Bildungsstreik - gehts noch?

th3o schrieb:
1) Höhere Einnahmen wollen die Universitäten haben, um damit die Lern- und Lehrbedingungen zu heben. Allerdings lassen sichtbare Veränderungen ....

Stimmt. Ein wirklicher Ausbau, Erneuerung, Erweiterung, etc. ist gemessen an den geflossenen Finanzmitteln, noch nicht wirklich wahrzunehmen.

th3o schrieb:
2) Kürzere Studienzeiten und jüngere Abgänger. Dieser Punkt passt natürlich hervorragend in ein gesellschaftliches System, .....

Stimmt! Allerdings bewerte ich diese Entwicklung nicht per se als negativ. Bildung kann nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Bedarf gesehen werden sondern muss sich an ihm orientieren. Bildung ist nicht Selbstzweck und verändert sich natürlich, so wie es auch gesellschaftlichen Strukturen tun. Bezogen auf das Bachelor/Master -System, läuft es in Deutschland noch etwas steinig. Dies schreibe ich jedoch eher der Anpassungsphase zu als dem System an sich.


th3o schrieb:
3) Studenten, die sich unipolitisch nicht engagieren, ist nur die logische Schlussfolgerung aus dem zweiten Punkt. Jemand, der ein Bewußtsein von seiner Lage entwickelt und mitbekommt, was aus ihm/ihr gemacht werden soll, könnte durchaus rebellieren. ....

Nö! Studenten, die sich unipolitisch engagieren wollen haben nach wie vor die Möglichkeit dazu (ASTA, StuPa, Gremien, etc.). Die Einrichtungen bestehen nach wie vor und werden von motivierten Studenten auch genutzt. Da ändert sich m.E. nicht viel.

th3o schrieb:
4) Man kommt selbstverständlich nicht darauf, dass die Unistrukturen erweitert werden müssten, sondern erstmal sind es grundsätzlich zuviele die studieren wollen. :rolleyes:

Hier stimme ich in Teilen zu. Die Unistrukturen zu erweitern ist ein wichtiger Schritt, den zukünftigen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Qualifikation wird zusehends wichtiger. Ich halte hier aber eine Selektion für wichtig. Es ist schön, wenn jemand z.B. Geschichte studieren möchte; es ist allerdings weniger schön, wenn eine dreistellige Zahl von exzellenten promovierten Historikern sich auf eine Stelle bewerben muss. Daher muss sich die Zahl der gebotenen Studienplätze am Bedarf orientieren. Das hat den Vorteil, dass in Nischen durch Selektion ein sehr hohes Niveau gewährleistet wird, während allgeimeinere Richtungen auch ein breiteres Qualifikations- und Leistungsband abdecken können.

MFG
 
dogio: Doch, ich denke schon. Aus Sicht einer Universitätsleitung sind unpolitische Studenten sehr willkommen. Sie machen keine Probleme auf den Sitzungen, sie demonstrieren nicht, sie blockieren keine Veranstaltungen, sie drängen interne Probleme nicht in die Öffentlichkeit. Anders formuliert: Es sind Kunden, die keine Ansprüche stellen und möglichst schnell fertig werden wollen. Unserem Gesetzgeber ist das natürlich egal, allerdings erinnere ich daran, dass jede Universität selbst entscheiden kann, was sie mit den Mitteln innerhalb eines Rahmens machen kann. Studenten, die lieber lernen statt für Veränderungen zu protestieren, sind dann die liebsten 'Kunden'.

Und ich kann auch verstehen, dass man als Student sauer ist, wenn Studiengebühren nicht da landen, wo sie theoretisch landen sollten. Artikel darüber gibt es genug, ob man darüber lachen kann, ist eine andere Sache.
th3o, unseren studentischen Vertretern vertraut man übrigens noch weniger. Es sind fast alles Studis, die zuviele Semester auf dem Buckel haben, zu regelmäßig neue Computer anschaffen und Geld mit unnützen Aktionen verballern. Doch das gehört zum System, ein Asta hat laufend neue Vorsitzende, da versickern Semestergebühren auch an vielen Ecken, ohne das da ein Journalist nachbohrt. Die Studenten, die ich kenne, sagen daher alle, dass man somit von allen Seiten abgezockt wird, selbst von der Mensa ;)

Und für die Erweiterung von bestehenden Strukturen muss man natürlich erstmal langfristig planen, schließlich dümpelt unsere Geburtenrate jetzt bei 1,33 und sie sinkt weiter - in 10 Jahren wird die Studentenzahl geringer sein als heute (kein Beleg, Hinterkopf).

