Kommentar : Das Glücksspiel mit Android-Updates

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Jeder Nutzer einer halbwegs aktuellen Windows- oder Mac-OS-Version kennt die folgende Situation: Nachdem eine Sicherheitslücke im Betriebssystem entdeckt wurde, stellt der Hersteller der Software mehr oder weniger zeitnah eine entsprechende Aktualisierung zur Verfügung. Diese wird dann ganz bequem per integrierter Update-Routine automatisch installiert, oder notfalls per Hand integriert. Nach einer gewissen Zeit gibt es dann entweder ein großes Update-Paket oder sogar eine neue Version des Betriebssystems, welche alle vorherigen Aktualisierungen enthält und in der Regel auch neue Funktionen mitliefert. Niemand würde hier auf die Idee kommen, dass ein PC-Hersteller ein solches Update unmöglich macht, allenfalls die Hardware wirkt als limitierender Faktor.

Etwas anders sieht es in einem anderen Segment aus, welches sich seit nunmehr schon gut drei Jahren wachsender Beliebtheit erfreut und zumindest in einigen Bereichen Aufgaben eines klassischen Desktop-PCs oder Notebooks übernehmen soll. Die Rede ist von Smartphones und Tablets. Genauer: Die derzeit nach Verkäufen wohl beliebteste Plattform, Android.

Für Geräte der oberen Mittel- oder der Oberklasse werden hier schnell 500 oder mehr Euro fällig, bei gut ausgestatteten Tablets sogar noch mehr. Preislich bewegt man sich also auf einem Niveau mit einem typischen Windows-PC. Wer nun allerdings davon ausgeht, dass sich die „Regeln“ der klassischen Betriebssysteme auch bei der offenen Plattform anwenden lassen, täuscht sich gewaltig.

Denn während man bei einem PC davon ausgehen kann, Updates direkt von Apple oder Microsoft zu erhalten, ist man bei Android vom Willen des Smartphone-Herstellers abhängig. Wie es da mit dem Willen steht, können unter anderem Besitzer eines HTC Desire, Desire Z, Samsung Galaxy S oder Sony Ericsson Xperia X10 aus eigener Erfahrung berichten. Denn entweder kommen Geräte mit einer bereits zur Markteinführung veralteten Version inklusive bekannter Sicherheitslücken in den Handel, oder aber die Hersteller lassen sich monatelang – sechs Monate nach Vorstellung einer neuen Version sind keine Seltenheit – mit einer Aktualisierung Zeit. Wenn diese denn überhaupt angekündigt wird.

Doch warum ist das so? Die Hersteller begründen dies oftmals mit dem hohen Aufwand, den die Integration eigener Oberflächen wie Sense oder TouchWiz verursacht. Denn diese müssen ebenso wie Treiber für die verbaute Hardware in Android eingebaut werden. Dass dies eine bestimmte Zeit und damit die Bindung von Ressourcen bedeutet, ist vielen Kunden klar. Allerdings wird oftmals die Frage gestellt, warum man dann nicht einfach auf Sense und Co. verzichtet oder die Oberflächen nicht fest mit dem restlichen Betriebssystem verbindet.

Und diese Frage ist durchaus berechtigt. Die Hersteller verweisen dabei gerne auf Schlagwörter wie „Differenzierung“, man müsse sich von der Konkurrenz abheben, was nicht nur (bzw. nicht mehr) über die Hardware machbar wäre. In der Tat ähneln sich viele Android-Smartphones in puncto Technik, gleiches gilt insbesondere auch für Tablets. Sowohl bei den Displays als auch den verbauten Prozessoren und Kameramodulen gibt es nur wenige unterschiedliche Typen, hier bleibt also im Prinzip nur der Weg über die Optik, Außen wie „Innen“. Oder gibt es da etwa noch andere Mittel und Wege?

Die gibt es durchaus. Und sie werden in vielen anderen Bereichen wie selbstverständlich genutzt: Preis und Support. Gerade letzteres hat einen großen Stellenwert, der nicht immer exakt zu bewerten ist. Hat ein Kunde gute Erfahrungen mit dem „Drumherum“ bei einem bestimmten Hersteller gemacht, wird das nächste Gerät mit großer Wahrscheinlichkeit wieder bei diesem gekauft. Und zum Support gehören bei einem Smartphone auch Software-Aktualisierungen, die neue – teils wichtige – Funktionen bieten oder die Sicherheit erhöhen. Doch warum wird nicht auf diese Form der Kundenbindung zurückgegriffen?

Nicht, weil es Geld kostet. Sondern weil man den Kunden mit anderen Dingen an sich binden will, die aus Sicht der Unternehmen viel wirksamer sind. Zum Beispiel mit Diensten, die nur von den eigenen Geräten unterstützt werden und die tief in die eigene Oberfläche integriert sind. Nutze ich also den App Store von Hersteller A, werden diese Spiele mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bei einem Gerät von Hersteller B funktionieren. Gleiches gilt für den Backup-Dienst. Sichere ich meine Daten über einen Dienst von HTC, werde ich diese auf einem Android-Smartphone von LG sicherlich nicht wiederherstellen können.

An dieser Haltung wird sich sicherlich auch so schnell nichts ändern. Denn solange die Kunden dieses Verhalten durch den Kauf der entsprechenden Geräte akzeptieren, ist der Druck auf die Hersteller quasi nicht vorhanden. Hier bleibt nur zu hoffen, dass Google den bei Android „Honeycomb“ eingeschlagenen Weg – Beschränkung der Hersteller-Anpassungen, stärkerer Einfluss auf die Updates – konsequent fortsetzen wird. Dies kann nur im Interesse von Android sein, denn Dinge wie die Fragmentierung der Plattform werden in einem nicht zu unterschätzenden Maße durch die Update-Politik der Gerätehersteller beeinflusst.

Wer sich heute ein Android-Smartphone oder -Tablet kauft, erwirbt die Katze im Sack. Denn niemand kann garantieren, dass man in sechs, neun oder zwölf Monaten noch mit Updates versorgt wird. Daran wird auch die vor Kurzem ausgesprochene „Garantie“ der Hersteller nichts ändern, denn letztendlich hat in vielen Fällen auch der jeweils genutzte Mobilfunk-Provider ein Wörtchen mitzureden. Einzig mit den Nexus-Modellen scheint man hier auf der halbwegs sicheren Seite zu sein.

Der Autor verwendet selbst ein Android-Smartphone und hat auf diesem nach einem „Update-Hickhack“ auf Seiten des Herstellers vor einigen Tagen ein Custom-ROM installiert.

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