@Derduke Das ist eine riesige Kontroverse, bei der es auf beiden Seiten "Extremisten" gibt.
Ein Init-Prozess ist auf einem UNIX-System der erste Prozess, der gestartet wird (daher Process ID/PID 1), und nach dem Parent-Child-Prinzip der Prozess, der alle weiteren Prozesse auf dem System als seine Childs startet. Es ist auch der letzte Prozess, der beim Herunterfahren beendet wird.
Verschiedene Init-Systeme benutzen verschiedene Ansätze, um Anwendungen während der aufeinanderfolgenden Stadien des Bootvorgangs zu starten, bspw. Skripte in (manuell) festgelegter Reihenfolge oder auch sogenannte Service-/Unit-Files, in welcher man Abhängigkeiten definieren kann, welche dann die Reihenfolge des Startups festlegen.
Das fasst die Aufgabe eines Init-Systems schon zusammen: Alles starten, was gestartet werden soll und dann Kontrolle abgeben.
Viele moderne Distros haben systemd als Init-System adaptiert, weil es bspw. das Gefrickel mit Skripten durch oben genannte Unit Files gelöst hat. Mit der Zeit wurde ein Ökosystem um systemd geschaffen und immer mehr Aufgaben übernommen, die nach der UNIX-Philosophie ("Do one thing and do it well.") nicht Teil des Init-Systems sein sollten. Namentlich wären da Netzwerkkonfiguration, DNS, Mounting von Shares, ein eigener SysLog (journald), welcher Logs nicht im Klartext speichert, was das Troubleshooting nach Crashes mit anderen Tools erschwert, und noch so einiges mehr.
Ich kann jetzt nicht alles zusammenfassen, was über die Jahre passiert ist, aber die suckless Community (Extremisten auf der Gegenseite, die sich für simple, modulare Software stark macht. Also das komplette Gegenteil von systemd) hat einiges
zusammengetragen. Natürlich sind die Jungs hart voreingenommen und haben auch persönliche Vorbehalte gegen Lennart Pottering, dem initalien Entwickler von systemd, sodass die Quelle mit Vorsicht genossen werden sollte.
Am Ende ist es eine Grundsatzfrage: Möchte man sich keinen Kopf machen und ein bewährtes System, welches inzwischen Branchenstandard ist und wofür reichlich Support da ist, nutzen? Dann systemd.
Sorgt man sich um die Zentralisierung in einer Software, deren Entwicklung zum Großteil bei einer Firma - Red Hat - liegt und ihr somit sehr viel "Macht" in so ziemlich allen modernen Distros gibt? Möchte man simple und in ihren Aufgaben klar getrennte Software haben? Dann sollte man sich andere Init-Systeme wie OpenRC oder runit ansehen. Diese haben auch Support durch größere Distros/Communities wie Gentoo.
Ist natürlich alles stark verkürzt und aus dem Kopf heraus geschrieben, also mögen einige Details abweichen, aber das ist der Kern der Kontroverse.