Kommentar : Die Content-Industrie hat nichts gelernt!

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Michael Schäfer

ist es wieder so weit? Steht wieder einmal der Untergang des Abendlandes bevor?

Es ist ja schön, dass eure Musikverwerter sich wieder einmal zusammenfinden, um über deren Zukunft zu beratschlagen. Nur sind meine Hoffnungen, dass hierbei auch wirklich etwas Brauchbares herauskommt, gelinde gesagt, kaum messbar.

Zulange schon jammert ihr auf unerträglichem, hohem Niveau, seit über 40 Jahren liegt ihr im Sterben und habt damit schon lange den deutschen Wald hinter euch gelassen. Zuerst war es das Tonband, welches euch den Todesstoß zu versetzen drohte, Ende der 1970er dann die Musikkassette, dann kam auch noch die beschreibbare CD hinzu und nicht zuletzt versuchte die Digitalisierung von medialen Inhalten euch den Garaus zumachen – kurz: Jedes Jahrzehnt habt ihr euren eigenen Nachruf verfasst. Immer wieder kam von euch das Mahnen, dass durch das ganze Kopieren die Inhalte in Gefahr wären. Was ihr nie verstanden habt: Es gab nie ein Kopierproblem, aber ein gehöriges Kapierproblem eurerseits.

Und jetzt treffen sich wieder einige von euch, um zu schauen, was sich ändern muss. Ich hätte da einen kleinen, ja fast schon naiv anmutenden Vorschlag für euch: Wie wäre es, wenn ihr einmal, nur zur Abwechslung, auf den Konsumenten hört?

Ihr jammert darüber, dass eure Einnahmen zurückgehen – und schiebt dies immer auf die böse, illegale Verbreitung eurer Inhalte. Die naheliegendsten Dinge seht ihr gar nicht – oder wollt ihr sie nicht sehen?

Gehen wir doch mal zurück in meine Jugend, die in den 1980ern lag. Welche Möglichkeiten hatten wir damals, unser Geld auszugeben? Es gab da Dinge wie Schallplatten, Bücher, Zeitschriften, Kino oder Konzerte. Computerspiele waren für uns damals, selbst zu C64er-Zeiten, meist unerschwinglich. Auch die Anzahl der für uns zu erstehenden elektronischen Geräte war recht überschaubar.

Und heute? Heute können die Jugendlichen Geld für Musik, Zeitschriften, Bücher, Kino, Videos, Apps, Computerspiele und noch vieles mehr ausgeben. Auch die Zahl der elektronischen Geräte ist stark gestiegen. Wir waren damals schon froh, wenn wir einen Walkman und Batterien hatten.

Natürlich muss die Musikindustrie das Feld heute mit vielen anderen Produkten teilen, weshalb es nur logisch ist, dass für euch weniger vom Kuchen übrig bleibt. Aber die Erkenntnis vermisse ich nach wie vor bei euch.

Wie wäre es, wenn sich die Musikindustrie endlich wieder mal auf frühere Qualitäten besinnen und endlich wieder qualitative Produkte anbieten würde? Wie wäre es, wenn endlich mal wieder Bands aufgebaut werden, die sich auch mal einen Flop erlauben dürfen? Hier wird sich über rückgängige Verkäufe gewundert und keiner merkt dabei, dass der Konsument wieder ehrliche, von Hand gemachte Musik möchte und nicht diese ganzen Casting-Clowns, deren Halbwertzeit weitaus geringer ausfällt als das Erinnerungsvermögen meiner Katzen. Mal ganz ehrlich: Wer kennt denn noch die letzten Sieger? Stattdessen wird man nicht müde, die neuen, nicht mal mehr mittelmäßigen Alben als das Maß aller Dinge anzukündigen. War es früher einfach nur ein Top-Album, war es wenig später schon ein Hit-Album – und das schon, bevor das Album überhaupt erschienen ist. Darauf folgte das Top-Hit-Album und letztens kam mir in der Werbung schon das neue „Jahrhundert-Album“ entgegen – dabei hat dieses Jahrhundert gerade erst begonnen. Kommt da dann noch was? Oder war es das schon? Oder kommt als Nächstes das „Jahrtausend-Album“? Und dann?