Ich hab das Kernproblem bei den Demonstranten schon erkannt: Sie glauben wirklich, dass die Studiengebühren eingeführt wurden, weil man damit die Lehre aufbessern will. Und diejenigen, die das glauben, sehen jetzt rot, weil sie die Missstände unfair finden.
Nein, ich sehe die Einführung auf eine ökonomische Art: Man konnte Gebühren einführen ohne befürchten zu müssen, dass sich etwas ändert. Ein Student kann nicht einfach die Stadt oder das Bundesland wechseln, er ist dazu nicht bereit, weil allein schon die Umzugskosten drei Semester betragen würde. Man will einfach Gelder abschöpfen für etwas, für das man abschöpfen kann. Das einzig sinnvolle für ihn ist, dass er sich beeilt.

Und warum nehmen die ostdeutschen Bundesländer kein Geld, obwohl sie es am dringensten hätten? Tatsächlich geht es nicht um ein paar Euro im Haushalt der maroden Unis, sondern darum, dass man qualifizierte Akademiker in der Region halten will, denn sonst steht unser Osten überaltert die Gesellschaft da noch schneller.

Doch der Studenten-Antrag auf einen Gebührennachlass schaffte es nicht durch die Abstimmung im Senat. So wie es an anderen Hochschulen zugeht, so hält man es auch am Niederrhein: Was Studenten über die Verwendung ihrer Euros sagen, ist nicht weiter von Belang.
Und somit gilt: Widerstand ist zwecklos.
 
Zuletzt bearbeitet:
@e-ding

"Bildung kann nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Bedarf gesehen werden sondern muss sich an ihm orientieren"

Da werden wir dann auch nicht zusammenkommen, in genau diesem Punkt. Ich halte das Humboldtsche Bildungsideal, nämlich die grundsätzliche Freiheit von Wissenschaft und Lehre sowie eine Bildung um der Bildung willen zwar für nicht vollkommen perfekt aber für ein Universitäres Selbstverständniss hinter das man nicht zurückfallen darf. Das aber passiert leider gerade, indem den Menschen eingetrichtert wird, dass Wissen/Bildung etc. nur eine Bildung-um-zu, also funktionale Bildung zu sein hat. Meiner Ansicht nach ist das die blanke Pervertierung von allem was Bildung ausmacht. Nicht die Menschen müssen sich "dem Bedarf" anpassen, sondern "der Bedarf" muss sich den spezifischen Interessen der Menschen anpassen. Dass "der Bedarf" von Menschen zunächst hervorgebracht wurde, ist kein Beleg für oder wider irgendwas, sondern muss als das genommen werden, als was es mittlerweile sich entpuppt, nämlich ein Götzenbild, das man anbetet aber nicht angemessen erfassen kann, ergo nicht mehr das Bewußtsein davon hat, dass es auch anders sein könnte, also eine Art unbegriffener Sachzwang, der als List sich im Hintergrund vollzieht.

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"Es ist schön, wenn jemand z.B. Geschichte studieren möchte; es ist allerdings weniger schön, wenn eine dreistellige Zahl von exzellenten promovierten Historikern sich auf eine Stelle bewerben muss."

Hier ist das Ganze nochmal. Anstatt zu schauen, dass die Menschen das machen können, wozu sie sich vielleicht berufen fühlen und entsprechend dafür gesellschaftliche Räume schafft, muss man sich ja vom Götzen "Angebot" beschränken lassen. Du musst also, im Klartext, den Leuten klarmachen, dass ihre Interessen, ihre Selbstverwirklichungswünsche, dass das alles einen feuchten Dreck zählt, wenn es nicht "nützlich" im Marktsinne ist. Irgendwie pervers.

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"Daher muss...durch Selektion... "

Und da würde ich dann gerne wissen wer über die Entscheidungsmacht zu selektieren verfügt. Wahrscheinlich dann irgendwelche Funktionäre, die sich dann wiederum nur "am Markt" orientieren und das Ganze dann am besten auch noch so herumdrehen, dass es ja zum Wohle der angehenden Studenten sei, wenn sie nicht das studieren können was sie wollen...*seufz* Nei nei, da hauts ja vorne und hinten nicht hin. :freaky:
 
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Die humboldtsche Vorstellung ist allerdings nicht mehr zeitgemäß. Sie stammt aus einer Zeit, wo allein durch Hochschulbildung ein elitärer Status iun der Gesellschaft erreicht wurde und man quasi einem höheren Stand angehörte. Da konnte man studieren was man wollte, um seine Versorgung musste man sich keine Gedanken machen. Aber genau das hat sich geändert. Die Selbstverwirklichung hat ihre Grenzen dort, wo es der Gesellschaft schadet und wenn an den Hochschulen ein Überangebot "produiziert" wird, werden viele auf Positionen arbeiten, die ihnen nicht gerecht werden, wodurch gesellschaftliche Wohlfahrt verloren geht oder man geht noch weiter und sagt gleich, dass man Hartz IV-Empfänger ausbildet, die die Staatskasse belasten und damit das soziale gefüge in der Gesellschaft.

