it_green schrieb:
Das mit der Lobbyarbeit ist sicher ein Teil des Problems, aber ich denke es gibt noch mehr Gründe warum wir so hinterherhinken.
Aus meiner Sicht ist ein wichtiger Grund bei allem was irgendwie mit technischen Fortschritt zu tun hat, Deutschland ein sehr technologiekritisches bis sogar feindliches Land ist. Mit dem kurzsichtigen Argument “brauch ich nicht” werden Glasfaser Angebote abgelehnt, erst Recht wenn sie auch nur geringfügig teurer sind, als DSL oder Kabel. Die blockierenden Haltungen von Eigentümern bei Mehrfamilienhäusern tun ein übrigens.
Mittlerweile haben wir die kuriose Situation das auf dem platten Land eher FTTH zu finden ist als in Großstädten. Vermutlich weil die ländliche Siedlungsstruktur mit sehr hohem Anteil an Einfamilienhäusern eine höhere Homes-connected Raten verspricht.
Dr. Chaos schrieb:
Man ja keinen Unterschied zu Deutschland, wir haben nach wie vor genügend Gebiete ohne DSL oder mit sehr langsamen DSL.
Die sind aber mittlerweile wirklich extreme Ausnahmen und beschränken sich auf einzelne Liegenschaften fernab von Ortskernen. Wenn ich mal als Beispiel meine Region, nördliches Baden-Würtemberg nehme:
Die Telekom hat zwischen 2016 und ca. 2020 ganz massiv FTTC ausgebaut (wie vermutlich überall in Deutschland), dabei haben sie vor allem den Fokus auf die Städte und deren „Speckgürtel“ gehabt. Die etwas abgelegeneren Dörfer hat die Telekom in der Tat gerne mal liegengelassen, da haben sich dann die GF Anbieter wie BBV oder auch deutsche Glasfaser breitgemacht. Die hatten da natürlich leichtes Spiel, weil die entsprechenden Bewohner auf dem trockenen saßen und teilweise mit DSL Light vorlieb nehmen mussten.
Jetzt ist die Situation anders: Die Telekom ist vor allem dort aktiv, wo sie schon FTTC hat, ist ja logisch, schließlich will sie ihre Kunden nicht an den Wettbewerb verlieren (mit Kunde ist hier jeder VDSL Nutzer gemeint, denn auch mit BSA Kunden verdient sie Geld, und auch die Telekom Partner wie 1und1 werden ein Interesse daran haben, dass ein Gebiet nicht an einen Drittanbieter ohne Open Access geht)
Der Ausbau durch die reinen GF Anbieter wie Deutsche Glasfaser oder BBV ist spürbar ins Stocken geraten, denn die „leichten“ Ziele sind mittlerweile alle erschlossen. Jetzt sind nur die wirtschaftlich anspruchsvollen und risikoreicheren Gebiete übrig (also z.B. da wo es bereits Konkurrenz mit Kabel und/oder VDSL gibt, viele MFH mit schwieriger Eigentümerstruktur, usw.)
rezzler schrieb:
Hier wurde in FTTC investiert und damit zeitgemäße Geschwindigkeiten für recht viele Kunden geschaffen.
Ich denke ohne Telekom FTTC ständen wir heute in vielen Regionen Deutschlands schlechter da, insofern war der Schritt in Summe richtig. Aber jetzt erschwert es halt den Schritt zu FTTH, aber anders als vor 10 Jahren prophezeit. Damals wurde befürchtet, dass die Telekom damit das Interesse am FTTH Ausbau verliert. In Wirklichkeit sind es mittlerweile die Kunden, denen VDSL reicht. Man sieht ja, dass nur ein Bruchteil der Kunden die maximale Stufe von 250MBit/s nutzt, obwohl diese Stufe mittlerweile an den meisten Anschlüssen zur Verfügung steht.
Das zusätzlich, da wo verfügbar, Kabel regelrecht „verramscht“ wird, hilft auch nicht.
Der mittlerweile stockende GF Ausbau ist damit hauptsächlich den Marktrealitäten geschuldet: Die Low-hanging Fruits sind geerntet, jetzt wird es schwieriger, die Anbieter stoßen auf mehr Schwierigkeiten und haben zusätzlich Mühe, den Kunden einen echten Mehrwert zu verkaufen. Der Anwendernutzen eines Internetanschlusses wird nicht automatisch höher, wenn per FTTH realisiert wird.