Natürlich ist Musik, wie Herbert Knebel einmal vortrefflich feststellte, Bandbreite. Aber wie erklärt ihr es euch, dass der Verkauf von Konzertkarten immer weiter steigt und dass gerade Genre-Künstler, die der Masse eher unbekannt sind, die Hallen vollmachen, die eure Casting-Gewinner nicht voll bekommen?

Und jetzt hockt ihr wieder beisammen - und überlegt, mit welchen Methoden ihr uns weiterhin das Geld aus der Tasche ziehen könnt. Wie wäre es, wenn ihr da einmal einen Blick auf die illegalen Anbieter werft? Denn es stellt sich vor allem eine Frage: Warum waren Seiten wie kino.to so erfolgreich? Vielleicht, weil sie dem Konsumenten auf einfache (wenn auch illegale) Art das geboten haben, was er wollte? Warum schafft ihr mit euren ganzen Möglichkeiten dies nicht? Selbst ich würde viel Geld bei euch lassen.

Warum werden wir hier z.B. weiterhin mit DVD-Ausgaben aktueller Serien zugemüllt, wenn diese im TV schon in HD ausgestrahlt werden? Warum werden diese Serien in den USA auch auf Blu-Ray veröffentlicht? Und dann wundert ihr euch, dass sich mancher Konsument lieber die hochauflösende Variante mit unterlegter deutscher Tonspur irgendwo runterlädt? Warum bietet ihr diese nicht direkt an? Nein, ihr wollt das Ganze lieber noch solange ausschlachten wie nur irgend möglich. Nur spielt da, und das passt überhaupt nicht in euren Plan, der Kunde nicht mit.

Illegale Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Inhalten ist natürlich in aller Form abzulehnen – alleine schon, weil der Künstler für seine Arbeit auch entlohnt werden soll. Nur bringt es überhaupt nichts, wenn ihr beim Konsumenten die Daumenschrauben immer weiter anzieht und sogar nicht davor zurückschreckt, Einfluss auf die Politik zu nehmen, damit sie unsere Bürgerrechte gesetzlich noch weiter einschränkt.

Anscheinend habt ihr aus kino.to und allen anderen Tauschbörsen nichts gelernt! Für jede Tauschbörse, welche ihr schließen lasst, stehen mehrere neue in den Startlöchern. Ihr könnt dem Problem einfach nicht beikommen, wenn ihr die Konsumenten immer weiter einschränkt, nur damit ihr eure Schäfchen ins Trockene bringen könnt. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Mit euren ganzen Abmahnaktionen habt ihr nur etwas gestartet, was ihr nicht gewinnen werdet, weil ihr es nicht gewinnen könnt – vor allem deswegen nicht, weil ihr immer noch nicht begriffen habt, dass das „Internet“ eine weltweite Sache ist und sich nicht nach eurem Belieben kontrollieren lässt. Letzten Endes könnt ihr nur gewinnen, wenn eure Angebote so gut sind, dass niemand mehr auf die illegalen Tauschplattformen zurückgreifen möchte.

Ein weiteres Beispiel: Ich sammle Maxis aus den 1980ern. Nur nach fast 20 Jahren des Sammelns, dem Abklappern von Flohmärkten und Plattenbörsen, werde ich dem ganzen gegenüber doch ein wenig müde. Viele der Schallplatten, welche mir noch fehlen, sind nur schwer zu bekommen, oder zu Preisen, welche ich nicht bereit bin zu bezahlen. Auch kommen zur Archivierung für mich keine „kastrierten“ Audio-Formate wie MP3 & Co in Frage. Aber warum bietet ihr diese nicht als Download in einem verlustfreien Format an? Ich wäre gerne bereit 3-5 Euro (je nach Anzahl der Titel) dafür zu bezahlen. Ihr habt die Bänder, die Infrastruktur ist vorhanden, ihr müsst sie nur nutzen. Ich würde mich selbst bei euch hinsetzen und die Bänder digitalisieren – völlig gratis, wenn ich dafür die Aufnahmen bekommen würde. Und mit diesem Wunsch stehe ich nicht alleine da.

