Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sank die Kinderzahl pro Frau in relativ kurzer Zeit von fünf auf unter zwei. Und vor 30 Jahren senkte der Pillenknick die Rate in etwa auf das heutige Niveau von 1,4 Kindern pro Frau. Bei einer so niedrigen Fertilitätsrate schrumpft die Bevölkerung zwangsläufig, sofern der Effekt nicht ausgeglichen wird.
In den Medien wird häufig die Geburtenrate genannt, also die Anzahl der Neugeborenen pro 100.000 Einwohner. Auch wenn die Kinderzahl pro Frau seit 30 Jahren mehr oder weniger konstant ist, nimmt die Geburtenrate ab, weil die Menschen älter werden. Das fiel lange Zeit nicht ins Gewicht, weil zugleich die Kindersterblichkeit zurückging und weil das allmähliche Schrumpfen durch die Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland abgefedert wurde. Aber heute reden wir nicht mehr wie noch vor 25 Jahren von Überbevölkerung, sondern erkennen, dass der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung stetig sinkt.
Materieller Wohlstand bei gleichzeitiger Armut an Kindern ist für den Soziologen Meinhard Miegel kein Widerspruch: „Die Kinderarmut in individualistischen Wohlstandsgesellschaften ist
Ausdruck des Wesenskern dieser Gesellschaft“.
Gemeint ist damit, dass sich „breiten Schichten“ der Bevölkerung (wie Arbeitern, Angestellten, bürgerliche Frauen) mittlerweile genug Alternativen bieten, die attraktiver erscheinen als die Aussicht, Kinder großzuziehen. Für bürgerliche Männer existierte diese Wahlfreiheit schon viel früher. Sie konnten sich leichter gegen eine Familie und für die berufliche Karriere, für das Streben nach Selbstverwirklichung oder für ihre Autonomie entscheiden. Diese Mentalität hat inzwischen große Teile der Gesellschaft erreicht. – Hier könnte man ansetzen, um BessenOlli zu folgen: Die Erfolgreichen („Klugen“) entscheiden sich häufiger gegen Kinder, die Erfolglosen („Dummen“ oder „sozial Schwachen“) entscheiden sich häufiger dafür.
Die Autorin
Meike Dinklage betont dagegen einen
Zeugungsstreik. Denn ein Viertel der Männer in Deutschland wollen keine Kinder, jedoch nur 11 Prozent der Frauen. Der Mangel an Vätern ist somit eine wesentliche Ursache für Kindermangel sowie für den Umstand, dass zahlreiche Frauen weniger Kinder bekommen als sie gerne hätten.
Wer heute gutes Geld verdient, berücksichtigt wahrscheinlich eher, dass sein Einkommen und auch seine Rentenansprüche wesentlich von der Erwerbsarbeit abhängen: Wenn die Erziehung von Kindern zu Lasten des Jobs bzw. des Einkommens geht, dann tut das weh. Außerdem geht das Großziehen von Kindern richtig ins Geld und es fällt mehr Arbeit im Haushalt an, für die man nur wenig Wertschätzung erfährt. – Wenn jemand dagegen ohnehin keine Arbeit hat, braucht er für Kinder auf nichts zu verzichten. Im Gegenteil locken das Erziehungs- bzw. Kindergeld sowie eine Anhebung der Sozialleistungen.
Für die berufstätige Frau kann es ein (psychologisches) Problem darstellen, von Sozialleistungen abhängig zu werden, wenn sie wegen ihrer Kinder nicht länger arbeiten gehen kann. Dieses Problem entsteht dadurch, dass Familienpolitik in erster Linie über Geldleistungen abgewickelt wird. Gäbe es mehr Betreuungsplätze und Ganztagsschulen, sähe die Sache nämlich vielleicht anders aus. Aber so wird lediglich Geld gezahlt und man fragt sich als Mutter oder Vater, warum kinderlose Ehepaare über das Ehegatten-Splitting ebenso leicht an Geld vom Staat kommen können, ohne dafür Kinder großziehen zu müssen.
Wer berufstätig ist und Kinder haben möchte, wird von Arbeitgeberseite oft nur unzureichend unterstützt: Die Anzahl der Teilzeitstellen ist weiterhin gering, für höher qualifizierte Jobs sind sie kaum vorhanden..
Die Familienpolitik hat stets das Wohl des Kindes im Auge. Aber wer fragt nach dem Wohl der Mütter bzw. der Eltern? Wenn der soziale Status einer Familie und die Erziehungskompetenz der Eltern entscheidend sind, dann stellen sich potenzielle Eltern die Frage, ob sie dem gewachsen sind und ob ihre Kompetenz ausreichen würde. Sie schieben die Entscheidung für die Elternschaft möglichst lange hinaus und können eine Schwangerschaft mitunter später nicht mehr realisieren. Dann gibt es eben nur noch ein Kind statt der geplanten zwei oder gar keines.
Der persönliche Druck auf die Mütter wird auch dadurch erhöht, dass viele Frauen meinen, sie müssten ganz persönlich für den Fortbestand der Gesellschaft sorgen und jeweils die dafür „erforderlichen“ zwei Kinder zur Welt bringen. Wer davor zurückschreckt, verzichtet vielleicht lieber ganz auf Kinder. Dabei zeigen Beispiele wie die USA oder Finnland, dass es auch anders geht. Dort unterscheidet sich der Anteil der kinderlosen Frauen kaum von dem in Deutschland. Aber die Frauen, die sich für die Mutterrolle entscheiden, bekommen nicht nur ein Kind, sondern zwei, drei, vier oder fünf. (vgl. Siebter Familienbericht der Bundesregierung, Tabelle II 3 auf Seite 70 des Dokuments)
In Deutschland läuft eine Familien mit fünf Kindern bereits Gefahr, als sozial minderbemittelt zu gelten. Und bezahlbare Wohnungen in ausreichender Anzahl gibt es auch nicht für sie. Deshalb haben wir eine gewisse Schieflage bei den Geburten. Die Privilegierten halten sich zurück, die anderen eher nicht. Und die Gesellschaft tut nicht genug dafür, sozial und wirtschaftlich benachteiligten Kindern unter die Arme zu greifen. Auf diese Weise züchten wir uns allmählich eine wachsende Unterschicht heran.