DerOlf schrieb:
Wieviel Kilogramm oder Tonnen Apfel sind ein Auto?
Es geht bei Handel ja um einen Umtausch. Du brauchst allgemeingültige tauschmittel ... eben eine Währung oder wenigstens eine feste Einheit ... ähnlich dem Gewichtssystem.
Etwas, was man bereits hat, gegen das exakt Gleiche zu tauschen macht einfach keinen Sinn.
Ich schrieb/schreibe nicht von Tauschhandel, sondern von Bedürfnisbefriedigung. Handel ist ein anderer Schauplatz. Ich wollte klarstellen, worin das Problem liegt, wenn wir ein BGE (platzhalterisch für eine Grundversorgung) nur in Geld betrachten. Und da hat
@Idon recht, wenn er sagt, dass das keine Lösung ist. Das liegt aber in meinen Augen an der Art und Weise, wie wir Werte nur in verschleierter Form von Geld auszudrücken vermögen. Heute kostet der Apfel 1 Euro, morgen kostet er 2 Euro. Das Bedürfnis selbst fällt dabei unter den Tisch, wie es an vielen Stellen im Kapitalismus der Fall ist. Das ist einer meiner großen Kritikpunkte an diesem System!
Du musst trennen zwischen:
-Nutzwert: Das ist der Wert, den ein Produkt für die Frage der Bedürfnisbefriedigung aufweist. Der Nutzwert kann ziemlich klar definiert werden. Du hast Hunger? Also hat Nahrung einen Nutzwert, ein Handy nicht. Du willst telefonieren? Vice versa. Der Nutzwert eines Apfels bleibt immer gleich. Es ist eben ein Apfel, mit dem man apfelhafte Dinge anstellen kann, zB Essen, aus getrockneten Schalen einen Tee brühen oder aus den Kernen einen Baum pflanzen.
-Tauschwert: Dieser Wert ist die Variable in der ganzen Geschichte. Hier finden auch Nutzenabwägungen statt, aber in einer anderen Form. Im Tauschwert inbegriffen ist die Arbeitsleistung. Beim Tauschwert (oder Handelswert) versuchen wir, eine Basis für den Tausch verschiedener Dinge zu finden, so dass am Ende beide Tauschpartner zufrieden sind. Als Indikator für den Wert dient der Preis, der quasi eine Hürde, einen "Anti-Nutzen" darstellt: Den Preis muss ich bezahlen, um einen Nutzwert zu erhalten. Das wäre okay, wenn jeder ausreichend Geld besäße, das ist aber nicht der Fall, und wird im Kapitalismus auch nie so sein!
Dass du Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kannst, hat ja sogar die VWL verstanden. Die Grenznutzenschule impliziert, dass der Verbraucher jedem Produkt einen Nutzwert zuschreibt, was ja auch Sinn ergibt. Mein Bedürfnis nach Äpfeln kann durch Waschmaschinen nicht befriedigt werden. Das dürfte jedem einleuchten, oder? Kurioserweise wird im nächsten Schritt das Prinzip des "Güterbündels" eingeführt: 5 Äpfel und 2 Waschmaschinen und 10 Äpfel und 1 Waschmaschine kann ich dann doch wieder vergleichen (oder jede beliebige andere Kombination verschiedener Güter). Und spätestens jetzt wird es zirkusreif: Daraus fabuliert die Haushaltslehre eine Indifferenzkurve, die einen optimalen Kosten/Nutzwert, mit anderen Worten, das optimale Güterbündel ausgehend von der Budgetbeschränkung ergeben soll. Das ist absurd. Kein Mensch geht so einkaufen. Menschen haben klar formulierbare, endliche Bedürfnisse pro Zeiteinheit, und auf diesen muss das Augenmerk liegen.
Am Ende ist doch nur eines interessant: Welche Bedürfnisse hat die Gesellschaft, und wieviel Aufwand muss die Gesellschaft betreiben, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist die KERNAUFGABE eines Wirtschaftssystems, das sich selbst solidarisch nennt.
Es wird immer das Argument vorgebracht, dass sich Arbeit lohnen muss. Natürlich muss sie das! Aber ist das im Kapitalismus der Fall? Und was ist denn Arbeit eigentlich?
Arbeit ist ein ergebnisorientierter Aufwand bei Dingen, die mir die Natur nicht direkt vor die Füße wirft. Ob ich ein Auto baue oder jemandes Wohnung putze, ist dabei irrelevant, beides ist sinnvolle Arbeit mit dem definierten Ziel der Verbesserung der Lebensqualität. Daher unterscheidet die VWL auch zwischen freien und knappen Gütern. Letztere sind die Güter, die Arbeitsleistung erfordern, und um die wir uns prügeln sollen.
