_killy_ schrieb:
Eine soziale Ungerechtigkeit gibt es zumindest in Deutschland nicht. Hier kannst du ein normales Leben allein auf Basis von Sozialleistungen führen, hast eine vollständige Krankenversicherung, Wohnung & Co. werden bezahlt - ohne dass du jemals in das System eingezahlt haben musst. Wenn dies sozial ungerecht sein soll - dann bitte erklär mir soziale Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit bzw. auch soziale Gerechtigkeit ist keine absolute Perspektive von unten nach oben. Es gilt in alle Richtungen. Darüber hinaus sind Begriffe wie "normales Leben" oder "Armut" immer in Zusammenhang mit den gegebenen Verhältnissen zu betrachten. So gibt es bspw. im internationalen Vergleich keine Armut in Deutschland, weil anderswo Menschen regelrecht wegen Wasser- und Nahrungsmangel sterben. Innerhalb des Nationalen hingegen gibt es sie sehr wohl, so wie es auch soziale Ungerechtigkeit gibt.
Wenn Rentner, die 45 Jahre in das System eingezahlt haben, immer noch Flaschen sammeln müssen, während andere, die noch nie in das System eingezahlt haben und eine äquivalente Lebens"qualität" besitzen, und dabei wiederum der größte Anteil von der Mitte genommen wird, während jene Gruppe, die einen größeren Anteil am Vermögen besitzen, in Summe weniger dafür aufkommen, dann ist das auf vielen Ebenen eine Ungerechtigkeit. Man kann einen Sozialstaat nicht mit Doppelmaßstäben umsetzen. Entweder hat man ein alle für sich und bittet niemanden zur Kasse, oder man behandelt alle Habende mit den gleichen Handschuhen und macht eine gerechte Belastung sowie Verteilung.
Du beantwortest es dir ja schon selbst, siehe:
_killy_ schrieb:
Statt wirklich hohe Einkommen, trifft es Tarifangestellte. Es gibt damit nicht mehr die Möglichkeit - sich wirklich durch unselbstständige Arbeit ein wirkliches Vermögen aufzubauen - da sehr schnell, sehr viel Einkommenssteuer zu zahlen ist
Und das Folgende...
_killy_ schrieb:
Wenn du also wirklich Interesse daran hast, dass sich die Vermögens-Ungleichgewichte und Besitz-Ungleichgewichte verbessern sollen, dann kämpfe für niedrigere Steuerbelastung von Arbeitnehmern. (und nicht höhere Steuern für Reiche - nur weil dem einen was fehlt - bekommen die anderen ja nichts)
_killy_ schrieb:
Ich habe ganz klar aufgezeigt, dass die hohe Besteuerung von Arbeitseinkommen die Arbeitnehmer hindert, wirklich größere Vermögen aufgrund ihrer eigenen Arbeit zu bilden.
...steht mit dem o.g. in engem Zusammenhang.
Du liegst im Grunde genommen ja richtig, dass der Staat sich den größten Kuchen von der Mitte nimmt. Dass die obersten dabei in Ruhe gelassen werden, MUSS aber im Kontext mit erwähnt werden, weil es sonst suggeriert, als würde man Superreichen ja bereits angemessen zur Kasse beten. Da genau das aber nicht der Fall ist, geht die Schere immer weiter auseinander.
Das Vermögen ist extrem konzentriert in den obersten 10%, während die unteren 50% fast nicht besitzen oder oft Schulden haben. Das Steuersystem besteuert Arbeit viel stärker als Besitz. Vermögende tragen zwar viel zur Einkommenssteuer bei, aber nicht im Verhältnis zum Besitz, sondern zu ihrem Einkommen. Was machen sehr Reiche? Sie haben ein hohes Vermögen, aber vergleichweise geringes, offizielles Einkommen z.B. durch Firmenkonstrukte, niedrige Eigenentnahmen, Kapitalerträge, welche wesentlich niedriger als Arbeitseinkommen besteuert werden usw..
Dadurch wird Vermögen nicht in dem Maße besteuert (bis hin zur gar keinen Besteuerung!), wie es in der Bevölkerung tatsächlich verteilt ist. Das ist ein Katalysator für noch weitere Vermögenserhöhung, während es im gleichen Zuge ein Katalysator für sinkende Lebensstandards der Nicht-Reichen ist. Insbesondere weil auch Verbrauchssteuern untere Gruppen relativ zum Einkommen immer härter treffen, auch wenn sie in absoluten Zahlen weniger zahlen.
Dein Vorschlag mit "Nimm in der Mitte einfach weniger weg" ist also, bevor wir überhaupt damit anfangen, ob es alle Probleme überhaupt lösen würde, als erstes nicht die entscheidende Maßnahme. Die erste Maßnahme ist erstmal, die mit Samthandschuhen behandelte Gruppe mit den passenden Handschuhen zu behandeln, damit erstmal faire Verhältnisse geschaffen werden. Dass die Mitte dann entlastet wird, weil von ihr nun weniger benötigt wird, ist die natürliche Konsequenz dieser Behandlung, sofern man in gerechter Politik konsequent bleibt.