@Ganzir:
a) Ja, es gibt auch anderswo direktdemokratische Elemente. D-Land, USA, und Österreich wären da speziell hervorzuheben. Hab noch ne nette Übersicht bei Wikipedia gefunden (inkl. Argumente dafür und dagegen):
http://de.wikipedia.org/wiki/Direkte_Demokratie
b) Du schreibst ja unter a), dass es auch anderswo direktdemokratische Elemente gibt. Die USA haben ja eine stattliche Grösse. Ist definitiv das gleiche Kaliber wie die EU, obwohl im Total nicht ganz so gross. Ganz so unmöglich ist es also nicht. Sonst gäbe es nicht mal diese "Elemente". Zudem besteht die EU immer noch aus Nationalstaaten. Zuerst müsste dort eine Anpassung erfolgen. Es nützt nichts auf der obersten Ebene was zu machen, wenn unten nichts geht.
c) Klar. Da gebe ich Dir schon Recht. Aber einen Versuch wäre es doch wert? Man muss ja nicht gleich alles umstellen. Man kann (bzw. MUSS) es in kleinen Schritten erweitern. Ihr habt den Anfang schon längst getan. In anderen europäischen Ländern sieht es viel düsterer aus (IMHO). Mir fallen jetzt grad spontan Frankreich und Irland ein. Da macht man eine Referendumsabstimmung zu einem wichtigen Thema (ging um EU-Verträge, wenn ich mich recht erinnere). Als das Resultat dann nicht gepasst hat, hat man einfach marginale Änderungen gemacht und wieder abstimmen lassen. Bei uns ist sowas absolut verpönt. Wir haben zwar über gewisse Sachen schon mehrfach abgestimmt. Z.B. den UNO-Beitritt. Wir haben den Beitritt mehrfach abgelehnt und schlussendlich angenommen. Dazwischen lagen aber grosse Zeiträume (mehrere Jahre) und die Situation hatte sich verändert.
Was die Umsetzbarkeit angeht, gibt es natürlich schon Probleme, für welche man Lösungen finden muss. Ich denke aber, es gibt solche Lösungen.
Bei uns sind die Vorgaben für das Zustandekommen einer Initiative und eines Referendum klar definiert. Eben, damit man negative Effekte möglichst ausschliessen kann. Bei uns hat sich das System eingespielt und es funktioniert soweit ohne die Probleme, welche Du ansprichst.
Die Schweiz hatte ja auch nicht immer die heutige Grösse. Eine starke Bevölkerungszunahme war z.B. zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und heute. Um 1940 waren es etwas mehr als 4 Mio. Einwohner. Heute sind wir deutlich über 7.5 Mio. Einwohner und die 8 Mio. Marke ist nicht mehr weit entfernt. Einwohner entspricht natürlich nicht stimmberechtigen Schweizern, aber es gibt auch Schweizer im Ausland, welche auch Abstimmen können. Die Zahlen sind also nur ungefähre Anhaltspunkte.
http://www.google.ch/url?sa=t&rct=j...8YDoAQ&usg=AFQjCNHvTVTM9AnQZmDr9wj9Kz5ot_kqzA
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01.html
Wenn man es im grösseren Rahmen anschaut, dann gab es mit dem Einsetzen der Industrialisierung bis heute ein Wachstum. Man musste die Strukturen auch immer wieder leicht anpassen. Die letzte tiefgreifende Reform war 1848.
Eine gewisse Skalierbarkeit ist schon gegeben. Wie weit die Skalierbarkeit geht, ist natürlich ein offener Punkt.
Es hat aber auch mit den technischen und organisatorischen Mitteln zu tun, welche zur Verfügung stehen. Gerade das Internet-Zeitalter wäre an sich eine gute Voraussetzung für direkte Demokratie. Ich muss zugeben, dass wir gerade was das angeht, auch in der Schweiz noch am Anfang stecken. Wahlen mit elektronischen Hilfsmitteln bzw. über Internet gibt es noch nicht.
Es ist auch wichtig, dass man lokale Gegenheiten in einem Land berücksichtigt. Direkte Demokratie in einem anderen Land braucht nicht identisch zu sein mit der in der Schweiz. Man müsste eigentlich sogar sagen, dass es gar nicht möglich ist, alles 1:1 zu übertragen. Wenn man sowas machen würde, dann würde man gerade die Fehler machen, welche ich in den vorherigen Posts der EU angekreidet habe. Und es braucht Zeit. Viel Zeit. Sowas geht nicht von heute auf morgen.
