Ich bin alles andere als ein HArdcore Kapitalist.
Keine Ahnung wie ausgeprägt die Einstellung bei dir ist. Was du schreibst klingt halt in meinen Ohren schon recht hart. Im Gegenzug darfst du mir aber gerne Naivität vorwerfen.
Ich verstehe deine Argumentationskette. Und wie gesagt, man kann dieser Meinung sein, dass am Ende aller Details eigentlich immer stehen bleibt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Das einzige was ich sage ist, das es Menschen gibt die soviel Schmieden können wie sie wollen, sie werden aus ihrem Loch nicht heraus kommen. Viele weil sie es wirklich nicht können, andere womöglich weil sie nicht (mehr) wollen. Nach dem xten unbezahlten Praktikum geben viele irgendwann die Hoffnung auf.
Am Ende bleibt bei dir stehen, dass sich jeder selbst aus dem Dreck ziehen sollte und wers nicht schafft bleibt auf der Strecke (oder wird wenigstens zum moralischen Freiwild erklärt). Du würdest die Leute vermutlich auch nicht verhungern lassen, aber mehr als unbedingt nötig haben sie auch nicht verdient. Ich dagegen sehe die Habenden in der Pflicht, sich für die schwächeren einzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass sich mal nen Schmarotzer durchfüttern lässt. Deine Sichtweise finden die Armen ungerecht, und meine eben die Habenden. Irgendeiner fühlt sich immer auf die Füße getreten. Ich bin kein gläubiger Christ, aber Nächstenliebe, Vergebung, Hilfe, Solidarität, Gemeinschaft und all dieser nutzlose und naive Spinnerscheiß sind mir eben wichtiger als Geld und wirtschaftliches Wachstum.
Was ich mich immer Frage ist (kein Vorwurf an dich!!!)
woher diese Einstellung kommt. Du stehst damit ja auch nicht alleine da. Im Gegenteil. In Summe dürfte ich mit meiner spinnerten und naiven Vorstellung einer besseren Welt, wo sich Menschen helfen statt sich umzubringen, im Gegensatz zu dir recht, einsam dastehen. Nicht falsch verstehen. Wenn man dich und all die anderen ohne Vorbedingung vor die Wahl einer gnadenlosen Ellenbogengesellschaft vs. kooperative Gesellschaft stellen würde, würden vermutlich auch die meisten sich für die kooperative Variante entscheiden.
Aber warum lebt der aller größte Teil der Menschen im Alltag etwas anderes, als das was sie sich eigentlich wünschen?
Ich kanns mir nur so erklären, dass dieses Prinzip immer höher, weiter, schneller als der Nachbar und dieses Konkurrenz und Rivalitätsdenken so hart in unserer Genetik verdrahtet ist, das der Verstand es nicht schafft sich drüber hinweg zu setzen. Hinzu kommt scheinbar auch, dass diese Art zu leben die einzig richtige ist. Extrem krasses Gegenmodell könnten die San sein. Klar, aus unserer Sicht leben die nichtmal im Mittelalter sondern in der Steinzeit. Aber das tun sie zig tausenden von Jahren ohne richtigen Besitz und ohne ihrer Umwelt zu schaden. Und viele antworten auf die Frage ob sie zufrieden sind mit "ja". Vielleicht kann man sich ja irgendwo in der Mitte treffen?
Fast alle die ich kenne wünschen sich am Ende aller Diskussionen (und ich führe viele;-) ) eine friedliche Welt in der man in halbwegs intakter Umwelt frei leben kann. Details unterschieden sich aber im Prinzip sind sich fast alle einig.
Nur sagen ebenso fast alle, das wird eh nix, also braucht man es auch nicht versuchen, und solange die anderen nicht anfangen, mach ich erstmal garnix. Ich bin doch nicht blöd, am Ende nimmt mir einer was weg.
Ergebnis: Alle spielen weiter wie bisher das jeder gegen jeden Spiel. Es werden zwar volatile Koalitionen gebildet um kurzfristig einen Vorteil raus zu schlagen, aber keiner ist bereit mal die Grundlegenden Regeln des Spiels zu ändern.
Solange aber keiner an die zugrunde liegenden Regeln geht, bleibt bei einer Rentendiskussion leider nur das sich weiter im Kreis drehen. Das Geld wird weiter knapp sein und die die das Glück haben welches zu besitzen, werden es sich von denen die nix haben nicht wegnehmen lassen wollen. Man kann also bis zum Sankt Nimmerleinstag über die mehr oder weniger gerechte Verteilung von in Summe zu wenig reden. Oder man denkt mal kreativ und abseits der alten Pfade über komplett andere Alternativen nach.
Aber leider ist unser Wirtschaftssystem, und damit einhergehend die Probleme mit Arbeitsmarkt und Rente, ja Alternativlos. Wie so vieles heutzutage sooo unglaublich Alternativlos ist, dass es sich nicht mal lohnt über Alternativen nachzudenken.
Ich weiß also das ich naiv bin und aus Sicht der meisten Menschen dieses Landes einer völlig verrückten und unrealistischen Idee folge. Und ich weiß auch, das die Chancen meiner Vision verschwindend gering sind. Aber ich sehe auf der einen Seite eine winzige Chance, dass es wider Erwarten doch klappen könnte, während das weiter so unweigerlich in einer zerstörten Umwelt und Kriegen endet. Um meine Rente mach ich mir dann auch keinen Kopf mehr.
Und warum schreibe ich all den Mist?
Ich hätte vor nicht mal 15 Jahren sehr ähnlich wie Mustis (und viele andere auch) argumentiert. Aber offenbar ist in der Zeit irgendwas passiert was meine Meinung deutlich geändert hat. Und nein, ich bin nicht sozial abgerutscht, sondern habe das gemacht was ihr immer fordert. Ich hab mir mein Leben selbst und ohne Hilfe aufgebaut; hätte also auch alles Recht auf meiner Seite für den Erhalt des erreichten zu kämpfen.
Aber dennoch ist offensichtlich irgendwas passiert was mein Mindset geändert hat. Und ich hoffe schlicht und ergreifend, dass die in den nächsten Jahrzehnten kommenden Veränderungen das Mindset anderer Menschen eher in meine naive und spinnerte Richtung drehen, als in die Gnaden- und Herzlose Richtung wie sie Le Pen, AFD, CSU, UKIP... und all die anderen propagieren.
EDIT:
So böse es klingt, aber es ist tatsächlich sehr teuer ältere anzulernen.
Und was empfiehlst du was wir mit ihnen machen sollen?