Idon schrieb:
Nur, wenn konkretes Ziel sehr weit ausgelegt ist, z. B. eine neue Entdeckung zu machen o. Ä.
Nein. Wenn ich einen Kuchen backe, ist der Kuchen das konkrete Ziel. Der dafür nötige Aufwand ist klar definierbar: Ressourcen beschaffen, Teig herstellen, Backen. Das Rezept dafür ist auch erstaunlich konkret: 100g Zucker, 200g Butter usw. Einfach irgendwas zusammenpanschen ergibt keinen Kuchen, zumindest nicht den gewünschten.
Das gilt für jede Arbeit. Die Reinigungskraft hat X Räume in einer vorgegebenen Zeit zu reinigen, der Lehrer vermittelt den Lehrstoff des Schuljahres, der Autohersteller baut eine bestimmte Anzahl Autos, der Wissenschaftler möchte ein bestimmtes Wissensgebiet erforschen, zum Beispiel einen Impfstoff entwickeln. Du bekommst garantiert keine Fördergelder, wenn du sagst "ich forsche einfach mal drauflos". Du musst schon ein konkretes Ziel und einen damit verbundenen Nutzen angeben können.
Idon schrieb:
Sehe ich nicht so. Der Tausch ist der Grund für Arbeit. Ich investiere meine Lebenszeit und bekomme dafür Geld. Oder Unterkunft. Oder Nahrung. Oder Spaß. Oder ein gutes moralisches Gefühl. Etc. Oder mehrere dieser Dinge.
Hier sagst du es ja selbst. Du arbeitest nicht für etwas weit ausgelegtes, sondern für ein bestimmtes Gehalt. Oder weil du dich konkret in einem Bereich weiterentwickeln, etwas dazu lernen willst. Oder weil du am Abend Netflix gucken möchtest. Arbeit hat immer ein Ziel, das ist die Pragmatik darin.
Idon schrieb:
Der Aufwand lässt sich beeinflussen. Ob ich 1 Stunde oder 12 Stunden arbeite, ob ich viel oder wenig arbeite, ob ich schwere oder leichte Arbeit verrichte.
Auch das sehe ich nicht so. Das Ziel definiert dir den Aufwand. Wenn du eine Rakete bauen willst, musst du solange dran rum schrauben, bis das Ding fliegt. Sonst hast du keine Rakete, sondern einen Schrotthaufen hergestellt. Ob das Ziel schwierig oder leicht zu erreichen ist, kannst du ebenfalls nicht selbst bestimmen, denn das hängt von deinen Fähigkeiten und verfügbaren Mitteln ab.
Du kannst nicht in 10 Minuten pro Jahr deine Wohnung putzen. Denn dann ist sie alles andere als sauber.
Der Aufwand lässt sich nur durch Effizienzsteigerungen verringern, zum Beispiel durch technischen Fortschritt.
Der Staubsaugerroboter nimmt dir das Saugen ab, in der Zeit kannst du die Fenster putzen.
Idon schrieb:
Der Clou ist: Niemand muss eine bestimmte Arbeit ausführen. Die Wahl der Arbeit ist, bis auf ganz wenige Ausnahmen, frei.
Doch, es gibt viele Arbeiten, bei denen du kaum eine Wahl hast. Wenn du dir die Zähne nicht putzen willst, fallen sie dir irgendwann aus. Wenn du nichts zu Essen beschaffst, verhungerst du. Die Natur lässt uns in vielen Punkten keine Wahl. Es ist eben notwendig.
Als Menschheit streben wir nach Entlastung, nach Reduzierung dieses notwendigen Aufwands. Arbeit ist Energieverbrauch, dabei entsteht immer Verlust (ein Perpetuum Mobile gibt es nicht). Der Kapitalismus kennt keine Grenze, das ist auf der einen Seite gut, weil wir uns dadurch in manchen Bereichen weiterentwickeln können, das ist im Sinne der Evolution, auf der anderen Seite ist das schlecht, weil wir gar keine Alternative kennen, und uns keine Gedanken darüber machen, welche Kollateralschäden wir damit anrichten, zB Umweltverschmutzung.
Idon schrieb:
Erfolglos ist und bleibt, wer Arbeit an sich - also das Konzept - als notwendiges Übel auffasst. Denn dann werden nie Motivation, Engagement, Identifikation etc. entstehen; und damit die wesentlichen Treiber für Erfolg.
Mir geht's um was völlig anders, vielleicht verstehst du mich auch einfach falsch. Erfolg ist erstmal nur ein Schlagwort. Wie definieren wir Erfolg? In unserer Ökonomie ist exponentielles Wachstum der Hauptindikator für Erfolg. Wachstum hat aber natürliche Grenzen, und in der Natur kommt exponentielles Wachstum kaum vor, was wir dort sehen ist logistisches Wachstum, eben genau wegen dieser Grenzen. Eine Infektion verläuft logistisch, und am Ende beißt du ins Gras, wenn du das Wachstum der Erreger nicht bekämpfen und ins Negative reduzieren kannst. Auch die Menschheit kann sich gar nicht exponentiell vermehren, denn irgendwann ist kein Platz/keine Nahrung mehr verfügbar für zusätzliche Menschen. Dass wir einfach nur maximal Arbeiten und damit maximal Energie verbrauchen sollen, bloß damit unsere Ökonomie nicht zusammenbricht ist in dieser Hinsicht Genozid mit Ansage. Wir brauchen über kurz oder lang (am besten kurz) alternative Denkmodelle, die zumindest in Teilbereichen unseres Lebens eine Reduktion bedeuten! Im "reinen" Kapitalismus sehe ich das nicht.
Es gibt darüber hinaus auch andere Definitionen von Erfolg. Den Welthunger besiegen würde ich als einen wichtigen Erfolg bezeichnen. Glück und Zufriedenheit ist ein sehr individueller, anstrebsamer Erfolg. Die Glücksforschung hat inzwischen festgestellt, dass Wachstum und Glück nicht linear korrelieren. Wenn du in den Laden gehst, und es gibt dort nur eine Hose, bist du nicht glücklich. Wenn du dich zwischen 5000 Hosen entscheiden musst, bist du ebenfalls nicht wirklich glücklich. Das ist das sogenannte "Paradoxon of Choice". Auf Youtube wird täglich soviel Videomaterial hochgeladen, dass es für ein ganzes Jahr reicht. Auch Konsum kann nicht exponentiell steigerbar sein, denn die verfügbare Zeit zum Konsumieren ist nicht unendlich. Wo ziehen wir da eine Grenze für uns als Menschheit? Manchmal ist weniger mehr! Auf diesem Auge sind wir aber blind, und das ist gefährlich. Ein Erfolg wäre für mich, wenn wir den "Sweet spot" finden bzw. zumindest anstreben würden.