Außerdem bleibt der Ansatz "Bildung der Bildung wegen" im Master weiterhin ein Teil des Studiums.
 
Sie stammt aus einer Zeit, wo allein durch Hochschulbildung ein elitärer Status iun der Gesellschaft erreicht wurde und man quasi einem höheren Stand angehörte. Da konnte man studieren was man wollte, um seine Versorgung musste man sich keine Gedanken machen.

Sie mag angegraut sein, war aber ein Garant dafür, die Forschung und Wissenschaft in ihrem Eigenwert für die Gesellschaft zu definieren. Vor zwanzig Jahren hätte man etwa die Islamwissenschaften als peripher und gesellschaftlich uninteressant und irrelevant betrachtet, als sog. "Orchideenfach". Wir sehen heute, wie man irren kann und v.a. wie eine Verwertungsideologie oft genug zu kurz greift. Der Wert von Forschung und Wissenschaft lässt sich eben nicht per se monetär bemessen, ganz im Gegenteil stehen da immaterielle Aspekte, wie Wissenserwerb und -erhalt, kultureller Anspruch, kostspielige Grundlagenforschung sowie eine Gesellschafts-Vorstellung fern von Materialismus und Hedonismus.

Man muss darin nur seinen Platz finden. ;)

Außerdem bleibt der Ansatz "Bildung der Bildung wegen" im Master weiterhin ein Teil des Studiums.

Als es noch etwas mehr Eigenverantwortung im Sinne von vorausgesetztem Eigenstudium gab, fern der verschulten "ich-schreib-dir-vor-was-du-wann-zu-lernen-hast"-Idee, war das sowieso der Fall.
 
Zuletzt bearbeitet:
Aber nichtsdestotrotz verhindert das Bachelor-System nicht das Studium vermeindlicher peripherer Fächer, ganz im Gegenteil. Man kann im Bachelor Philosophie studieren und erst im Master die wirtschaftliche Verwertbarkeit "obendrauf satteln"
 
Man kann im Bachelor Philosophie studieren und erst im Master die wirtschaftliche Verwertbarkeit "obendrauf satteln"

Ganz ehrlich? Dann kann man sich es sparen, Philosophie zu studieren. Streng verschulte Bachelor-Systeme bei Fächern, in denen es darauf ankommt, kritisch Quellen zu lesen und zu hinterfragen sowie erfodern, dass der Studierende Methoden nachvollzieht und verinnerlicht, sind widersinnig, um entsprechende Fächer angemessen zu vermitteln. Das Ergebnis derartiger "Ausbildungen" ist v.a. eines: Halbwissen und mangelndes Bewusstsein dem Fach gegenüber. Wer weiß, wer sich da alles noch Philosoph nennen darf ...

Sinnvoller ist es doch, gleich ein "wirtschaftlich" ausgerichtetes Studium zu belegen und so in weniger verschulter Form wie dereinst entweder in der selben Zeit Philosophie als Nebenfach zu studieren oder bei Interesse (das war zu magister oder Diplom-Zeiten ohne weiteres möglich), gezielt veranstaltungen zu spezifischen Themen in anderen Fächern zu besuchen.

Was zum nächsten Problem überleitet: dank der Bachelor-Reform werden bachelor-kompatible, auf "Grundwissen" und Vokabeln" ausgerichtete Lehrveranstaltungen angeboten, was zur Folge hat, dass die Dozentinnen und Dozenten nicht mehr oder nunmehr stark reduziert Themen anbieten, die sie gerade erforschen oder in denen sie besonders führend sind. Eine schleichende verarmung der thematischen und inhaltichen Vielfalt der Lehrveranstaltungen ist auf diese Weise zu beobachten ... leider.
 
wenn es problemlos möglich war nebenher noch Philosophie-Vorlesungen zu besuchen, dann ist doch das ein eindeutiges zeichen dafür, dass die Studenten zuviel zeit hatten und eine Straffung nur mehr als sinnvoll ist.

Außerdem ist es viel zu früh, derartige Aussagen zu tätigen.
Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass Länder mit Bachelor/Master in der Wissenschaft Deutschland hinterherlaufen.
 
wenn es problemlos möglich war nebenher noch Philosophie-Vorlesungen zu besuchen, dann ist doch das ein eindeutiges zeichen dafür, dass die Studenten zuviel zeit hatten und eine Straffung nur mehr als sinnvoll ist.

