Alphanerd schrieb:
Nun ja. Es ist die Generation, die am meisten profitiert hat, heute in wirtschaftlicher und politischer Führung steht und nichts abgeben möchte und nur nach den eigenen Interessen wählt.
Kann man sicherlich so sehen, auch wenn es wenig hilfreich ist. Diese Generation ist halt in einer Phase aufgewachsen, in der die Möglichkeiten für gut bezahlte Jobs, auch bei geringer und mittlerer Bildung einen Vermögensaufbau leichter machten als heute.
Daraus einen Vorwurf stricken und in ein großes, negatives Narrativ kleiden? Fällt sicher leicht, ist aber für die Lösung aktueller Probleme wenig hilfreich. Hätte jeder von uns auch so genutzt. Und nicht zu vergessen, die zu übertragene
Erbmasse ist auch entsprechend riesig, so dass die Nachfolge-Generationen gerne auch mal profitiert, ohne dafür etwas selbst geleistet zu haben.
Meine Generation X war übrigens häufig gekniffen, weil wir der Baby-Boomer-Generation direkt folgen. Überall, wo wir hin wollten, waren sie schon, um es überspitzt auszudrücken. Volle Schulklassen, rare Ausbildungsplätze, besetzte Firmenhierarchien, volle Unis... heute volle Wartezimmer, Krankenhäuser und GKV und Rentenversicherung am Limit. Klagen wir deswegen im sichtbaren Spektrum? Eher weniger, wir sind es gewohnt, uns unter "erschwerten Bedingungen" durchzubeißen.
Und die Welle geburtenstarker Jahrgänge, die sich noch einige Jahre durch alle Systeme schiebt, ist heute nur eine von vielen inneren Herausforderungen, die aktuell durch allerhand äußere Herausforderungen ergänzt werden, für die diese Gen noch nicht mal etwas kann.
Ich will sie jetzt aber auch nicht über Gebühr verteidigen, die Versäumnisse liegen auf der Hand. Nur nochmal: Für die Lösung heutiger Probleme ist Boomer-Bashing null hilfreich.
Meiner bescheidenen Meinung nach haben alle Generationen seit den 1950er Jahren bis heute mehr oder weniger von Wohlstand, Frieden und Freiheit extrem profitiert. Aber diese Sicherheit hat auch etwas mit uns gemacht.
Weil wir viele Aspekte unseres Lebens den Institutionen überlassen haben, nach Rahmenbedingungen gelebt haben, die einfach nachvollziehbar und verlässlich waren, es in Grunde an nichts gemangelt hat, wir dafür viele Freiheiten ausleben konnten und uns wenig Gedanken um die Zukunft machen mussten, sind wir irgendwie träge geworden.
Die Resilienz, Unsicherheiten auszuhalten und einen Umgang damit zu finden, hat deutlich gelitten und mündet heute gerne in einer Art Verunsicherung, Ängstlichkeit und Unzufriedenheit, verbunden mit der Forderung, dass jemand, im Grunde der Staat, alle Probleme löst. Der Grad an externalisierter Verantwortung ist so groß geworden, dass es scheinbar für viele attraktiv ist, einfach nach den "alten Zeiten" zu verlangen und sich wieder einmal falschen Propheten und Rattenfängern auszuliefern, anstatt selbst den Arsch hoch zubekommen.
Um die Kurve zum Thema zu bekommen: Der Gestaltung der Verteidigungsfähigkeit ist nicht damit geholfen, sich in Diskussionen über Generationengerechtigkeit zu verstricken. Dieser innere Konflikte und das daraus entstehende Zögern ist gefundenes Fressen für jeden, der uns von außen schwächen will.
Die Gestaltung und Sicherung der Zukunft muss auf vielen Ebenen gleichzeitig stattfinden. Verteidigungsfähigkeit ist eine davon. Sie gegen die anderen auszuspielen, schwächt uns nur noch mehr.