Tomislav2007 schrieb:
Wissenschaftler/Mediziner haben das geklärt: Die Wissenschaft/Medizin sagt bis zur 12. Schwangerschaftswoche gibt es keinen alleine lebensfähigen Säugling.
Das ist eine medizinische Erkenntnis - nicht mehr und nicht weniger. Daraus leitet sich keine unmittelbare Handlungsanleitung bzw. Rechtsgrundlage ab.
Ich hatte ja bereits erwähnt, dass der Fötus schon früher am Daumen lutscht und auf Geräusche reagiert. Auch das sind wissenschaftliche Erkenntnisse.
Was höher wiegt, entscheidet am Ende nicht die Wissenschaft, sondern der Volkssouverän bzw. seine Vertreter im Parlament.
Tomislav2007 schrieb:
Wieso reitest du so auf der Moral herum ?
Weil das am Ende neben der Sicherstellung der gesellschaftlichen Funktionalität das Entscheidende ist. Gesellschaften definieren Gesetze nie komplett unabhängig von moralischen Vorstellungen. Ich sagte es bereits: Gesetze entstehen nicht im luftleeren Raum. Auch Wissenschaft definiert Gesetze nicht. Wäre die breite Masse z.B. nicht der Überzeugung, dass Mord moralisch falsch ist und die Funktionalität der Gesellschaft beeinträchtigt. Hier spielt dann in der Moderne Kants
kategorischer Imperativ eine maßgebliche Rolle - in Vorzeiten wurden Moral und damit auch Gesetze aber nicht selten religiös legitimiert oder zumindest begründet.
Mal ein Beispiel: Es gibt Volksgruppen auf der Welt bzw. Stämme, bei denen es üblich ist, dass die Toten verspeist werden. Das hat dort spirituelle Hintergründe und ist sowohl moralisch völlig akzeptiert als auch nicht strafbar. Hierzulande wird es als moralisch höchst schändlich angesehen und Kanibalismus ist strafbar.
So, wer hat jetzt recht? Was ist legitim? Welche Gesetzeslage ist falsch oder richtig? Kann die Wissenschaft das entscheiden? Nein, kann sie eben nicht!
Und genauso wenig kann die Wissenschaft entscheiden, wann es erlaubt sein sollte, ein Lebewesen zu töten und wann nicht. Die Regeln dafür können von Gesellschaft zu Gesellschaft völlig unterschiedliche sein und sie haben maßgeblich damit zu tun, welche Moralvorstellungen dort verbreitet sind. Warum gibt es bei uns z.B. keine Todesstrafe, aber in vielen Bundesstaaten der USA schon? Weil sich das Verständnis von Gerechtigkeit und der Aufgabe der Justiz unterscheidet. Trotzdem sind das beides hochentwickelte westliche Industriegesellschaften.
Tomislav2007 schrieb:
Befürworter von Abtreibungen haben ganz andere sittliche Konventionen als Gegner von Abtreibungen und wer hat jetzt Recht bzw. wer liegt richtig ?
Das lässt sich eben nicht allgemeingültig entscheiden. Man kann bestimmte wissenschaftliche Erkenntnisse zurate ziehen, um die Massen zu überzeugen, einer Regelung mehr zuzustimmen als der anderen bzw. letztere abzulehnen.
Tomislav2007 schrieb:
Über Moral und sittliche Konventionen mußt du mit anderen diskutieren, ich bin dafür nicht empfänglich und für mich ist das keine Entscheidungsgrundlage.
Das ist aber eine bedeutende Grundlage der Entscheidung. Solange du diese ausklammerst, wirst du den Sachverhalt leider niemals völlig durchblicken. Politik und Gesetze werden von Menschen gemacht und nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wissenschaftliche Erkenntnisse können lediglich das Denken der Menschen beeinflussen, es aber niemals kontrollieren oder bestimmen.
Sanjuro schrieb:
warum nicht? die Wissenschaft könnte durchaus eine Aussage treffen, möglicherweise anhand von Beobachungen der soziologischen Muster und der Geschichte das es sehr wohl böse und gut gibt und diese kategorisch sind.
Natürlich gibt es Gut und Böse als kategoriales Muster (wobei es auch viele Zwischennuancen gibt - kaum etwas ist nur schwarz oder nur weiß). Trotzdem ist es weder Aufgabe der Wissenschaft noch entspricht es ihrem Kompetenzspektrum, zu definieren, was eindeutig in welche Kategorie fällt. Es gibt in manchen Bereichen, wie z.B. Mord, einen großen Konsens, aber trotzdem folgt diese Einteilung keinem Determinismus.
