In Umfrageergebnissen, die ich immer wieder mal in den Medien gesehen habe, wurde oft herausgestellt, dass es bei jüngeren Generationen eine überwiegende Ablehnung der Wehrpflicht gäbe, während bei älteren Generationen eine Befürwortung der Wehrpflicht vorherrschen würde.
Es wäre sicher interessant zu sehen, wie die Zustimmungswerte wären, wenn im Altersbereich 30 - 59 eine verpflichtende Reservistenausbildung, inkl. mehrwöchiger Abwesenheit von zu Hause und regelmäßiger Reserveübungen pro Jahr, eingeführt würde. Es wurde ja immer wieder genannt, dass die Bundeswehr nicht nur aktive Soldaten, sondern auch eine große Zahl an Reservisten benötige.
Weiterhin gibt es noch die Argumentation, dass man zu "pro/contra Wehrpflicht" nur die befragen dürfte, die auch davon betroffen direkt wären und nicht die Personen, die von der der Wehrpflicht gar nicht erfasst werden würden. Dem ließe sich entgegen halten, dass die Personen, die zu alt für die Wehrpflicht sind, dennoch ein Interesse daran haben, dass jemand sie verteidigt, weil sie es selbst nicht mehr können.
Es ist völliger Unsinn, aus der Diskussion "pro/contra Wehrpflicht" eine Art Generationenkonflikt zu machen. Dies zieht die Diskussion auf eine völlig falsche Ebene, womit sie der Bedeutung auch gar nicht gerecht wird.
Aus meiner Sicht kann man das Thema Wehrpflicht nur dann für sich selbst richtig bewerten, wenn man sie mit all ihren Konsequenzen und in ihrem vollen Umfang betrachtet. Sie aufzuteilen, in eine "Wehrpflicht im Frieden" und eine "Wehrpflicht im Krieg" halte ich für einen Fehler, durch den schlicht und einfach ein Teil dieser Konsequenzen ausgeblendet wird, im Sinne von: "Wenn Krieg ist, dann ist sowieso alles anders. Da muss jeder ran. Deswegen brauchen wir uns jetzt nicht damit zu beschäftigen".
Ich verstehe grundsätzlich die Argumentation, die aus der Politik für die Änderungen beim Wehrdienst kommt. Es wird eine große aktive Armee benötigt, um einen möglichen Aggressor von Provokationen und Angriffen abzuschrecken und im Fall eines bewaffneten Konfliktes, wenn die Abschreckung versagt hat, sich zu verteidigen. Weiterhin wird eine große Zahl an Reservisten benötigt, um tote Soldaten zu ersetzen. Soweit, so klar.
Allerdings wird dann im gleichen Atemzug argumentiert: Nur mit Freiwilligkeit wird es (vermutlich auch mit den neuen "Anreizen") nicht gehen, weshalb man wohl zur Pflicht wird greifen müssen. Dass es nicht genug Freiwillige gibt bzw. geben wird, wird sozusagen wie ein Naturgesetz dargestellt. Es wird sich in der breiten Öffentlichkeit jedoch aus meiner Sicht viel zu wenig damit auseinandergesetzt, warum das so ist. Was sind die Gründe dafür, dass ein junger Mensch sich nicht freiwillig für die Bundeswehr entscheidet? Die fehlenden Freiwilligen sind ja kein neues Problem. Warum schaffen es beispielsweise die USA, genug Freiwillige zu mobilisieren? Gab es dazu jemals breit aufgestellte, aussagekräftige und veröffentlichte Studien in Deutschland? Wenn die Gründe bekannt sind, dann sind das Punkte, an denen man arbeiten und die Bereitschaft zur Freiwilligkeit erhöhen kann, jedoch sehe ich keine Bereitschaft dazu, sich mit diesen Gründen auseinandersetzen zu wollen.
