andiac schrieb:
Ich finde den Artikel lesenswert, da er Punkte beleuchtet, die im Mainstream nicht oder nur kaum beachtet werden.
http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/europa/john-lanta/usa-tricks-gegen-iran-eine-analyse.html
Interessant, nur ist die Vorgehensweise genauso problematisch, wie dies in polemischer Weise den sog. Mainstreammedien vorgeworfen wird. Sorry, aber man kann das so nicht unkommentiert stehenlassen ...
1)
Der Iran erfüllt alle Wünsche der Wiener Atomkontrollbehörde IAEA (International Atomic Energy Agency), lässt auch über die vorgeschriebenen Kontrollen hinaus weitere Kontrollen zu, die nicht vorgeschrieben sind, (...)
Dies ist unzutreffend, s. die letzten Berichte der IAEA und natürlich den aktuellen, der ja als Grundlage für diesen Artikel dient. Oder gibt es dazu andere Quellen. Erwähnt werden sie jedenfalls nicht.
2)
Seite 8, Punkt 39 kehrt die Beweislast um: Der Iran muss nachweisen, dass er keine Atomwaffen baut.
Nein, das steht da nicht. Da steht
The Board of Governors has called on Iran on a number of occasions to engage with the Agency on the resolution of all outstanding issues in order to exclude the existence of possible military dimensions to Iran’s nuclear programme.
Damit wird nicht die Beweislast umgekehrt, sondern es wird darüber gesprochen, dass es der Iran versäumt habe, durch eine Zusammenarbeit mit der IAEA den militärischen Charakter der Atomforschung ausschließen zu können, d.h. der IAEA zu helfen, den Beweis zu erbringen, dass es nichts gibt, über das man sich Sorgen machen müsste ...
3)
Daraus folgert die IAEA, dass auch seine Tätigkeit davor für das Militär bestimmt gewesen sei. Solche Folgerungen sind jedoch unzulässig, wenn sie nicht auch ohne den einen dargestellten Fall einwandfrei bewiesen sind.
Das steht da nicht. Da steht
The Agency has other information from Member States which indicates that some activities previously carried out under the AMAD Plan were resumed later, and that Mr Fakhrizadeh retained the principal organizational role, first under a new organization known as the Section for Advanced Development Applications and Technologies (SADAT) (...)
Mr Fakhrizadeh moved his seat of operations from MUT to an adjacent location known as the Modjeh Site, and that he now leads the Organization of Defensive Innovation and Research.30 The Agency is concerned because some of the activities undertaken after 2003 would be highly relevant to a nuclear weapon programme.
Es wird nicht gefolgert, sondern festgehalten, dass hier mehrere Punkte gut zusammenkommen, die für die Durchführung eines Waffenprogrammes sprechen, im übrigen wird dies zum Ende klar im Konjunktiv formuliert und nicht als Gewissheit verkauft.
4) Quellen.
Die andere Hauptquelle sind ganz offensichtlich die USA.
Im Bericht steht mehrfach 'Member States' und an einer Stelle heißt es (S. 8 Punkt 42):
The information which serves as the basis for the Agency’s analysis and concerns, as identified in the Annex, is assessed by the Agency to be, overall, credible. The information comes from a wide variety of independent sources, including from a number of Member States, from the Agency’s own efforts and from information provided by Iran itself. It is consistent in terms of technical content, individuals and organizations involved, and time frames.
Hier freilich nichts über konkrete Quellen gesagt, aber es wird festgehalten, aus welchen 'Richtungen' Informationen bezogen wurden. Das ist zwar alles andere als befriedigend, aber der Vorwurf es käme "ganz offensichtlich" von den USA, ist
hier wohl bestenfalls Unterstellung ... Zu den Quelle vgl. ferner das IAEA-Dokument in den Punkten 12-16 (S. 3 f.), wo es u.a. heißt:
In addition to the alleged studies documentation, the Agency has received information from more than ten Member States. This has included procurement information, information on international travel by individuals said to have been involved in the alleged activities, financial records, documents reflecting health and safety arrangements, and other documents demonstrating manufacturing techniques for certain high explosive components. This information reinforces and tends to corroborate the information reflected in the alleged studies documentation, and relates to activities substantially beyond those identified in that documentation.
