Jo_Bo schrieb:
Mal ne ganz ernstgemeinte Frage: können wir wirklich sicher sein, dass unsere Maßnahmen "unterm Strich" erfolgreicher sind, als ein "Ignorieren" des Problems?
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Weil eines weiß man sicher: Wenn die Fallzahlen zu hoch steigen, wäre das Gesundheitssystem sicher recht schnell überlastet. Man sieht es am Beispiel anderer Länder. Hier ist es jedoch (noch) nicht so. Und man sieht z.B. am Beispiel von Südkorea (deren Angaben ich für zuverlässiger und nachvollziehbarer halte als die von China), dass gezielte Maßnahmen sehr wohl einen großen Effekt haben können.
Die wichtigsten Maßnahmen sind dazu ein möglichst breites Testen (also Erkennen Infizierter), deren gezielte Isolation und die Isolation der Kontaktpersonen. Damit kann man die Ausbreitung des Virus einigermaßen im Schach halten. Dazu wurden in Südkorea allerdings sehr strikte Nachverfolgungsmaßnahmen angewendet, unter anderem via Handy-/Bewegungsdaten. Das ist in D datenschutztechnisch problematischer. Es wird aber auch hier kommen, und ich halte es angesichts der Situation auch für temporär gangbar (und das sage ich als sehr datenschutzbewusst agierender Nutzer). Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen!
Werden wir nicht früher oder später sowieso von der Dynamik überwältigt und haben dann das selbe Szenario wie ein Land, das nichts unternimmt?
Nein, nicht, wenn wir uns am Beispiel von Südkorea orientieren. Und nicht, wenn wir berücksichtigen, dass wir durch den Zeitgewinn bereits jetzt viele zusätzliche Intensivkapazitäten schaffen konnten. Außerdem gibt es in einigen Wochen vielleicht eine teilwirksame medikamentöse Behandlungsmöglichkeit. Kurzum: Wir gewinnen dadurch mehr Mögllichkeiten und vergrößeren die Wahrscheinlichkeit eines insgesamt günstigeren Verlaufs.
Mit dem Unterschied, dass es bei uns länger dauert und die wirtschaftlichen Schäden durch den Lockdown (noch) größer sind?
Klar ist, dass wir die Maßnahmen verfeinern müssen. Dieses Verfeinern vorzubereiten, zu organisieren, wird uns nun jedoch gerade durch den Lockdown und den daraus resultierenden Zeitgewinn überhaupt erst ermöglicht, als ohne. Mit verfeinerten Maßnahmen meine ich z.B. die später gezielte "Nachverfolgung" von Infektionen, Infizierten, und deren Kontakten über Handy-/Bewegungsdaten. Dadurch kann man etwas weiter weg von "Masseneindämmung" hin zu "gezielter Eindämmung" gehen: Dort, wo es konkret Betroffene gibt.
Damit jedoch so viele Betroffene wie möglich identifiziert werden können, und davon wird letztlich auch die Effizienz dieser Maßnahmen insgesamt abhängen, brauchen wir mehr Tests in der Breite. Dazu brauchen wir neue und zugleich zuverlässige Schnelltestverfahren, und zu deren Entwicklung braucht es etwas Zeit -- die wir ja gerade gewinnen.
Selbst Frau Merkel hat ja gesagt, dass sich 60 - 70% der Menschen infizieren werden.
Ja, aber auf Zeit. Das kann auch zwei Jahre dauern. Und in einigen Monaten kann es einen Impfstoff geben. Dann wird die Herdenimmunität vorgezogen künstlich durch eine Impfung erzeugt.
Wenn dem so ist - warum dann nicht möglichst schnell?
Weil wir dann auf einen Schlag in der Spitze so viele Schwerstkranke haben, dass die Krankenhäuser unter der Last zusammenbrechen. Auch andere schwer kranke Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Unfällen, etc., können dann nicht mehr versorgt werden.
Zwischen 50 und 60 Millionen Infizierte werden das Gesundheitssystem sowieso total überlasten.
Jedoch nicht auf "gestreckte Zeit", und vielleicht gar nicht bis dahin, wenn uns der Zeitgewinn entweder Medikament oder Impfung beschert.
Auch wenn man das Geschehen auf mehrere Jahre strecken würde (was wirtschaftlich einfach gar nicht möglich ist).
Da das wirtschaftlich nicht geht, müssen in der Tat andere Wege gefunden werden, die die "Massenkontaktverringerung" durch gezieltere Maßnahmen mit dem "virtuellen Skalpell" ersetzt (siehe u.a. Handydaten).
Anders gesagt: ich sehe gerade kein positives, mögliches Szenario. Leider.
Ich sehe es angesichts der obigen Punkte etwas (vorsichtig) optimistischer.