Nein, das bedeutet, dass man vorher flexibel die Möglichkeit hatte, seinen Lehrplan selbstverantwortlich einzuteilen und sich gezielt Lücken schaffen konnte. Manche haben diese Zeit etwa auch für Theater, soziales Engagement, oder ein Selbststudium in der Bibliothek genutzt, abseits des regulären Lehrstoffs. Die "Professionalisierung", wie sie im Etikettenschwindel des Bologna-Vokabulars gefordert wurde, war Bestandteil der Realität des Studiums, nur individueller, vielfältiger und bunter.

Jetzt wird man durch ein "Rundum-wohlfühl-Programm" geschleust, dem man sich in keiner Einzelheit entziehen kann. Ich sehe die Entwicklungen sehr gut, zum einen als ehemaliger Student des Magister-Systems, dem seine Freiheiten zum Selbststudium essentiell wichtig waren, zum anderen als jemand, der mittlerweile auf der Seite der Lehrenden steht und bemerkt, wohin die Reise geht. z.B. auch bei einem beträchtlichen Teil von Studierenden, die es in sechs Semestern aufgrund der Enge des Lehrplans schlicht nicht schaffen, evtl. acht oder neun Semester benötigen, und dann mit einem wertlosen Abschluss weggeschickt werden, weil sie für den Master nicht genug sind.

Ansonsten mal durchlesen:

http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/204/470749/text/
http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/69/452767/text/

bzw. ganz wichtig:

http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D/Doc~E55AD24DD2C5E472A84CA69FCBA13D3ED~ATpl~Ecommon~Scontent.html
 
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Also den FAZ-Artikel finde ich nicht sonderlich überzeugend. Vieles stimmt nicht, vieles ist arg subjektiv geprägt und der Autor scheint auch jemand zu sein, der generell Probleme kit Veränderungen hat.

Der erste Süddeutsche-Artikel ist schon etwas differenzierter.
Zum zweiten kann ich nur sagen: vielleicht hat eben nicht jeder das zeug zum Studieren und wir brauchen eine bessere Selektion vor dem Studium und nicht im Studium.
Klar, dass viele jetzt mehr probleme haben, aber das werden wahrscheinlich die gleichen sein, die vorher 16 Semester auf Magister oder Diplom studiert haben und insbesondere die Studienzeiten der Geisteswissenschaften waren eklatant und inakzeptabel.

Und warum soll eine zielgerichtete verwertbare Ausbildung schlecxht sein? Wer bestimmt darüber, wer kann sich anmaßen, die zu behaupten? Werte und Normen bilden sich in einer Gesellschaft und wenn die Gesellschaft materialistisch ist, dann ist es eben so und es ist völliug legitim. Werte und Normen ändern sich nunmal und das würde wahrscheinlich sogar Humboldt erkennen.
 
Die Frage ist eben, ob die Gesellschaft materialistisch ist oder nur diejenigen, die entscheidende Anstöße für die Reformen gaben. Du sagst selbst, wer will sich anmaßen zu behaupten, dass eine zielgerichtete Ausbildung schlecht ist, dasselbe gilt aber auch umgekehrt. Wer sein Studium schnell durchziehen will, kann es auch tun, wenn der Lehrplan verhältnismäßig offen gestaltet ist.
...insbesondere die Studienzeiten der Geisteswissenschaften waren eklatant und inakzeptabel.
Auch eine Aussage, die sich pauschal nicht festmachen lässt. Klar, es gibt schwarze Schafe, aber viele haben die Zeit genutzt, neben dem Studium bereits zu arbeiten. Beispielsweise hat uns ein Mitarbeiter aus dem Publizistik-Institut gemeint, zu Magister-Zeiten wäre die Regelstudienzeit von 8 Semestern gerne mal auf 11 oder 12 ausgeweitet worden, dafür haben die meisten Studenten nebenher bereits im Medienbereich gearbeitet, teilweise auch die Abschlussprüfung im Rahmen der Arbeitsstelle geschrieben und standen nach dem Abschluss direkt im Berufsleben. Absolventenquote lag übrigens bei über 90 Prozent, zudem konnte man sich auf einen Schwerpunkt spezialisieren.

Jetzt schauts so aus, dass die leute sechs Semester studieren, in denen schlicht zu wenig Zeit für Praktika oder Jobs neben dem Studium ist, des Weiteren ist Spezialisierung auf einzelne Fachbereiche nur schwer möglich. Nach dem Studium geht dann wahrscheinlich erstmal der Praktikum-Marathon los, da die Aussichten nicht so rosig sind, ohne ausreichend Praxiserfahrung direkt übernommen zu werden. Im Endeffekt wird also kaum Zeit gewonnen, bis die Studenten wirklich im Berufsleben stehen, dafür viel mehr Stress und Frustration während und direkt nach dem Studium.
 
dogio1979 schrieb:
Und warum soll eine zielgerichtete verwertbare Ausbildung schlecxht sein? Wer bestimmt darüber, wer kann sich anmaßen, die zu behaupten?

