Mustis schrieb:
Viele Arbeitgeber haben solche Jobs für Studenten, die teilweise sogar Studenten bevorzugt einstellen und mit den Arbeitszeiten so flexibel sind, dass diese an die Vorlesungen angepasst werden können. Mit welchen Recht nimmt man sich bitte heraus, dass man während eines Studiums sonst keiner Beschäftigung nachgeht?
Mit den €300,- liegt er tatsächlich etwas daneben.
Ich hatte in meinem Studium (OHNE BAFÖG, dafür waren die Schulden meiner Eltern nicht hoch genug), ungefähr €500-€650 im Monat, musste für einen Großteil davon arbeiten (Miete haben zum Glück die Eltern gezahlt, wenn es iwie ging) UND davon alles bezahlen (inkl. der knapp €150 für die Pflichtkrankenkasse, die man ab 30 dann zahlen darf, wenn's nichtmal mehr Studi-Ermäßigung gibt). Ich habe genau dadurch auch ein paar Semester länger gebraucht, in denen mich "sponsored by Papi"-Studenten überholt haben. Die Folge: Heute bin ich insgesamt 5-10 Jahre älter (ja ich habe auch mal ein bisschen gebummelt), als der Durchschnitt meiner Mitbewerber - schlechte Vorraussetzungen, denn auf die Weise darf ich oft genug nichtmal unter Beweis stellen, dass ich mein "Handwerk" beherrsche. Ich bin mit knapp 40 scheinbar zu alt - dabei ist mir klar, dass ich beim momentanen Zustand des Rentensystems und der großen Überraschung "Pensionen", wahrscheinlich werde arbeiten können, bis ich tot umfalle - Rente bekomme ich, wenn überhaupt, nur durch private Vorsorge - und für die bräuchte ich erstmal nen Job nebst Lohn, von dem man Rücklagen aufbauen KANN.
Allerdings wird bei einer Argumentation wie deiner ganz oft etwas vergessen. Eine Antwort auf die Frage, warum viele Unternehmen so gerne Studenten einstellen. Bei den meisten dieser Jobs handelt es sich nämlich um "Geringverdiener"-Jobs, ohne Lohnnebenkosten für Arbeitssicherheit oder Sozialabgaben. Tatsächlich verlieren viele Studenten den Job, den sie über Jahre hinweg gut gemacht haben, genau in dem Moment, wo sie keine Studenten mehr sind, und vielleicht mit den €450 nicht mehr ganz zufrieden sind. Dann werden sie nämlich teurer (auch im MINT-Bereich), als die vielen kleinen Studenten, die den Job nur machen wollen, um ihr BAföG etwas aufzubessern.
Hätte ich mir mein Zeugnis nicht abgeholt, ich wäre auf dem Arbeitsmarkt als zwar ausgebildeter, aber eben nicht zertifizierter "Akademiker" um einiges Attraktiver. Vorrausgesetzt ich hätte als Geringverdiener (vllt. mit 2 - 3 Jobs) weiterhin den Unternehmen die Lohnnebenkosten gespart - denn auf nichts anderes kommt es denen schließlich an. Aus keinem anderen Grund nehmen die Studenten gerne.
@Daaron
Ganz Nebenbei: Auch ein ganz normaler malochender Steuerzahler möchte ab und zu mal ein bisschen Kultur genießen können, am besten ein bisschen über dem Niveau von YouTube-Videos und nicht den 150sten Aufguss von "Free Willy" oder "Und ewig singen die Wälder" - und woher soll das kommen, wenn es keine künstlerischen Studiengänge mehr gibt, weil die ja in der Wirtschaft nicht gebraucht werden? Ich finde es gut, dass es Leute gibt, die bei der Wahl des Studienfaches auf die eigenen Interessen (und evtl. Talente) schauen, statt nur den ohnehin ständig wechselnden Bedürfnissen des Arbeitsmarktes hinterher zu studieren.
Klar wäre es am wirtschaftlichsten, neben MINT nur noch Jura und WiWi als Studienfächer anzubieten. Aber wer designt dann das neue Case, das schicke Handy, das Auto, sorgt für verkaufsfördernde Musik (oder für welche die die Milchleistung von Kühen erhöht) im Supermarkt? Oder wer erzieht und bildet die nächste Generation, vermittelt ihnen Werte wie Sozialkompetenz oder Pünktlichkeit?
Die Rolle, die die von dir so verachteten Studiengänge in unserer Gesellschaft spielen, wird standardmäßig unterschätzt. Aber das wird erst auffallen, wenn es zu Miley Cyrus oder Justin bieber keine alternativen mehr gibt, oder wenn nur noch so Flachpfeifen wie Thilo Sarrazin über gesellschaftliche Zustände und Mechanismen schreiben. Genau diese Leute, die ja im Prinzip "gezielt auf die Arbeitslosigkeit hin" studiert haben, sind dafür zuständig, dass DU ab und zu mal von "guter" Straßenmusik überrascht sein kannst - einige dieser "Penner" haben lang und dreckig mehr drauf, als alle Dieter Bohlen's, Samu's und Nena's zusammen.
