balast".
Ich weiß, wie es geht, wenn die maschinellen Hilfsmittel mal ausfallen ... aber in der modernen Arbeitswelt geht mit ausgefallenen Hilfsmitteln schon aus versicherungstechnischen Gründen einfach garnichts mehr. Wozu sich also mit dem Wissen belasten, welches man nur dann bräuchte, wenn man mit ausgefallener Technik weiterarbeiten dürfte?