Es ist absolut nichts schlecht an einer sogenannten "verwertbaren Ausbildung". Das Attribut "schlecht" kommt erst zum Einsatz wenn es daneben keinen anderen Begriff von Ausbildung mehr gibt, also wenn sozusagen alle, die dem Humboldtschen Bildungsideal eher folgen möchten, damit rechnen müssen, später zugrunde zu gehen, weil "der Markt" sie nicht braucht, weil sie eben nicht als Materie "verwertbar" sind für die Zwecke des Marktes. Das ist das Schlechte, dass nämlich ein bestimmter Bildungsbegriff schlicht wegökonomisiert, wegrationalisiert oder sogar einfach weggeredet wird und das solange bis er aus dem Bewußsein der Menschen gänzlich verschwunden ist. Der Mensch als Manövriermasse der ökonomischen Fliehkräfte ist so vorprogrammiert.

Was jetzt speziell dich betrifft so könnte etwas anderes noch von Bedeutung sein. Hier mal eine Vermutung:
Wenn man kein Problembewußtsein von etwas hat, dann versteht man auch bestimmte Ansichten nicht, bzw. tut sie einfach ab mit solchen, in meinen Ohren, recht naiven Nachfragen (siehe dein Zitat). Diese Art der Fragestellung ist aber ihrerseits der schlangendste Beweis dafür, wie sehr das systematische Austreiben eines bestimmten Bildungsbegriffs bereits fortgeschritten ist.
 
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Also den FAZ-Artikel finde ich nicht sonderlich überzeugend. Vieles stimmt nicht, vieles ist arg subjektiv geprägt und der Autor scheint auch jemand zu sein, der generell Probleme kit Veränderungen hat.

Pauschale Aburteilungen helfen hier nicht. Was heißt das konkret?

Dies ist die Wahrnehmung eines Lehrstuhlinhabers, der diesen infolge der Umwälzungen zurückgegeben hat, eben weil er das Fach und seine Vermittlung durch das neue System gefährdet sieht. Und damit steht er nicht alleine. Genau dies ist die Problematik und Überheblichkeit, gepaart mit einer Spur Ignoranz derjenigen die meinen, man könne dieses System auf jedes Fach und jede Wissenschaft übertragen. Das funktioniert jedoch nicht. Und das merkt man überall, wenn man sich nicht nur in den "Stromlinienfächern" oder den Naturwissenschaften umsieht.

Klar, dass viele jetzt mehr probleme haben, aber das werden wahrscheinlich die gleichen sein, die vorher 16 Semester auf Magister oder Diplom studiert haben und insbesondere die Studienzeiten der Geisteswissenschaften waren eklatant und inakzeptabel.

Das ist pure Unterstellung und geht an der Realität vorbei. Es gibt unterschiedliche (Lern-)Typen von Leuten. Nicht jeder ist produktiv und kann gute Ergebnisse bringen, wenn man ihm ein Korsett aufzwingt. Noch nie ähnliche Erfahrungen gemacht? Selbst wenn Betroffene dann erst im 13. oder 14. Semester fertig waren, so hatten sie ein Diplom oder einen Magister, der Bachelor ist rein gar nichts wert, der Master steht ihnen nicht frei ...

vielleicht hat eben nicht jeder das zeug zum Studieren und wir brauchen eine bessere Selektion vor dem Studium und nicht im Studium.

Das ist auch einer dieser Schlagworte, die man immer wieder hört. Woran macht man die "Fähigkeit zzm Studium" fest? Im Magister-Studiengang hat man das schnell gemerkt, dank der Anforderungen und Arbeitsweisen. Da man auch keine Studiengebühren zahlen musste, war es selbst mit Bafög kein Thema, nach zwei oder drei Semestern umzusatteln. Beim Bachelor kommen da wieder bürokratische Hürden dazu. Wie stellt man sich zudem die Selektion vor dem Studium vor? NC überall? Und wenn das sinnvollerweise nicht verlangt wird, was dann? Sollen Dozenten in der vorlesungsfreien Zeit ca. 100 Studienbewerber befragen, als eine Art "Bewerbungsgesrpäch"?
 
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Und wieso sollte der Bachelor nichts wert sein? Er wurde doch fast überall angenommen und die Einstiegsgehälter dafür liegen nur ein paar Prozentpunkte tiefer.
 
