FROM: Andreas Wollenweber, 2:244/1522.17
DATE: 19 Oct 96 22:24
TO: Alle, 0:0/0
SUBJECT: Die Angst vor dem Quantensprung
Peter Wollschlaeger (PP 7/96, S.60)
DIE ANGST VOR DEM QUANTENSPRUNG
Angeblich ist die Computerbranche die innovativste ueberhaupt, doch wenn
eine wirkliche Neuerung droht, blockt sie ab.
Ganz so unrecht hat die Branche nicht, denn solange die Mehrzahl der User
zwar ueber DOS und Windows schimpft, aber nicht zu NT oder OS/2 wechselt,
glit das Gesetz der Masse: je groesser, desto traeger. Also werden wir
weiterhin Bagatellen wie die Takterhoehung von 120 auf 133 MHz als
Innovationen feiern, bei 166 MHz den Riesenfortschritt sehen und glauben,
dass 200 Takte der absolute Durchbruch seien.
So kann man als Hersteller herrlich bequem Geld verdienen, man darf nur
nicht zu grosse Spruenge machen, denn bei etwa 1000 MHz ist die
Technologie ausgereizt. Da stoert es natuerlich, wenn sich jetzt eine
Technik ankuendigt, die so einen 1000-MHz-Computer um mindestens noch
einmal den Faktor 1000 bescholeunigt. Sie haben richtig gelesen.
Taktfrequenzen im 1000-Gigahertz-Bereich sind machbar, man weiss sogar
schon wie. Im sogenannten Quantencomputer werden die digitalen Zustaende
0 und 1 nicht mehr durch Spannungsdifferenzen, sondern ueber einzelne
Atome definiert. Elektronen wandern durch einen Laserimpuls angeregt eine
Atomschale hoeher und nach dem naechsten Impuls wieder zurueck. Es wird
nur noch ein Elektron anstatt Tausenden bewegt. Die Folgen sind
dramatisch. Ein Quantencomputer mit einem Speicher von nur 40 Bits wuerde
in einer Sekunde das leisten, wofuer die heutigen Rechner mit ihren
Billionen von Bits mehrere Jahre brauchen.
Nun sollte man meinen, dass die Computerhersteller in den Universitaeten,
wo die Grundlagenforschung fuer Quantencomputer bereits laeuft, Schlange
stehen und Milliarden in die Entwicklung pumpen, doch nichts da, die
Branche hat Angst. Die gesamte aktuelle Software waere dann wertlos, denn
Quantencomputer benoetigen ein total neues Betriebssystem. Man koennte
sich zwar vorstellen, dass so ein System 1000 DOS-Boxen im Parallelbetrieb
emuliert und pro RAM-Zugriff Millionen Wartezyklen einlegt, um sich auf
das Tempo heutiger Pentiums herunterzubremsen, aber daran glaubt das
Pentagon nicht. Tatsaechlich hat das US-Verteidigungsministerium arge
Bedenken, denn komme jemand auf die Idee, den Quantencomputer auch
einzusetzen, sei die nationale Sicherheit gefaehrdet. Das stimmt sogar,
denn aktuelle Verschluesselungsalgorithmen basieren alle schlicht darauf,
dass heutige Rechner viele Jahre brauchen, um den Code zu knacken - fuer
den Quantencomputer ein Job von weniger als einer Sekunde. Ein Dilemma.
Haben die anderen diesen Computer und wir nicht, wird es gefaehrlich, und
dummerweise forschen die anderen auch. Also werden auf jeden Fall im
Staatsauftrag Quantencomputer entstehen, nur die Industrie straeubt sich,
sieht si dich dadurch all ihre Pfruende schwinden. Intels Lizenz zum Geld-
drucken waere dahin, sogar dann, wenn Intel selbst Quantencomputer baut
und wieder 97 Prozent Marktanteil erreicht. Das Problem: Wer einen
Quantencomputer hat, kauft nie wieder einen neuen, denn schneller als
lichtschnell kann der naechste nicht sein. Es wird keinen XT, keinen AT,
keinen Quantum Pro und auch sonst keine angebliche Evolution mehr geben,
um den Leuten immer wieder das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein Quanten-
computer braucht nicht staendig neue Chipsaetze fuer 3 Prozent schnelleren
RAM-Zugriff, er braucht keine neue Videokarte, er braucht ueberhaupt keine
Extras, die ihn schneller machen, er braucht nicht einmal eine
Speicheraufruestung fuer die Plusversion von Quantum 95, denn Speicher
gibt es unendlich - kein Kunststueck, wenn jedes Bit nur noch ein Atom
ist.
Den Softwareherstellern wird es nicht besser gehen. So alberne Ausreden,
dass ein Betriebssystem aud Performancegruenden eben ein paar
Schwachstellen haben muesse, waehre nicht mehr zu halten. Ein Update, das
nur schneller zu sein verspricht, liesse sich auch nicht mehr verkaufen.
Sogar das Versprechen, ein paar Bugs beseitigt zu haben, gilt nicht mehr,
schliesslich dauert der Test aller moeglichen Kombinationen anstatt Jahre
nur noch Sekunden. Sie sehen, es bleibt schwierig, schliesslich will die
Computerbranche nur Ihr Bestes...Ihr Geld.
PETER WOLLSCHLAeGER ist seit Jahren als Systemprogrammierer, Buchautor und
freier Mitarbeiter bei verschiedenen PC-Publikationen taetig. Ueber
Compuserve erreichen Sie ihn unter ID 100043,1320