Hier würden sich aber noch ganz andere Felder auftun: Ihr könntet so auch ältere Musik an den Konsumenten bringen, bei der es sich nicht mehr lohnt, diese extra auf CD zu veröffentlichen. So könntet ihr mit Aufnahmen Geld verdienen, welche sonst in euren Archiven verrotten würden – und das mit einem äußerst geringen Aufwand.

Aber stattdessen wollt ihr den Konsumenten noch mehr eingrenzen, als ihr es ohnehin schon tut. Am Ende kommen wir wieder dahin, wo wir schon bei den ganzen kopiergeschützten CDs waren: Einige dieser CDs ließen sich in vielen CD-Spielern nicht mehr wiedergeben. Am Ende kam man nicht drum herum, mit ihnen dass zu machen, was ihr eigentlich verhindern wolltet: Eine Kopie anzufertigen, damit man mit dem Produkt das machen konnte, wofür man es erworben hatte: Anhören!

Auch heute kann man dieses Phänomen wieder beobachten: bei Blu-Ray-Discs. Immer wieder kommen neue „Un-BDs“ auf den Markt, welche nicht dem Standard entsprechen und nur noch laufen, wenn der Player-Hersteller ein Firmware-Update bereitstellt – macht er das nicht, schaut der Konsument in die nicht mehr vorhandene Röhre. Genau so, wie es sich mit den endlosen Hinweisen gegen Urheberrechtsverletzungen verhält – da ist die erste Ladung Chips schon weg, bevor der Film überhaupt angefangen hat. Auch diese Logik erschließt sich mir nicht: Muss jemand, der ein Produkt bereits erworben hat, noch mal darauf hingewiesen werden, dass nur Originales Wahres ist?

Werte Content-Industrie, ich möchte euch nicht weiter von eurer Arbeit abhalten, ihr habt sicherlich Wichtigeres zu tun als einem Konsumenten zuzuhören, welcher euch schon viel Geld gebracht hat. Nur noch ein paar mahnende Worte: In einer digitalen Welt, in der immer mehr Musiker die Form der Selbstvermarktung entdecken und damit sogar mehr Geld verdienen als mit euch (interessant dazu ist folgender Podcast), solltet ihr aufpassen, dass euch nicht auch noch die letzten eurer Felder aus euren Händen gleiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es nichts Außergewöhnliches mehr ist, dass Alben per Crowdfunding finanziert werden. Denn eines solltet ihr immer im Hinterkopf behalten: Ihr seid auf uns, die Konsumenten, angewiesen – wir und die Künstler aber nicht mehr auf euch!

Herzlichst,
ein enttäuschter Kunde

Hinweis: Der Inhalt dieses Kommentars gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.

278 Kommentare
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Ergänzungen aus der Community

  • mike_sierra 26.09.2012 16:15
    Hi zusammen,

    Nach all dem HURRA möcht ich doch mal eine GEGENMEINUNG Formulieren

    Die illegalen Anbieter sind so erfolgreich, weil sie keinen Content erstellen sondern geklauten Content anbieten. Da sind sie konkurenzlos BILLIG und auf sie würde der hier im thread immer wieder zu lesende Begriff 'Content Mafia' auch gut passen.

    Die Legalen Anbieter, also die Content Industrie und die dadurch vertretenen Künstler haben selbstverständlich das Recht, Ihre Produkte zu Ihren Vorstellungen zu vermarkten.

    Jeder von euch hat dann natürlich das Recht, sie nicht zu kaufen wenn ihm der Preis nicht angemessen erscheint.. Alles andere würde der Markt mit Angebot und Nachfrage regeln, wenn es nicht die Content mafia der illegalen Anbieter gäbe.

    Um es auf den Punkt zu bringen. Der Anspruch viel Konsumenten hier, der ContentIndustrie vorschreiben zu können wie sie ihre Produkte zu verkaufen hat zeugt ev von einer glücklichen und verwöhnten Kindheit aber nicht von Fairness und Wertschätzung gegenueber der Arbeit der Kuenstler und der sie vertretenden Industrie.

    Schöne Grüße: Mike
  • domidragon 26.09.2012 16:20
    Sehr schön! Trifft dem Nagel genau auf den Kopf!