Und wieso sollte der Bachelor nichts wert sein?

Wenn man in Fachbereichen arbeitet, in denen auch der Magister kaum für einen auskömmlichen Job reicht, dann ist der Bachelor erst recht nichts wert. Das ist gerade der Etikettenschwindel, indem man suggiert, der "Abschluss" sei bereits ausreichend um die Leute weiterzubringen. Aus meiner Warte kann ich sagen, dass der Bachelor kaum über die Kenntnisse der alten Magister-Zwischenprüfung hinausgeht, eher liegt er sogar darunter, wenn ich mir das Anforderungsprofil so ansehe (mehr ist auch gar nicht zu leisten in vier bis sechs Semestern).

Exakt deshalb ist das Aufpfropfen dieses Systems auf jeden Fachbereich absurd, reiner Irrsinn.
 
th3o schrieb:
Was jetzt speziell dich betrifft so könnte etwas anderes noch von Bedeutung sein. Hier mal eine Vermutung:
Wenn man kein Problembewußtsein von etwas hat, dann versteht man auch bestimmte Ansichten nicht, bzw. tut sie einfach ab mit solchen, in meinen Ohren, recht naiven Nachfragen (siehe dein Zitat). Diese Art der Fragestellung ist aber ihrerseits der schlangendste Beweis dafür, wie sehr das systematische Austreiben eines bestimmten Bildungsbegriffs bereits fortgeschritten ist.
Nicht nachvollziehbar deine behauptung. Jeder hat hier aus seiner Sozialisation heruas einen andereb Blickwinkel auf die Situation und zb. für meinen Bereich trifft einfach vieles, was hier steht nicht zu und hat damit genao wenig Generalitätsanspruch wie das was ich sage.
Und ich wüsste auch nicht, was es mit mangelndem Problembewusstsein zu tun haben soll, wenn die Kritik an an einem Paradigmenwechsel im Bildungssystem kritisiert? Genauso gut könnte ich hier behaupten, dass dir das problembewusstsein fürs "alte" System fehlt, in dem massenhaft Hartz IV-Empfänger, Taxi-Fahrer und Promotion-Kräfte für den Mobilfunkmarkt an den Unis ausgebildet wurden. Oder dass langzeitstudenten die gesamte Gesellschaft belasten.
Und ob ein verschulteres kürzeres System wirklich schlechter ankommt, hängt auch wiederum vom studierten Fach ab. Immerhin gab es auch früher schon Fachhochschulen, die eine höhere Reputation haben als einige Unis.


rumpel01 schrieb:
Pauschale Aburteilungen helfen hier nicht. Was heißt das konkret?
Allein der Umstand, dass sich der Autor indirekt gegen eine leistungsgerechte Entlohnung sowie einer Evaluation ausspricht ist ein Indiz, dass er m.E. auch nur an einem bequemen Professor-Leben interessiert ist, ohne rößeres Engagement zeigen zu müssen, solche Profs brauchen wir nicht. Überall wird rumgejammert, dass Beamte zuwenig leistungsorientiert bezahlt werden und sich auf die faule Haut legen können und dass Bildung evaluiert werden muss, damit man sie verbessern kann und dann solche Aussagen. Und auch die Aussage, dass man keine mehreren Fächer mehr studieren kann, ist schlichtweg falsch, der kombinatorische Bachelor sieht dies sogar explizit vor und dann auch noch in Kombinationen, die zu Magister- und Diplomzeiten undenkbar waren.
 
Allein der Umstand, dass sich der Autor indirekt gegen eine leistungsgerechte Entlohnung sowie einer Evaluation ausspricht ist ein Indiz, dass er m.E. auch nur an einem bequemen Professor-Leben interessiert ist, ohne rößeres Engagement zeigen zu müssen, solche Profs brauchen wir nicht.

Dir ist nicht bekannt, unter welchen Voraussetzungen in diesen Fächern evaluiert wird. Es ist das Vorrecht eines Institutsleiters, eben dieses nach seinen forschungsspezifischen Ausrichtungen zu formen. Deshalb hat er den Ruf erhalten, und deshalb hat er seine Position mit dem Präsidium vor Antritt der Professur auch haarklein ausgehandelt. Im Geiste der neuen Entwicklungen werden unter der Prämisse von Schlagworten und unter Mitwirkung von Fachfremden Lehrkonzepte und die Publikationstätigkeit beurteilt, wie es sinnloser nicht sein kann. Dabei geht es nicht um Qualittätssicherung, sondern allein um die Kompatibilität mit dem Studiensystem. Aufgrund absurder Voraussetzungen bei der Vergabe von Uni-internen Mitteln werden bestimmte Formen der Publikationen nicht mehr als "leistungsrelvant" angesehen, wie etwa Kongress-Vorträge und Rezensionen. Dass aber ein beträchtlicher Teil der wissenschaftlichen Diskussion in einigen Fächern immer stärker über Kongresse und deren gedruckte Fassungen abläuft und dass auch Rezensionen genauso umfangreich sind wie "normale" Beiträge in Fachzeitschriften, wird einfach nicht zur Kenntnis genommen, die Scheuklappen lassen grüßen. Was macht man also, um "gut" evaluiert zu werden? Man schreibt pausenlos irgendwelche Anträge für Drittmittel, um sich die Hiwis und Bücherbeschaffung leisten zu können, die großspurig mit allerhand Phrasen versehene "Projekte" bewerben, während man vorher unter der Deckung der laufenden Kosten einfach geforscht und publiziert hat.

