Cronos: The new Dawn
Cronos lässt mich leider mit gemischten Gefühlen zurück. Wenn es will, kann das Spiel durchaus fantastische Horror Vibes erzeugen. Wenn es nicht will, auf der anderen Hand... Im Einzelnen:
Story: In Cronos erwacht man als "Wanderer" in einer postapokalyptischen Welt in einem dem Ostblock angehörigen Land. Ein zunächst nicht weiter beschriebenes "Collective" gibt dem Spielcharakter die Mission ("Vocation"), bestimmte Personen aus Zeitrissen (der Name des Spiels, Cronos, kommt nicht von ungefähr) zu "extrahieren", und sie dem Collective zuzuführen. Grund der Apokalypse ist eine rätselhafte Krankheit, deren Ursprung nicht näher beschrieben wird - im Spiel gibt's allerdings Anspielungen auf den sog. "
Well to Hell" - und die Menschheit ausgelöscht hat. Um die Umweltbedingungen zu überleben, befindet man sich in einem Bodysuit, der stark an Bioshocks Big Daddies erinnert; man spielt allerdings einen weiblichen Charakter - also eine Big Mommy (?).
Den Großteil der Story erlebt man hier einerseits - wie im Horror-Genre üblich -durch gefundene Dokumente und andererseits durch Videosequenzen und Flashbacks. Die Story des Spiels ist nett und reicht dazu aus, um dem Spiel eine Prämisse und einen Handlungsbogen zu geben, ist m.E. aber weder eine Stärke noch eine Schwäche. Je nachdem, wie logisch man die Story betrachtet, könnte man sie allerdings - ohne spoilern zu wollen - als esoterisch oder gar als Unsinn bezeichnen - zumal sie sich im späteren Spielverlauf von der anfänglichen Prämisse entfernt.
Atmosphäre: Der wichtigste Teil eines Horror-Spiels dürfte die Atmosphäre sein, die das Spiel erzeugt. Hier kann Cronos durchaus stark punkten, allerdings keine eigene Identität aufbauen. Das Spiel kommt eher als eine Art Sowjet Dead Space daher, das das größte Vorbild für Cronos sein dürfte. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, denn gut iteriert ist im Zweifel besser als schlecht neu gemacht; dennoch steckt das Spiel - dazu später - in einer gewissen Identity Crisis. Die Apokalypse ist im Spiel durchaus sehr gut dargestellt und die Biomasse-Konstrukte sind auf makabere Weise schön anzusehen.
Das Spiel spielt hier mitunter auch mit Halluzinationen und Brüchen in der eigenen Psyche durch die Persönlichkeiten, die man zuvor "extrahiert" hat. Zusammen mit den Flashbacks, die den Beginn der Apokalypse darstellen, wirkt das sehr atmosphärisch. Das Spiel bietet hierzu auch einige gute Vistas. Der Wermutstropfen für mich liegt allerdings darin, dass man das Sowjet-Setting nur sehr stiefmütterlich umgesetzt hat. Die Spielwelt ist zwar durchweg in Polnisch (?) gehalten, die Locations, die man besucht, lassen aber eher weniger Ostblock-Vibes aufkommen. Von dem bedrückenden Brutalismus, der für die Architektur der UdSSR maßgeblich war, spürt man im Spiel leider wenig. Eine starke kulturelle Identität bringt das Spiel daher leider nicht rüber.
Gameplay: Das Gameplay des Spiels besteht hauptsächlich aus Combat und Inventory Management (im Sinne der Resident Evil 2 und 3 Remakes). Rätsel gibt es fast keine und Exploration ist, da das Spiel sehr linear aufgebaut ist, auch nur im beschränkten Umfang. Gerade im Combat wird die zuvor erwähnte Identitätskrise des Spiels deutlich: Einerseits hat man ein beschränktes Inventar und muss - für Survival Horror üblich - mit Munition haushalten; andererseits ist das Besiegen von Gegnern oftmals Zwang, es gibt mitunter ganze Gegner-Horden und Exploration wird mitunter durch das Aufwachen von Gegnern durch Aufnahme von Items oder das Verbrennen von Gegnern (siehe hier als Pendant: Resident Evil 1 Crimson Heads) bestraft, so dass sich das Spiel oftmals deutlich eher nach Action Survival anfühlt. Da das Spiel empfiehlt, für die beste Erfahrung mit Controller zu spielen, sollte man also Aim Assist einschalten, wenn man keine Frustration erleben möchte, denn Melee Combat macht in dem Spiel keinen Spaß. Negativ hervorzuheben ist hier zudem auch die fehlende Vielfalt an Gegner-Typen.
Aufgelockert wird das Gameplay durch Laufpassagen, in denen sich mitunter Halluzinationen abspielen. Ob man das Spiel dadurch, wie viele es tun, als "Walking Simulator" abtun will, ist sicherlich subjektiv, aber auch nicht unbedingt zu weit hergeholt. Im späteren Spielverlauf werden diese Passagen durch neue Tools vielfältiger: Einerseits bekommt man Gravity Boots, die die Fortbewegung auf dafür vorgesehenen Gravitationspfaden und -plattformen ermöglichen. Das Feature ist durchaus cool und sorgt für einige coole Vistas, wird m.E. aber leider unterutilisiert - gerade auch, weil es nur sehr selten mit Combat gepaart wird. Andererseits bekommt man später Darts, um Stromkreise zu schließen. Für mich persönlich hat diese Mechanik sehr stark und sehr schnell seinen, wenn man es so nennen möchte, "Charme" verloren. Da die größeren Level mitunter leider typische Locations abgedeckt haben und daher nicht für Wow-Erlebnisse gesorgt haben, waren sie teilweise leider länger als erwünscht.
Technik: Wie für Team Bloober üblich, sollte man hier keine technische Meisterleistung erwarten. Silent Hill 2 Remake ist bspw. immer noch eine technische Katastrophe und bringt trotz Top-Systemen regelmäßig VTuber-Streams zugrunde. Cronos läuft zwar besser, ist bei meinem System (5800X3D und 4080) aber auf DLSS und FG angewiesen, um halbwegs 60 FPS halten zu können. In einer Passage des Spiels kommt es leider dazu, dass unendlich Gegner spawnen. Ob das ein Bug ist, kann ich nicht beurteilen. Es hat jedenfalls dazu geführt, dass die FPS auf bis zu 30 FPS einbrechen. Bloober kann hier also durchaus noch einiges an Optimierungsarbeit leisten.
Fazit: Cronos fühlt sich für mich leider nach einem Spiel an, dass weit hinter seinem Potential zurückbleibt und dadurch leider nur "mid" ist. Ich hätte mir eine stärkere Genre-Identität gewünscht - also entweder Survival Horror oder Survival Action, kein zweifelhafter Hybrid aus beidem - und vor Allem auch eine bessere Nutzung des Settings, also mehr Ostblock-Brutalismus und mehr Locations, die nicht dem üblichen Standard entsprechen. Das Spiel hat mich daher auch nicht mehr zu einem zweiten Walkthrough für das True Ending des Spiels motiviert, obwohl der erste Durchgang mit 12 Stunden Spielzeit (einschließlich viel Exploration) nicht lang war, auch, wenn die Länge für Horror-Titel überdurchschnittlich lang ist. Wer an dem Spiel interessiert ist, sollte m.E. auf einen Discount warten - zumindest mir sind 60 EUR im Nachhinein zu viel für den Titel. Von mir bekommt Cronos: The new Dawn daher nur eine
7/10.