    Kann man auch gut 1:1 auf die Gameindustrie und Filmindustrie übertragen.

    In Amerika gibt es unzählige Streamingdienste, 50 Dollar im Jahr um die Filme mind. in 720p anschauen zu können.
    Dafür würde ich auch 200.- im Jahr zahlen, wenn man wirklich die meisten Filme (mind. so gut wie auf den Illegalen Plattformen) sich jederzeit in einer guten Qualität anschauen kann.

    Aber ich zahle bestimmt nicht 200+ nur für nen Bluerayplayer, 50.- für eine Blaue Scheibe um sie dann immer in das Laufwerk zu stecken, was mit den Jahren evtl. zu Problemen führen kann, und mir vor dem Film noch 15min sinnlose Werbung anschauen muss inkl. Warnung wegen Raubkopiererrei etc. Und auf dem PC kommt nocht die Software dazu. Dann das ganze Zertifikatszeug, wenn man Pech hat, kann man die 50.- nicht mal nutzen, da man nicht "kompatible" ist mit dem eigenen Gerät und so dann noch die Arbeit hat, den Schutz umgehen zu müssen, damit man den erworbenen Film überhaupt schauen kann.

    Eine Lösung so einfach wie auf den Illegalen Plattformen wie Kino.To etc. sollte doch auch für die realisierbar sein. Einlogen mit seinem Account, Film auswählen, geniessen. Was ist bitte so schwer daran?

    Zum Glück gibts Croudfunding, investiere mein Geld nun vermehrt in solche Projekte. Ich hab dieses Jahr gut doppelt soviel Geld für diese Art ausgegeben als für sachen von der Medienmafia...
  • Lord Horu$ 26.09.2012 16:41
    nur werden diese Worte wie so viele anderen einfach verhallen... fireblade_xx
    Ja diese Befürchtung habe ich auch!

    Um mich hier mal gegenüber der "Ihr wollt doch alles am liebsten gratis!"-Leute zu stellen:

    Nein!
    Nein!
    Nein, Nein, Nein!
    NEIEN!!!!
    Schwund ist immer und überall!
    Die Industrie wird dagegen nichts tun können solange nicht alle Datenträger verboten und Inhalte nurnoch als PayTV und PayRadio vorliegen! Es zeigt sich doch allzu oft, dass ein Kopierschutz nichts bis wenig bringt. Die Seite gegen die sie "versuchen" zu kämpfen ist weitaus stärker und raffinierter, als alles, was sie auffahren können. Einige "Hacker" werden durch komplizierte Kopierschutzmaßnahmen sogar animiert eben diesen zu knacken. Ich weiss noch was damals für ein Aufschrei durch die Hackercommunity ging, nur um den Ubisoft-Kopierschutz zu knacken und siehe da: Er wurde geknackt!

    Ich habe nichts dagegen Geld zu lassen!
    Wir sind darauf angewiesen, dass das Geld fließt und jeder, der Herzblut und sein Können in Etwas steckt, der soll dafür auch belohnt werden und da hakt es.
    Viele Künstler haben die Knebelverträge mit der Contentindustrie satt (wie im Text steht) und machen sich selbstständig.
    Das was wir als Kunden wollen ist sehr einfach:

    1.) Wir wollen, dass unser Geld bei dem ankommt, der für unsere Unterhaltung schwer gearbeitet hat!
    2.) Wir wollen das Produkt VERDAMMT NOCHMAL ohne irgendwelche Einschränkungen benutzen!

    Zumindest geht es mir so!
    Besonders mit Punkt 2 werde ich immer wieder konfrontiert! Bestes Beispiel sind Blu Rays!
    Bitte melden: Wer hatte noch nie Probleme mit Blu Rays und nutzt Blu Rays schon länger, als 2 Jahre?
    Ich hatte schon genug! Ruckelnde Filme, Trailer, die (wie erwähnt) gefühlt einen ganzen Tag dauern und nicht skipbar sind und Blu Rays, welche überhaupt nicht liefen!

    /sign
    einfach nur
    /SIGN
    für diesen Artikel!

    Man sollte der Industrie diesen Artikel ins Gesicht pressen!

    MFG