Thalia Oyo II im Test: Gelingt die Abkehr vom klassischen Papier?

 3/4
Patrick Bellmer
71 Kommentare

Eindrücke

Vor der eigentlichen Nutzung des Oyo II steht erst einmal die Konfiguration des Gerätes an. Dazu gehört das Anlegen eines Thalia-Accounts sowie auf Wunsch einer Adobe ID. Letztere kann auch vom Gerät selbst generiert werden, aufgrund der fast schon kryptischen Zeichenfolge sollte hier aber selbst Hand angelegt werden. Da im Vergleich zur ersten Oyo-Generation kein UMTS-Modul mehr verbaut ist, muss für diese Schritte ein WLAN zur Verfügung stehen und auf dem Gerät ausgewählt werden. Schon in diesen ersten Minuten wird man mit den meisten der Nachteile und Schwächen des Oyo II konfrontiert.

Thalia Oyo II Anschlüsse: Slot für microSD-Karten, Audio-Ausgang und Mini-USB
Thalia Oyo II Anschlüsse: Slot für microSD-Karten, Audio-Ausgang und Mini-USB

In erster Linie handelt es sich dabei um das sehr geringe Arbeits- und Reaktionstempo des E-Readers. Nicht nur, dass die benötigte Zeit zum Aufbau einer WLAN-Verbindung oder das Laden eines E-Books je nach Umfang sehr groß ist, auch die Geschwindigkeit des Displays enttäuscht. Wo LCDs in Sekundenbruchteilen Inhalte darstellen, vergeht auf dem Oyo II eine gefühlte Ewigkeit. Zusammengenommen ist die subjektive Leistung sehr enttäuschend. Dass aber nicht nur die Wartezeiten dadurch sehr lang werden können, sondern anfangs auch Fehler nahezu provoziert werden, zeigt die virtuelle Tastatur. Zwischen der Eingabe eines Zeichens und dessen Darstellung auf dem Display vergehen mitunter eineinhalb oder zwei Sekunden, gerade bei komplizierteren oder längeren Passwörtern mit Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen wird das zu einem Geduldsspiel.

Thalia Oyo II: Hauptmenü
Thalia Oyo II: Hauptmenü

Sind diese Startschwierigkeiten überwunden, zeigt sich die Stärke des „Systems Oyo“. Durch die enge Verknüpfung mit der Online-Shop ist der PC in der Regel überflüssig, der Kauf sowie das Herunterladen gehen mühelos von der Hand, die bereits angesprochen Schwächen einmal ausgenommen. An der grundsätzlichen Menüführung gibt es nichts auszusetzen, ein Blick in das Handbuch hilft im Zweifelsfall bei Fragen. Bei der Kernaufgabe, dem Anzeigen von E-Books, leistet sich der Oyo II kaum Schnitzer. Dank des Displays auf Basis von „elektronischem Papier“ entsteht fast der Eindruck, man würde von einem bedruckten Blatt ablesen. Allerdings haben sich Thalia und Medion, von hier stammt der Oyo II, gegen den Einsatz eines Bildschirms aus dem Hause eInk entschieden. Verwendung findet statt dessen ein Sipix-G2-Display, welches sich in einigen Punkten von der bekannten Konkurrenz unterscheidet. Im wesentlichen handelt es sich dabei um den Einsatz eines Touchscreen-Sensors, der bei anderen, vergleichbar teuren Displays nicht oder nur sehr umständlich integrierbar ist. Allerdings ist der „Hintergrund“ der Sipix-Anzeige sichtbar dunkler als bei vielen eInk-Produkten, worunter der Kontrast leidet.

Verschiedene Schriftarten und -größen

An den beiden wesentlichen Stärken des „elektronischen Papiers“ ändert sich allerdings nichts. Zum einen handelt es sich da um den sparsamen Umgang mit der gespeicherten Energie (diese wird prinzipiell nur beim Verändern es Bildschirminhaltes benötigt), zum anderen um die Darstellungsqualität. So ist selbst in sehr hellen Umgebungen das Lesen nahezu frei von Einschränkungen möglich, des Weiteren sind die möglichen Blickwinkel extrem groß.

Thalia Oyo II
Thalia Oyo II

So ist in puncto Lesekomfort die Umgewöhnung vom „echten“ Buch hin zum E-Book schnell getan. Ob auf der Couch oder im Bett: durch das handliche Format – und das meist geringere Gewicht – ist der Griff zum Oyo II verlockend. Vorausgesetzt jedoch, dass das E-Book nur wenige oder möglichst gar keine grafischen Inhalte besitzt. Denn zum einen erhöht sich so die Ladezeit teils deutlich, zum anderen sinkt die Reaktionsgeschwindigkeit beim Seitenwechsel. Dieser kann grundsätzlich per Touchscreen oder die am Rand befindlichen Tasten erfolgen, letztere Methode ist aufgrund des teilweise unpräzisen Bildschirms vorzuziehen. Sind Bilder oder ähnliches im Buch enthalten, hängt die Darstellungsqualität stark von den im Original gewählten Farben sowie den Anpassungen ab. Im besten Fall ist das Bild durch die 16 darstellbaren Graustufen gut zu erkennen, im schlechtesten Fall hat man einen grauen „Brei“ vor sich.

Thalia Oyo II
Thalia Oyo II

Zu den wichtigsten Optionen, die der Oyo II beim Lesen bietet, gehören das Setzen von Lesezeichen sowie das Nachschlagen und Übersetzen von Begriffen. Hinzu kommen verschiedene Schriftarten und -größen, womit der Text – den eigenen Wünschen entsprechend – angepasst werden kann. Leider fehlt jedoch die Möglichkeit, die Einstellungen und Lesezeichen vom E-Reader auf das Smartphone oder Tablet zu übertragen. Denn durch die dort nutzbare App könnte so der aktuelle Stand zwischen beiden Plattformen ausgetauscht werden, ein auf dem Oyo II zu Hause begonnener Titel könnte so problemlos unterwegs auf dem Tablet weitergelesen werden.

Vergleich der Grafikdarstellung

Ein wenig unbefriedigend ist auch die Anzeige von PDFs. Denn hier werden die Dateien nicht in einen Fließtext umgewandelt, sondern im Original angezeigt. Navigiert wird dann per Zoom und Scrollen, was durch Bilder und aufwändigeres Layout sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Unabhängig vom Einsatz aber tritt mehr oder weniger häufig der sogenannte Ghosting-Effekt auf. Dabei handelt es sich um schattenartige Überbleibsel der zuvor aufgerufenen Seite oder des Menüs. Prinzipiell kann dem durch eine höhere Aktualisierungsrate – zu finden in den Einstellungen – entgegengewirkt werden. Beim Testgerät konnte der Effekt aber auch auf diesem Wege nicht komplett beseitigt werden. Laut Thalia ist dies im Wesentlichen auf Temperaturschwankungen zurückzuführen, die von der Software noch nicht in Gänze ausgeglichen werden können. Mit dem nächsten Update soll dies aber der Vergangenheit angehören.

Wenig Spaß bereiten der integrierte MP3-Player sowie der Browser. Während ersterer nur sehr rudimentäre Funktionen anbietet, Titel nur per Meta-Daten sortieren lässt sowie beim Lesen nicht im Hintergrund ausgeführt werden kann, leidet letzterer unter den langen Ladezeiten sowie den Einschränkungen in puncto Darstellung.

Integrierter Internet-Browser: Lange Ladezeiten