Sollte man irgendwann mal in der Lage sein, das Schmerzempfinden eines Fötus zu messen, wenn ihm der Kopf abgerissen wird, könnte dies u.U. dazu führen, dass die Regeln für Abtreibung verschärft werden (oder eben nicht, je nachdem, wie es ausgeht). Es könnte der breiten Masse aber auch egal sein und es ändert sich nichts. Oder radikale Pro-Choice-Aktivisten könnten größeren politischen Einfluss gewinnen und Abtreibungen könnten trotz der bisherigen Erkenntnisse auch noch bis zum sechsten Monat legal sein.
Das hat wirklich nur bedingt mit Wissenschaft zu tun. Wissenschaft kann nur Argumente liefern. Wie mit diesen Verfahren wird, kann sie nicht bestimmen.
Skaiy schrieb:
Ich finde nicht, dass das eine rein moralische Frage ist.
Nicht alleinig, Moral und Funktionalität der Gesellschaft. Wenn z.B. Ladendiebstahl legal wäre, würde dies die Funktionalität der Gesellschaft beeinträchtigen, das moralische Schuldempfinden würde aber abnehmen.
Skaiy schrieb:
Man kann wissenschaftlich, immer up to date, verschiedene Merkmale heranziehen, um eine zeitliche Grenze zu setzen.
Die Wissenschaft bestimmt es aber nicht. Sie liefert nur Argumente, die dann von der Masse und der Politik aufgenommen und in ihre Entscheidungen einbezogen werden, oder eben nicht.
Skaiy schrieb:
Fakt ist: An irgendetwas muss sich eine Abtreibung orientieren oder soll sich das an einer Religion orientieren? An einem Buch? Oder soll es gewürfelt werden? Oder individuell nach Gusto?
Das sind politische Prozesse. Angenommen (jeweils mit entsprechend benötigter Mehrheit), wir hätten eine Regierung nur aus Grünen und Linkspartei (wobei die JUSOS mal für Abtreibung bis zum neunten Monat gestimmt haben, aber die SPD im Bundestag doch "etwas" vernünftiger ist, weshalb ich die mal rauslasse), so stünden die Chancen gut, dass das Abtreibungsrecht gelockert und evtl. auch Abtreibungen nach der 12. Wo legalisiert würden. Bestünde die Regierung aus AfD und CDU, würde das Abtreibungsrecht wahrscheinlich verschärft, evtl. auch die zeitliche Grenze herabgesetzt.
Oder anders gesagt: Wird die Bevölkerung konservativer, begünstigt dies eine Verschärfung des Abtreibungsrechts - und andersherum. Es gibt viele wissenschaftliche Erkenntnisse. Welche am Ende mehr überzeugen oder welche Überzeugungen sich in der Bevölkerung bilden, ist nicht eindeutig vorhersehbar und von vielen Einflussgrößen abhängig.
Skaiy schrieb:
Irgendwie muss es geregelt werden und hier halte ich den jeweils aktuellen wissenschaftlichen Stand am Sinnvollsten.
Die Politik regelt es - nicht die Wissenschaft! Und die Politik wird von der Bevölkerung legitimiert durch die Wahlen. Will man (wieder-)gewählt werden, tut man gut daran, die Vorstellungen der Wähler im Parlament zu repräsentieren.
Skaiy schrieb:
Wenn sich dieser ändern sollte, kann die Regelung gerne angepasst werden.
Ja, kann sie; muss sie aber nicht. Weil die Wissenschaft das eben nicht bestimmt. Mal abgesehen davon finde ich die Vorstellung, dass es irgendeine Institution gibt, die sich anmaßt, im Namen der Wissenschaft zu sprechen - wobei Wissenschaft in vielen Feldern eben nicht unumstritten bzw. eindeutig ist - absolut gruselig. Im Dritten Reich hat "die Wissenschaft" auch versucht, Juden per Schädelvermessung zu identifizieren. Wissenschaft darf niemals unmittelbar die Gesetzgebung eines Staates bestimmen, denn das wäre totalitär.
Es ist somit sehr gut, dass es keine Institution gibt, die im Namen der Wissenschaft oder auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen am Volkssouverän vorbei einfach Gesetze bestimmten kann. Denn in einer Demokratie bestimmt idealerweise das Volk und nicht die Wissenschaft.
Skaiy schrieb:
Im Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlichen Moral (für das Kind, ABER auch für die Mutter) sollte sich dann mit der Wissenschaft eine Regelung definieren lassen.
Die aber eben politisch ausgehandelt wird und auf die demokratische Legitimation angewiesen ist. Nichts ist da in Stein gemeißelt oder deterministisch.