Leider wird der gemeine "Kulturarbeiter" in Deutschland schlecht bezahlt, wenn überhaupt.
Der Zeitaufwand für gute Kulturgüter ist nicht zu verachten, wird aber gerne vergessen, wenn man glaubt, dass die meisten Kulturarbeiter das ja eh nur als "Hobby" oder Nebenjob betreiben. Sie betreiben es nicht hauptberuflich, weil man davon in DE kaum Leben kann, und die Zeit, die sie NICHT in ihre Kunst stecken können, kommt "hinten" bei der Qualität ihrer Kunst raus - die ist nämlich oft genug einfach für'n Arsch.
In einer Welt ohne neue Literatur, Musik, Kunst oder einfach Menschen, die dazu ausgebildet wurden, ihre Krativität nicht nur möglichst gewinnbringend (finanziell) einzusetzen, die uns helfen zu verstehen, was in unserer Gesellschaft evtl. falsch oder nicht optimal läuft (jenseits von "Ich bin noch nicht reich/fett genug" das bekommen auch BWLer hin), und ihre jahrzehntelange Forschung (die nur extrem selten noch staatlich finanziert wird), der Gesellschaft, einfach zur Verfügung zu stellen, statt sie meistbietend zu verkaufen - oder eben zurückzuhalten weil das "Mindestgebot" nicht erreicht wurde - in so einer Welt möchte ich nicht leben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand, der sich über Studenten von Philosophie, Literatur, Kunst oder Musik aufregt, wenn diese sich dann über zu geringe gesellschaftliche Akzeptanz oder "imaginäre Löhne" beklagen, in einer solchen Welt auf dauer glücklich sein würde. Einfach mal dran denken, dass man Applaus nicht fressen kann - egal wie ernst er gemeint ist.
Am ende noch eine Frage (weil ich es echt nicht verstehe):
Was haben Überschalflüge oder derartiges mit mit dem zu tun, was Marx zum unschätzbaren Wert der Arbeitslosigkeit im Kapitalismus geschrieben hat?
Das ist mMn eine richtig einfache Anwendung der ganz normalen Marktgesetze (Angebot/Nachfrage). Marx hat es eben nur etwas weiter gedacht und dementsprechend schärfer formuliert als Adam Smith (ich hoffe der sagt dir was). Tatsächlich hat Marx nichts anderes getan, als die von Smith formulierten Marktgesetze auf die Ware "menschliche Arbeiitskraft" anzuwenden. Natürlich passiert mit der das gleiche, wie mit allen Waren, von denen es ein Überangebot gibt - sie müssen günstiger sein, als die der Konkurenz, damit sie vielleicht auch mal jemand kauft.
Und das ist genau das, was ich meine, wenn ich von Lohndumping spreche - im Grunde nichts anderes, als der Erfolg von ALDI, KIK und LIDL. Wirtschaftlichkeit um jeden Preis ist am ende eben doch nicht so menschlich, wie es BWLer gerne hätten.
Die Mechanismen, die er da beschrieben hat, sind durch das global Village eher noch verstärkt worden.
Nebenbei bewundere ich Marx nicht für diese Idee "Sozialismus" (das scheitert mMn am Menschenmaterial aber auch das konnte er damals nicht unbedingt ahnen), sondern für die Schärfe seiner Gesellschaftsanalyse - er hat sicherlich nicht alles berücksichtigt, und heute mit marxistischer Theorie Gesellschaft analysieren zu wollen käme mir nicht im entferntesten in den Sinn (das reicht mMn nämlich nichtmal für die Hälfte) aber ... An einigen Punkten liegt Marx noch immer goldrichtig.
Aber das zählt ja nicht, wenn man bei "Marx" immer gleich rote Tücher sieht.
Der Mann war Philosoph, Soziologe, Journalist und Wirtschaftswissenschaftler - nicht oberster Diktator. Ich bezeichne Lenin, Stalin, Mao oder Castro auch extrem ungern als "Marxisten", denn das waren sie ganz sicher nicht - ganz im Gegenteil, sie haben echte Marxisten liebend gerne (mund)getötet, nicht dass noch jemand dem Volk zu erklären versucht, was im Kapital tatsächlich drinsteht.

Denn das ist einfach nur Gift für jede art von Ausbeutung - auch für die unter einem realsozialistischen Tarnanzug.
Wenn es einen echten Marxismus jemals gegeben hätte, würden wir den Kapitalismus mMn nicht für eine so besonders gute Idee halten. Leider (oder zum Glück) hat es nie jemand wirklich versucht.