strempe schrieb:
Wenn mit (innerer) Zwang natürlich die Steigerung von Drang gemeint ist, so ist die finale Entscheidung aber immer noch bei der Person selbst. Es kann aber auch sein, dass wir gerade fürchterlich aneinander vorbei reden
Nein, wir reden nicht aneinander vorbei (zumindest nicht komplett oder fürchterlich).
Die Person selbst trifft die Entscheidung, aber sie trifft sie aufgrund von Leidensdruck ... man darf berechtigt fragen, in wie fern das eine wirklich freiwillige Entscheidung ist, oder ob sie eben primär darauf beruht, Leidensdruck wegzunehmen.
Der Leidensdruck entsteht wohl auch gerade dadurch, dass die Gesellschaft (also das eigene engere Umfeld) gewisse Erwartungen stellt, und es wahrscheinlich auch vieles erleichtert, wenn man diesen Erwartungen entsprechen kann und nicht nur eine diesen Erwartungen entsprechende Fassade aufbaut, damit einen die anderen in Ruhe lassen.
Eine Fassade aufzubauen und zu pflegen, ist mühsam und anstrengend und natürlich möchte man den Erwartungen aus dem Umfeld auch entsprechen, das gibt schließlich Lob und Anerkennung, und die finden wir alle irgendwie schön.
Was passiert aber, wenn man sich selbst damit unglücklich macht?
In dieser Situation sind mMn Transidente, denn die sind der gleichen geschlechtsspezifischen Sozialisation ausgesetzt, wie alle anderen auch ... die führt nur nicht zu einer mit dem Körper wirklich identischen Geschlechtsidentität, sondern eben zu dem Problem, im falschen Körper zu stecken.
Man kann dann zwar Erwartungen erfüllen, aber die passen eben nicht oder nicht gut genug zum anhand biologischer Merkmale festgestellten Geschlecht.
Die individuelle Ausformulierung der eigenen Geschlechtlichkeit beschäftigt uns alle für mindestens 20-30 Jahre ... danach ist das oft gefestigt (aber auch nicht immer). bei der überweieenden Mehrheit kommen dann Geschlechtsidentitäten heraus, die stabil und zum Körper passend weiblich oder männlich sind.
Die, bei denen das nicht so funktioniert, stecken dann aber trotzdem im falschen Körper, haben sich bemüht, ihre Geschlechtsidentität an diesen Körper anzupassen, sind aber dabei irgendwie gescheitert.
Jeder kennt das Gefühl, etwas zu versuchen, was man dann aber einfach nicht geschissen kriegt, obwohl man sich bemüht hat ... eshat einfach nicht gereicht. Meist kann man das auf fehlendes Wissen, mangelnde Erfahrung und so weiter zurückführen und bleibt mental mit sich im Reinen (entdeckt eventuell sachen, an denen man arbeiten will).
Und jetzt potenziert das ganze und stellt euch vor, es geht dabei um etwas, was körperlich ist, nicht mal eben zu verändern (einen anderen Körper kann man sich nicht einfach erarbeiten), und obendrein noch in der Gesellschaft in der ihr lebt, prominent gesetzt wird.
Diesen Leidensdruck kennen viele Menschen garnicht ... das kann bei unpraktischen Atributionsmustern (alles auf eigene Fehler beziehen) sogar zu Selbsthass führen. Denn nicht die Gesellschaft hat falsche oder komische Erwartungen, sondern ICH bin das Problem ... ICH kann diese Erwartungen nicht erfüllen.
Dabei gilt beim Gender das selbe, was wissenschaftler auch zu den leidigen Leitkultur-Ideen gesagt haben. Man kann zwar eine Leitkultur fomulieren, sollte aber eben nicht erwarten, dass mehr als 10% derer, auf die sie sich anwenden lassen müsste, auch mit allen merkmalen dieser Leitkultur übereinstimmen.
Bei Geschlechtsrollenbildern ist das ähnlich. Kaum ein Mensch erfüllt das, was Connell in "der gemachte Mann" als Rollenvorbild für Männlichkeit präsentiert hat zu 100% ... denn dann müssten alle Männer übel gelaunt, verschwitzt und blutig durch den Wald robben, und immer postulieren "ich habe diesen Krieg nicht gewollt" (das männliche Rollenvorbild bei Conell war John Rambo).
Kaum ein Mann ist wirklich so, aber alle orientieren sich irgendwie dran ... egal, ob sie das gezeigte Verhalten bewundern oder sich gezielt davon abgrenzen wollen ... so funktioniert hegemoniale Männlichkeit.