Kommentar : Apples iPhone 4S fehlt das Alleinstellungsmerkmal

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Dienstagabend, Millionen Menschen blicken gespannt auf die zahlreichen Live-Ticker, die allesamt nur ein Ziel haben: Der Welt mitteilen, wie das neue iPhone aussieht, was es kann, was es kosten soll. Dabei haben sich schon Wochen zuvor alle Möglichen Analysten, Experten und Fans geäußert, was Apple da alles in der neuen Generation des iOS-Smartphones verbauen wird. Von einem schnelleren SoC war die Rede, einer Kamera mit mehr Megapixeln, mehr Speicher, einem größeren Display und natürlich auch einer zweiten, preiswerteren Version des Handys. Als dann um 19 Uhr der neue Apple-CEO Tim Cook die Bühne betritt und den Abend mit einem kleinen Witz eröffnet, steigen die Erwartungen noch einmal nach oben.

Rund eine Stunde später ist dann aber klar: Tim Cook ist nicht Steve Jobs, das neue iPhone ist nicht das iPhone 5. Aber: Die Welt dreht sich weiter, auch wenn viele zwischendurch mehrfach das Gefühl haben, sie stünde für Bruchteile einer Sekunde still. Denn mit jedem Satz und jeder neuen gezeigten Folie wird schnell klar, dass Apple nicht wie von einigen erwartet ein rundum erneuertes iPhone 5, sondern ein überarbeitetes iPhone 4S in das Rennen um die Gunst der Käufer schickt. Aber auch diejenigen, die sich auf ein günstigeres iPhone gefreut haben, werden zumindest teilweise enttäuscht. Die alten Geräte leben zwar weiter und werden deutlich günstiger, ein Apple-Smartphone mit aktueller Technik zu Preisen von 200 bis 300 Euro ohne Vertrag gibt es jedoch nicht.

Aber: Hat Apple im Vorfeld denn überhaupt Erwartungen geschürt? Wie eigentlich immer hat sich das Unternehmen mit dem Apfel im Logo im Vorfeld mit Details zurückgehalten, erst wenige Tage vor der Präsentation bestätigte man diese offiziell. Warum aber sind nun so viele vom Gezeigten enttäuscht?

Dies dürfte in erster Linie an der Konkurrenz liegen, ob sie nun Android oder Windows Phone 7 heißt. Hier liefern sich die verschiedensten Hersteller – ob nun HTC, Samsung oder LG – einen mehr oder weniger erbitterten Kampf um die Käufer. Wer sich bei diesen beiden Plattformen nicht mit Superlativen von der Konkurrenz abhebt, geht in der Masse der Geräte unter. Der eine wirbt mit dem größten Display, der andere mit dem schnellsten Prozessor, der dritte mit der höchsten Auflösung. Ob die Mehrheit der Nutzer wirklich ein 4,5 oder 4,7 Zoll großes Display, SoCs mit mehreren Kernen und HD-Auflösung benötigt, scheint da fast nur noch nebensächlich zu sein.

Mittlerweile aber wird genau dies erwartet. Ist ein Nachfolger nicht schneller, größer und dünner, kann er ja nicht besser sein – so zumindest die Ansicht vieler. Das Motto lautet nicht mehr „weil man es braucht“, sondern „weil man es kann“. Dabei wird von vielen vergessen, dass Geräte wie ein Handy nicht nur aus Hardware bestehen. Die Software ist mindestens genauso wichtig, was nicht zuletzt durch die steigende Anzahl an Updates für die wichtigen Plattformen belegt wird. Auf diesem Wege werden neue Funktion nachgereicht, Fehler beseitigt und Unterhaltung hält in Form von neuer Musik, neuen Videos und Spielen über die App Stores und Marketplaces Einzug.