Statt dessen wird beispielsweise auf einer derart banalen Art und Weise Krieg und Töten im ÖRR mit Jugendlichen thematisiert, dass die Formulierung der Frage des Moderators auf mich einfach nur völlig grotesk wirkt:
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Ehrlich formuliert, müsste es heißen: "Im Krieg wirst du in einem dreckigen Graben hocken, in deiner eigenen Pisse und Scheiße, weil du vor Angst die Kontrolle über deine Ausscheidungen verloren hast. Du bist verletzt. Teile deines Gesichtes oder deiner Arme und Beine wurden weggeschossen. Neben dir siehst du Menschen deren Gedärme herausquellen. Überall schreien Sterbende nach ihrer Mutter. Von Einigen werden später nur noch einzelne Körperteile gefunden. Vielleicht ein verkohlter Stiefel, in dem noch ein Stück eines Fußes steckt. Du weißt schon lang nicht mehr, wo Du bist und wofür Du kämpfst. Du überlebst nur Stunde um Stunde. Selbst, wenn du überlebst, wirst du nachts aufwachen, eingepisst. Du hast PTBS. Deine Beziehungen zu deinen Kindern, Partnern und Eltern sind zerstört. Du fragst dich ständig, warum du überlebt hast und denkst an Selbstmord, bis an dein Lebensende, weil eine vernünftige psychologische in Deutschland schon im Frieden schwer verfügbar ist. Willst du noch immer für Deutschland in den Krieg ziehen?"
Ich habe vor ein paar Wochen mir wieder einmal die us-amerikanische Dokumentation "
The Vietnam War" auf BluRay angesehen, als vollständige Version mit knapp 18h, mit Abstand des Beste, was es an Doku zu dem Thema gibt. Es gibt sie nur als Import. Bei Amazon Video und anderen Streaminganbietern gibt es lediglich eine stark gekürzte Version (auch in Deutsch), die dem Anspruch nicht ansatzweise gerecht wird. Neben den historischen Beschreibungen zum Verlauf des Krieges beinhaltet diese Dokumentation viele Interviews von Soldaten, die auf sehr intensive und eindringliche Weise das beschreiben und bestätigen, was ich im letzten Absatz geschrieben habe. Die politischen Hintergründe dieses Krieges spielen dafür keine Rolle.
Die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen benennt in Artikel 3, dass jeder einzelne Mensch das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person" hat. In meinem äußerst lücken- und laienhaften Verständnis bezieht sich auch das deutsche Rechtssystem fast immer auf das Individum (bei natürlichen Personen). Auch im Grundgesetz wird in Artikel 2 festgehalten, dass jeder Mensch das Recht auf Leben hat.
Wenn der einzelne Mensch diese Rechte hat, wo ist dann jedoch die Grenze, ab der festgelegt wird: "Ab hier nicht mehr. Jetzt verlierst du das Recht auf Leben und du wirst gezwungen, dein "for the greater good" zu opfern."? Das Bundesverfassungsgericht hat in einer anderen Frage
2007 entschieden, dass (nach meinem Verständnis) Leben nicht gegeneinander aufgerechnet werden dürfen. Juristisch kann es somit keine Rechtfertigung dafür geben, jemanden dazu zu zwingen, das eigene Leben wegzuwerfen, um andere Menschen zu verteidigen, was aus meiner Sicht letztlich auch nur eine Aufrechnung von Leben ist.
Wenn es also nicht um Menschen gehen kann, was muss bedroht sein und verteidigt werden, um diese Grenze, diesen Punkt zu erreichen? "In dieser Situation hast du die Waffe in die Hand zu nehmen, andere Menschen zu töten und dich zu opfern. Vielleicht hat das dann etwas bewirkt, vielleicht hat aber auch nur der Führer deiner Einheit die Lage falsch eingeschätzt.". Es kann aus meiner Sicht keinerlei Rechtfertigung dafür geben, einen Menschen dazu zu zwingen.
Um das noch als Abschluss zu schreiben: Zwangsersatzdienste sind in meinen Augen nur ein Feigenblatt. Im Frieden nur billige Hilfskräfte und im Krieg auch nicht in Sicherheit. Rohrartillerie schießt mehrere zehn Kilometer weit, Raketenartillerie etwa 100km, Marschflugkörper erheblich weiter, Drohnen, etc. Vollständig autonome Waffensysteme werden kommen, egal wie sehr man in Deutschland bei "die letztendliche Kontrolle verbleibt beim Menschen" bleiben will. Was technisch möglich ist, wird entwickelt und eingesetzt werden, erst Recht, wenn es billiger und schneller einsatzbereit ist, als ein Soldat.