Kommentar: Die Pole von Forza 7 gehört strafversetzt

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Kommentar: Die Pole von Forza 7 gehört strafversetzt
Max Doll

Forza Motorsport 7 (Test) ist unbestreitbar ein herausragendes Spiel. Was ein Highlight des Spielejahres sein könnte, erweist sich aber zugleich als vergiftetes Angebot, das demonstriert, wie sich ein Qualitätsprodukt langsam durch Monetarisierung zerstören lässt. Vor dem Kauf muss gewarnt werden – genug ist genug.

Für sich genommen ist Forza 7 das Rennspiel des Jahres, das grundsätzlich jedem Fahrbegeisterten empfohlen werden will, aufgrund seiner Zweitmonetarisierung aber nicht (uneingeschränkt) empfohlen werden darf.“ So lautet der letzte Satz in meinem Fazit im Test von Forza 7. Die Entscheidung zum Kauf trifft am Ende jeder Spieler für sich. Für mich ganz persönlich steht fest: Forza 7, so gut es auch ist, kann ich nicht ruhigen Gewissens unterstützen.

Man muss sich nur einmal auf der Zunge zergehen lassen, was Microsoft auf den Tisch knallt: Verdienstmöglichkeiten, die in früheren Spielen der Serie bestanden, wurden durch die Bank weg spürbar und, schlimmer, nicht aus spielerischen Gründen beschnitten. Das Abschalten von Fahrhilfen, also das Anheben des Schwierigkeitsgrades, ist zwar immerhin noch (!) möglich, bringt plötzlich aber keine Belohnungen mehr ein, sofern die Deaktivierung nicht per begrenzt nutzbaren Mod-Karten aus einer Kiste voller Zufallsbelohnungen erfolgt.

Durch diese und andere Maßnahmen sinkt ganz nebenbei das durchschnittliche Einkommen. Im Gegenzug enthält das Spiel mehr begehrenswerte und teure Autos als jemals zuvor. Ohne zusätzlich Geld oder Zeit zu investieren, sinkt der Unterhaltungswert, weil die Anzahl der Anreize zwar riesig, der Zugang jedoch begrenzt wird. Der nur noch temporäre VIP-Bonus ist besonders symptomatisch. Statt eines permanenten Bonus enthält der DLC nur fünf Bonuskarten, also „Consumables“. So drängt im neuen Forza vieles und zu vieles auf Kisten, die diesen Verlust an Einkommen ausgleichen sollen.

Das hat dem System die treffende Beschreibung „pay to earn“ eingebracht, obwohl die „Preiskisten“ noch gar nicht für Euros verkauft werden. Dass dem so sein wird, darauf lässt sich mit Blick auf die Implementierung dieser Mechanik aber Haus und Hof verwetten; Microsoft wartet lediglich geschickt, bis die erste Empörung über die „Neuerungen“ abgeklungen ist und sich Kunden mit dem System an sich arrangiert haben. Diese Taktik hat sich schon in der Vergangenheit bewährt.

Triple-A wird „Free to Pay“

Microsoft nimmt also ein Spiel, das nicht nur 60, sondern mindestens 70 Euro kostet und schraubt am Gameplay, um Mikrotransaktionen attraktiver zu machen – und zwar solche, die dem Spiel nichts Neues hinzufügen oder den Unterhaltungswert steigern, sondern lediglich Features früherer Serienteile enthalten. Was hier passiert, ist so dramatisch wie kritisch: Publisher fangen an, zugunsten weiterer Einnahmen am Gameplay von teuren Vollpreisspielen herumzuschrauben. In Forza 7 ist die initiale Kaufsumme nicht länger der Kaufpreis, sondern nur noch ein Einstandspreis, der eine Art Starterpaket zugänglich macht und das Tätigen weiterer Transaktionen erlaubt.

Die düstere Prophezeiung wird wahr

Diese Systematik, die vor wenigen Jahren nur eine Horrorvorstellung war, wird 2017 Realität. Nicht einmal mehr das Gameplay ist in diesem Jahr heilig. Man muss insofern nicht einmal zynisch werden um zu behaupten, dass die neuen Free-to-Play-Spiele nun mindestens 60 Euro kosten. Dieser Rubikon darf nicht erfolgreich überschritten werden. Forza 7 sollte insofern besser nicht gekauft werden, um nicht im nächsten Jahr mit mehr und noch schlimmeren Systemen dieser Machart konfrontiert zu werden: Kommen Publisher mit dieser Methode durch, werden sie immer ungenierter Raubbau am Gameplay treiben, um zusätzliche Käufe anzuregen. Den Verlust eines schönen Spiels zu bedauern ist langfristig klüger als den Verlust aller schönen Spiele zu bemerken.

Hinweis: Der Inhalt dieses Kommentars gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.