Ich gehe davon aus, dass die meisten von uns, die in den letzten Jahrzehnten in einem demokratischen Rechtsstaat in Wohlstand, Frieden und Freiheit aufgewachsen sind, das auch weiterhin wollen. Von den Anhängern der 1940er Jahre mal abgesehen. Egal, ob Deutschland, generell Europa oder andere, vergleichbare Nationen.
Die Frage, die sich heute aber leider wieder stellt ist, was passiert, wenn Wohlstand, Frieden und Freiheit von außen bedroht wird? Wie als einzelne Person verhalten, wie als Staat, der seine Gesellschaft zu schützen hat?
Kopf einziehen, gar wegducken? Aggressoren einladen (weil wird ja nicht so schlimm)? Fliehen und Heimat aufgeben (wenn ja, wohin? Wo ist man auch in größerer Anzahl erwünscht?)? Was passiert mit den Zurückbleibenden?
Mir behagt das nicht, weil alles irgendwie mit Teilen des Werte-Kompasses kollidiert. Es fühlt sich schwach an, nicht richtig, irgendwie feige.
Ich kann aber durchaus nachvollziehen, dass mit erodierendem gesellschaftlichen Zusammenhalt, fortschreitender Egozentrierung und steigender Unzufriedenheit mit dem Staat an sich, auch die Bereitschaft nachlässt, sich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der man sich eigentlich gut fühlen sollte, integriert, sicher und frei.
Eine erhöhte und ausreichend abschreckende Verteidigungsfähigkeit sehe ich auch weniger als "Dienen" an. Das klingt zu sehr nach Unterordnen, nach Unterwerfen unter den Willen anderer. Was zugegeben aktuell scheinbar bei Teilen der Gesellschaft wieder in Mode gekommen ist, betrachtet man die Wählerbewegungen.
Den Dienst an der Waffe sehe ich vielmehr als verteidigen persönlicher Werte und Überzeugungen. In diesem Kontext Freiheit, Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Wer das nicht kann oder möchte, sollte dazu auch nicht gezwungen werden. Irgendwo sollte der Level intrinsischer Motivation schon hoch genug sein.
Es geht nicht ausschließlich darum, was der Staat konkret für mich tut, sondern welche Werte für mich persönlich wichtig sind und ob ich bereit bin, dafür zur Not und als letzte Option auch mit der Waffe einzutreten.
Das muss nicht in eine Art Glorifizierung des Soldatentums münden. In Skandinavien sieht man sehr gut, wie es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verankert ist.
Wehrpflichtige und Berufssoldaten sollten die gleiche Anerkennung erfahren, wie diejenigen, die sich aus bspw. pazifistischen Gründen ihrem Wertekompass folgend anders für ihre Gesellschaft einsetzen. Sei es in einer Art Sozialdienst oder meinetwegen als Friedensaktivisten. Beides gehört am Ende zusammen und definiert u.a. die Stärke des Zusammenhalts.
Wenn alle nur weiße Tauben züchten und weiße Fahnen nähen wollen, wird es eng mit der Abschreckung.
Kein Verständnis habe ich für Menschen, die alle Annehmlichkeiten unserer Gesellschaft genießen möchten, aber umgekehrt dafür nichts zurückgeben wollen, und sobald sie gefordert werden, lieber den Arsch durch die Latten ziehen.
Wir vergessen häufig, dass unsere Zeit hier begrenzt ist, deutlich begrenzt. Wir leben keine 300 Jahre, auch keine 3000 Jahre. Also sollten wir gut überlegen, was nach dieser sehr kurzen Zeit von uns zurückbleiben soll und wie die Zeit gut genutzt wird, bevor wir dümmsten Falls uns selbst einscheißend in einem Pflegebett endlich das Zeitliche segnen und dorthin zurückkehren, woher wir kamen.
U.a. Marc Aurel und Seneca hatten dazu zu ihrer Zeit schon ein paar kluge Gedanken, wie ich finde.
Ich bin weiterhin für eine gute Balance aus militärischer, diplomatischer und letztlich gesellschaftlicher Stärke und Resilienz, die aus dem gemeinsamen Willen erwächst, unsere Errungenschaften der letzten 80 Jahre zu erhalten und zu entwickeln.