Entscheidend ist aber, dass ein Hersteller sich die Mühe der Anpassung macht. Denn die schnellste Technik hat keinen Nutzen, wenn die Leistung nicht abgerufen werden kann. Ebenso bringt die schönste Oberfläche nichts, wenn schon bei der Bedienung aufgrund der mangelnden Geschwindigkeit die Freude vergeht. Und genau dies will Apple verhindern.

Schon zu Beginn des Jahres kündigte man an, dass 2011 das Jahr der Software werden würde. Mit der Präsentation von OS X 10.7 „Lion“ und iOS 5 bekräftigte man diese Aussage, mehr noch: Man zeigte, was durch eine neue Version an zusätzlichen Funktionen zur Verfügung gestellt werden. Dabei ist es nüchtern betrachtet vollkommen klar, dass Apple das Rad nicht neu erfunden hat, weder die mit iOS 5 kommende Infoleiste noch die Lokalisierungsfunktion wurde in Cupertino erfunden. Dafür versteht man es dort so gut wie kaum an einem anderen Ort, bereits existierende Funktionen im Sinne der breiten Masse anzupassen und zu verfeinern.

Das iPhone war – wie auch zahlreiche andere Apple-Produkte – nie dazu gedacht, all die Superlative in sich zu vereinen, mit denen andere werben. Sicherlich waren Aussagen wie zum Beispiel zum Retina-Display des iPhone 4 alles andere als zurückhaltend, im Vordergrund steht aber schon seit 2007 – der Veröffentlichung der ersten Generation – die „User Experience“. Der Nutzer soll, wie man es schon von anderen Apple-Produkten kennt, möglichst einfach sein Smartphone bedienen können, ohne zig Einstellungen vornehmen zu müssen. Dass dabei Freiheiten, die andere Systeme bieten, auf der Strecke bleiben, wird von vielen in Kauf genommen. Dazu kommt, dass nach wie vor keine andere Plattform ein derart großes Ökosystem bestehend aus Spielen, Anwendungen, Musik, Videos und Zubehör bieten kann. Der Nutzer kann hier (fast) alles aus einer Hand erwerben – für die einen ein Segen, für die anderen ein Fluch.

Bei all dem Verständnis für die Entscheidung Apples, das neue iPhone so auf den Markt zu bringen, wie man es nun tut, erscheint eine Schwächephase Apples nicht unwahrscheinlich. Denn anders als beim Sprung vom iPhone 3G zum iPhone 3GS fehlen beim iPhone 4S die Alleinstellungsmerkmale. Zwischen dem 3G und dem 3GS lagen gefühlt Welten, das neue Modell war deutlich schneller, die Kamera bot eine bessere Qualität, die neuen Sensoren waren sinnvolle Erweiterungen. Zwar bietet auch das 4S im Vergleich zur vierten Generation von vielem ein wenig mehr, aber der Sprung fällt deutlich kleiner aus. Denn schon das iPhone 4 war schnell und bot eine im Vergleich zu vielen anderen Smartphones gute Kamera. Die Motivation, ein iPhone 4 gegen den Nachfolger einzutauschen, ist so also um ein vielfaches geringer als noch beim iPhone 3G. Zumal sich in Sachen Optik nichts ändern wird und die wichtigsten Neuerungen bis auf eine Ausnahme – Siri wird zumindest vorerst nur auf dem iPhone 4S verfügbar sein – allesamt via iOS 5 auf dem noch aktuellen Modell Einzug halten werden.

Ob aber – wie von einigen spekuliert wird – Android und Windows Phone 7 Kapital aus der Schwäche schlagen können, darf bezweifelt werden. Während es Microsofts Plattform einerseits an Bekanntheit fehlt und sich die Geräte andererseits noch immer stark ähneln, kämpft man bei Android mit der Update-Politik der Hersteller und vor allem hohen Preisen. Denn nicht nur Apple verlangt für sein Premiumprodukt einen Premiumpreis, auch die großen Anbieter wie Samsung und HTC lassen sich ihre Flaggschiffe teuer bezahlen. Wer am Ende gewinnt, ist also vollkommen offen.

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