Wird Arbeit im Kapitalismus gerecht entlohnt? Ein klares Nein. Warum? Dazu 3 Thesen:
1. Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Die Arbeit der Hausfrau (oder des Hausmannes), die ihrem erwerbstüchtigen Partner den Rücken frei hält, wird nicht entlohnt. Kindererziehung ebensowenig. Ehrenamt wird auch fast nicht vergütet. Die Aufzählung lässt sich fortführen.
2. Selbst bei Erwerbsarbeit ist kein Lohn garantiert! Denn die Entlohnung findet erst dann statt, wenn der Markt mein Produkt annimmt, ansonsten gehe ich leer aus und die Arbeit war komplett für die Katz. Was resultiert daraus? Ressourcen- Gesundheits- und Zeitverschwendung. Genau deswegen schrieb ich davon, dass wir das Prinzip Angebot und Nachfrage umdrehen und anders betrachten müssen!
Auch die unterschiedliche Skalierung der Arbeitsleistung ist alles andere als gerecht. Wenn ich 100 Stühle bauen will, muss ich jeden Stuhl einzeln herstellen. Will ich 100 Menschen mit Musik beglücken, komponiere ich ein Musikstück ein Mal, nehme es ein Mal auf, digitalisiere es ein Mal und verteile es an 100 Menschen. Oder auch an 1 Million Menschen! Völlig wurscht, digitale Arbeit (oder auch geistige Schöpfung als Oberbegriff) skaliert ganz anders als handwerkliche Arbeit. Diesen Wandel in die Informationsgesellschaft haben wir politisch komplett verpennt, weil wir krampfhaft versuchen, digitale Güter in das Korsett "analoger" Güter zu zwängen. Es ist sehr bedauerlich, dass die Piratenpartei so in der Versenkung verschwunden ist, das scheint nämlich die einzige Partei zu sein, die diese Entwicklung von Beginn an korrekt erkannt hat!
3. Staatliche (und auch viele Teile sozialer) Arbeit fällt da komplett durch's Raster, weil sie keinen spezifischen Marktwert aufweist. Wie willst du die Arbeit eines Lehrers oder Politikers beziffern? Genau, das geht nicht. Das ist absolut nicht gerecht, denn der Gemüsehändler hat den Druck, am Markt bestehen zu müssen, ein verbeamteter Lehrer hats dagegen einfach.
Bourdieu differenziert deshalb auch zwischen 4 Kapitalsorten: Ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Es lässt sich eben nicht einfach alles in Geld ausdrücken! Wenn es so einfach wäre gäbe es keinen Ansatz für Kritik!
Jetzt kommt die Hauptkritik: Wir sorgen uns nicht um Bedürfnisse, sondern wir MISSBRAUCHEN die Bedürfnisse Anderer, um selbst damit Profit zu machen, was nichts anderes bedeutet, als Menschen von der Nutzung meines Besitzes auszuschließen. Habe ich kein Geld, ist mein Bedürfnis bedeutungslos für den Markt. Und dann bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Arbeitskraft zu verkaufen, natürlich mit Verlust. Wir haben zwar Arbeitsteilung (so genannte Fremdwirtschaft), aber wir teilen die Arbeit nicht auf, so dass jeder arbeiten kann. Da schuftet einer 40h/Woche, und der nächste findet keine Arbeit. Daraus resultiert die Ungerechtigkeit auf dieser Welt: Da kauft einer eine Segelyacht, obwohl woanders Menschen verhungern. Nur völlig empathielose Asoziale können da ruhig schlafen. Ich kann es jedenfalls nicht. Denn es gehört vor allem Glück dazu, welcher Gruppe man angehört. Bist du in Namibia geboren? Tja, Pech gehabt. Sohn eines reichen Industriellen? Tja, Glück gehabt. Noch etwas Kaviar gefällig?
Eldok schrieb:
Bücher werden in erster Linie verkauft und damit Geld zu verdienen. Willkommen im Kapitalismus
Ein Buch erfüllt das natürliche Bedürfnis nach Vermittlung von Informationen. Das ist der primäre Sinn oder Nutzwert eines Buches. Gedanken in sprachlicher Schriftform, Kommunikation und Rezeption. Mehr ist das erstmal nicht! Der Zwang, ein Buch verkaufen zu müssen ist nicht
natürlich, das ist nur im Kapitalismus so.