5)
Danilenko ist kein Nuklearexperte – und Israels Zeitungen brüsten sich, das Land habe maßgeblich zum neuesten IAEA-Dokument beigetragen
Ja, der Link zum russischen Pravdaforum und zu einem Autor mit dem Avatar
macht die Story natürlich glaubwürdiger - im übrigen ist der Verweis auch noch falsch, denn der Foreneintrag ist schlicht c&p hieraus:
http://original.antiwar.com/porter/2011/11/09/iaeas-soviet-nuclear-scientist-never-worked-on-weapons/. Zwar wird an dieser Stelle der Recherche der Washington Post geglaubt, dass genau dieser V. Danilenko Hauptquelle für den Bericht sei, auf der anderen Seite eine Quelle herausgesucht, welche die Person nicht als diejenige darstellt, die sie als Waffenexperten darstellt. Interessante Argumentationsstrategie, es wird genau das geglaubt, was der eigenen Position dient.
Vgl. auch
http://www.guardian.co.uk/world/2011/nov/07/iran-working-on-advanced-nuclear-warhead
Previous IAEA reports have said Iran appears to have received foreign assistance in its experiments with advanced explosive devices, and the Washington Post named Vyacheslav Danilenko, a Russian former atomic scientist, as a key advisor, who is said to have given lectures and contributed papers on explosives at Iran's now defunct Physics Research Centre, which had ties to the country's nuclear programme.
Danilenko did not reply to emails seeking comment, but sources close to the IAEA said he told its inspectors that he believed his advice was being used for civilian purposes. He is now carrying out research for a Czech-based company which uses explosives to make tiny diamonds for industrial uses.
Das bedeutet: es ist überhaupt unklar, was diese Person überhaupt damit zu tun haben soll. Daher kann ihn weder als Kronzeugen für die eine noch für die andere 'Version' heranziehen, solange sich nichts weiteres ergeben sollte. Wahrscheinlicher wäre doch zunächst, dass die Annahme Danilenko sei eine Quelle für den Bericht, einfach Unfug ist, vgl. auch
http://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/europe/russia/111110/vyacheslav-danilenko-russian-scientist-iran-bomb sowie
http://www.haaretz.com/blogs/the-arms-race/russian-scientist-denies-being-father-of-iran-s-nuclear-weapons-program-1.394848?localLinksEnabled=false
Danilenko, who is now 76 years old, spoke with the Russian daily Kommersant, denying all of the allegations against him.
Und das kann nur heißen, dass er
generell eine Verquickung damit dementiert.
6)
und Israels Zeitungen brüsten sich, das Land habe maßgeblich zum neuesten IAEA-Dokument beigetragen
Sieht man sich den Verweis an, steht dort ein (!) Satz dazu:
http://www.jpost.com/IranianThreat/News/Article.aspx?id=244833
Israel played a key role in helping the IAEA compile the report, and over the years, its intelligence agencies provided critical information used in the document.
Hier wird also wieder etwas geglaubt, was einem 'in den Kram' passt, und zwar ohne Nachweis, den man sonst vom IAEA-Dokument so vehement fordert. Woher hat die Jerusalem Post diese Information? Können sie nicht auch falsch liegen? Und selbst wenn: aus dem Satz geht nicht hervor, dass die IAEA falsch liegt ... Oder erlaubt die Annahme, wenn der israelische Geheimdienst die Informationen gesammelt habe, dann müssten diese zwangsläufig gefälscht sein?
So viel dazu. Als Disclaimer folgendes: ich finde die Informationslage ebenfalls als ungenügend und bestenfalls 'anfällig'.
Aber das Kritikbewusstsein behalte man bitte in beide Richtungen wach ... Übrigens zeigt der Artikel sehr gut, weshalb der kopp-Verlag ein 'rotes Tuch' ist und bleiben sollte. Das ist nicht 'kritischer Journalismus', sondern schlicht 'einer-eingefahrenen-Klientel-nach-dem-Munde-reden-die-es-sowieso-schon-immer-und-besser-weiss'.