Ich muss schon sagen, dass ich die Diskussion in diesem Thread bisher sehr wertvoll finde. Auch wenn ich einschränkend eingestehen muss, dass ich ja selber sehr viel geschrieben habe. Die Rückmeldungen fand ich aber bisher alle sehr gut und auch begründet.
Noch ein kleiner Einschub: Seit einer Weile engagiere ich mich hier in der Schweiz bei einer Partei. Nicht weil ich Politik toll finde. Sondern weil in den letzten Jahren bei uns sehr viel schief gegangen ist. Die Frage ist halt, ob man einfach zusehen will, wenn es schief läuft. Oder ob man selber was dagegen tun will. Die Finanzkrise war sicher ein Auslöser für mich. Ich finde auch, dass gewisse (z.T. digitale) Dinge bisher nicht vertreten worden sind. Persönlich bin ich zwar im Moment nicht für irgendein Amt wählbar und mein Engagement findet vor allem parteiintern statt, aber es ist gut möglich, dass der Inhalt dieses Threads seinen Weg in Diskussionen findet, welche wir bei uns in der Partei haben. Und vielleicht helfen die Resultate dieser Diskussionen dabei Verbesserungen zu erzielen. Gerade die Anpassung der direkten Demokratie in der Schweiz an Möglichkeiten des Internet-Zeitalters ist ein häufig diskutiertes Thema.
Wenn ich bisher in Sachen Politik und direkte Demokrate was gelernt habe, dann ist es folgendes: Politik ist Chaos. Z.T. kommen auch sehr wirre und schlechte Vorschläge auf den Tisch. Abstimmungen sind auch oft eine Zitterpartie und es gibt Überraschungen. Ich staune aber immer wieder, dass direkte Demokratie trotzdem vergleichsweise gute Lösungen hervorbringt. Trotz des Chaos', welches am Anfang gestanden hat. Insofern hat sich mein Vertrauen in das System verbessert, seitdem ich mich engagiere. Es ist natürlich trotzdem chaotisch und manchmal raubt es einem den letzten Nerv. Direkte Demokratie kann verdammt mühsam sein. Parteiversammlungen und eingehaltene Tagesabläufe? Fehlanzeige! Fast immer dauert es länger als geplant. Und trotzdem kommt meistens etwas brauchbares dabei raus.
Da wir hier auf einem Computer-Forum sind und es meiner Meinung nach auch gewisse Grenzen gibt in Sachen politischer Äusserungen, werde ich nicht direkt erwähnen, wo meine politische Heimat ist. Aber einen kleinen Hinweis gebe ich: Wo würde sich denn ein Computer-Freak am ehesten wohlfühlen? Ist doch gar nicht so schwer zu erraten...
NACHTRAG: Welche seltsamen (aber im Prinzip harmlosen) Blüten (direkte) Demokrate manchmal hervorbringen kann, sieht man z.B. an dieser Meldung:
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Staenderaete-stimmen-weiterhin-per-Hand-ab-20454859
*am Kopf kratz* Frage mich im Moment schon, ob die Damen und Herren in unserer kleinen Kammer da nicht was verpennt haben. In der grossen Kammer (Nationalrat) geht es schon lange. Die Argumentation für das "nein" ist eher nicht nachvollziehbar: «Es geht ein Stück politischer Kultur und Qualität verloren»
Alle Neuerungen am System (und seien es noch so kleine) werden bei uns meistens sehr skeptisch aufgenommen und zeitlich konservativ umgesetzt. Bis zu elektronischen Abstimmungsmöglichkeiten für die Bevölkerung ist es noch ein ganz langer Weg.
Es gibt aber auch einen Sinn: Ganz wichtig ist die Glaubwürdigkeit und die Akzeptanz von Abstimmungsprozessen (und deren Resultaten). Insofern schadet es nicht, wenn es gemächlich angegangen wird. Gerade bei einer Abstimmung über's Internet denken viele auch an Manipulationsmöglichkeiten. Die gibt es zwar auch theoretisch bei "normalen" Abstimmungen, aber man muss solche Vorbehalte ernst nehmen und ein wirklich sicheres und überprüfbares Prozedere schaffen.