Und auch die Aussage, dass man keine mehreren Fächer mehr studieren kann, ist schlichtweg falsch, der kombinatorische Bachelor sieht dies sogar explizit vor und dann auch noch in Kombinationen, die zu Magister- und Diplomzeiten undenkbar waren.

Irrtum. Durch die extreme Straffung des Bachelor-Studienplans müssem selbstverständlich fächerübergreifend die Lehrveranstaltungen abgestimmt werden, um Termin-Unmöglichkeiten zu verhindern. Dies geht aber nur mit den einschlägigen Nachbarfächern. Da im Magister-Studiengang wie schon erwähnt die Flexibilität um ein vielfaches höher war, konnte man diesen Schwierigkeiten zuvor ohne Bürokratie als Student einfach aus dem Wege gehen. Du glaubst gar nicht wie viele Studierende schon Probleme bekommen, wenn sie allein ein bestimmtes Modul in einem anderen Fach aufgrund einer Terminüberschneidung nicht besuchen können. Da ist ein "abseitiges" Fach in der Kombination von der Ideologie her zwar vorgesehen und "erwünscht", in der Praxis aber unmöglich. Einfach mal ein Seminar aufgrund von Wünschen von Studierenden verlegen ist da nicht mehr drin, keine Chance. Auch die Abstimmung ist ein Wahnsinn geworden. Alles muss in einem riesigen, sprunghaft gewachsenen Bürokratie-Wasserkopf koordiniert werden, um die selbstgeschaffene Zwangsjacke unter Kontrolle zu haben. Und da wundert man sich, dass man von den Studiengebühren nichts merkt ... :rolleyes:
 
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th3o schrieb:
Und da würde ich dann gerne wissen wer über die Entscheidungsmacht zu selektieren verfügt. Wahrscheinlich dann irgendwelche Funktionäre, die sich dann wiederum nur "am Markt" orientieren und das Ganze dann am besten auch noch so herumdrehen, dass es ja zum Wohle der angehenden Studenten sei, wenn sie nicht das studieren können was sie wollen...*seufz* Nei nei, da hauts ja vorne und hinten nicht hin. :freaky:

In Bezug auf den gesellschaftlichen Bedarf und dessen Einfluß auf Bildungsstrukturen, kommen wir nicht mehr zusammen. ;)

Vielleicht habe ich mich allgemein auch etwas ungenau ausgedrückt. Ich bin weder für die generelle Abschaffung des humboldtschen Bildungsideals, noch für eine totale Nachfrageausrichtung. Ich halte etwas Steuerung (von mir aus ausschließlich über Leistung und Selektion vor dem Studium) für wichtig. Du hast recht wenn Du sagst, dass eine rein quantitative Marktausrichtung einschränkend wirkt. Wissenschaft und Forschung sollten hier nicht eingegrenzt werden. Bei entsprechender Leistung sollte es für jeden möglich sein studieren zu können, was er möchte. Da habe ich mich etwas vergaloppiert. :freak:

@Selbstverwirklichung
Das Streben nach Selbstverwirklichung ist ein Teil eines jeden Menschen, ist laut maslowscher Bedürfnispyramide allerdings der Befriedigung aller anderen Bedürfnisse nachgelagert. Jetzt wirds etwas schwierig. Man kann natürlich nicht, aufgrund von gesellschaftlichen Bedürfnissen, das individuelle Bestreben nach Selbstverwirklichung einschränken. Das widerspräche unseren freiheitlichen Idealen. Ich halte es aber auch für absolut unmöglich, dass jeder Mensch in einen Zustand, indem alle seine Bedürfnisse befriedigt sind, d.h. er sich selbst verwirklicht hat, gelangen kann. Das ist m.E. auch nicht alleiniges Resultat gesellschaftlicher Strukturen, sondern eine natürliche Folge des Lebens in sozialen Gruppen. Es kann also durchaus sinnvoll sein, anhand möglicher Erfolgsaussichten, also Leistung, einer Gruppe die bildungsbezogene Selbsverwirklichung zu ermöglichen, einer anderen jedoch nicht.

MFG
 
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Eine deutliche Verschlechterung der Wissenschaft halte ich für ausgesprochen unwahrscheinlich, da sie u.a. die Reputation und damit die Attraktivität einer Uni bestimmt. Demnach haben auch Unis im B/M-System durchaus Interesse daran, Professoren zu berufen, die in der Science Community anerkannt sind und dies erfolgt zumeist über Veröffentlichungen. Klar das Anwerben von Drittmitteln hängt damit auch zusammen, aber auch diese hängen ja vom Renommee eines professors ab.

Und ich habe auch nirgends gesagt, dass das System perfekt ist, es ist noch im Entstehen und in der Entwicklung, aber der kombinatorische Bachelor ist einfach ein Tatbestand und damit die pauschalisierende Aussage des Autors im der FAZ falsch. Im Diplomstudium gab es deutlich weniger Wahlmöglichkeiten. Den magistern mag man etwas genommen haben, den ehemaligen Diploma hat man etwas gegeben.

Es wird immer alles schlecht geredet, alles muss vom Start weg gut ein oder es taugt nix. Tolle Gesellschaft.

Warum gibts eigentlich in anderen Ländern noch angesehene Wissenschaftler trotz B/M-System. Warum gibt es renomierte fachhochschulen, wo Forschung betrieben wird, obwaohl die professoren über das doppelte an lehre bewältigen müssen?

Auch das Hochschulsystem ist ein sich selbstregulierendes System und in einigen jahren wird sich herausstellen, dass die Angst völlig unbegründet war.
 
Zuletzt bearbeitet:
Eine deutliche Verschlechterung der Wissenschaft halte ich für ausgesprochen unwahrscheinlich, da sie u.a. die Reputation und damit die Attraktivität einer Uni bestimmt.

Eine von der Grundanlage schlechtere Ausbildung kann keine besseren oder gleich guten Nachwuchswissenschaftler hervorbringen. Das gebietet die Logik. Die Freiheit des Studiums in etlichen Geisteswissenschaften war die Voraussetzung dafür, dass etwa in den Altertumswissenschaften Deutschland weltweit gerade in der Breite führend war und ist, jetzt gleichen wir uns dem internationalen Niveau an. Die Problematik besteht, und das wiederhole ich jetzt zum dritten Mal darin, dass Funktionäre über Fächer bestimmen, von denen sie nichts verstehen und deren Systematik sie nicht nachvollziehen können oder wollen. Es werden dort Strukturen geschaffen, in die einige Fächer gar nicht hineinpassen. Und da muss man nichts "schlechtreden", die Folgen sieht man jetzt schon. Aber im Hurra der neuen Bologna-Welt zeigt sich eben auch, wie unflexibel die geschaffenen Strukturen sind. Sie werden reguliert von Stellen, die vorher noch nicht einmal da waren, besetzt von Bürokraten, die ihrerseits mit den Fächern, mit denen sie zusammenarbeiten, nichts zu tun haben. Die Freiheit von Forschung und Lehre wird auf diese Weise zurückgefahren, wie man es sich vorher kaum vorstellen konnte.

aber der kombinatorische Bachelor ist einfach ein Tatbestand und damit die pauschalisierende Aussage des Autors im der FAZ falsch.

Sie ist nicht pauschalisiert, sondern auf das jeweilige Fach bezogen. Den Autor darfst Du ruhig nennen: Marius Reiser (Publ.Liste), der seines Zeichen z.Z. zu den wichtigen Vertretern seines Faches gehört, und damit Gewicht in der Fachwelt besitzt. Dies als
dass er m.E. auch nur an einem bequemen Professor-Leben interessiert ist, ohne rößeres Engagement zeigen zu müssen, solche Profs brauchen wir nicht.
zu umschreiben, wirkt auf mich ziemlich vermessen.

Interessant ist auch folgendes Interview: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29660/1.html

Warum gibts eigentlich in anderen Ländern noch angesehene Wissenschaftler trotz B/M-System. Warum gibt es renomierte fachhochschulen, wo Forschung betrieben wird, obwaohl die professoren über das doppelte an lehre bewältigen müssen?

Was heißt "doppelte Lehre"? Willst Du Wissenschaftlern ihre Arbeitsweise vorschreiben? Welchen Zeitaufwand sie für Vorlesungen, Seminare und Forschungsvorhaben leisten müssen? Wer fordert, man könne umfassend ja problemlos die Lehre verdoppeln, kennt die Praxis nicht.
 
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