Kommentar : Ein Kopierschutz darf nur temporär sein!

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Max Doll

Microsoft verzichtet mit Windows 10 überraschend auf den Safedisc-Kopierschutztreiber. Die Folge: Eine sehr große Anzahl alter Spiele funktionieren nicht mehr, weil der Kopierschutz die Echtheit der eingelegten CD oder DVD nicht prüfen kann. Das ist eine veritable Schweinerei und das nicht einmal, weil Microsoft erst kurzfristig die Unterstützung invasiver DRM-Maßnahmen eingestellt hat – dieser Schritt ist tendenziell zu begrüßen. Sondern weil sich niemand für die resultierenden Probleme zuständig fühlt und in Folge wieder einmal die falschen Spieler leiden.

Im Regen steht – einmal mehr – der zahlende Kunde, also derjenige, der seine Spiele für teures Geld ehrlich gekauft hat. Weder Microsoft noch der Anbieter des Kopierschutzes noch Publisher fühlen sich zuständig. Die Empfehlung: Man könne das Spiel ja noch einmal ohne Kopierschutz kaufen. Dass ehrliche Kunden dies als einen unsensiblen Schlag ins Gesicht empfinden können, scheint den Verantwortlichen nicht in den Sinn gekommen zu sein.

Windows 10 wird so keine ideale Spieleplattform!

Besonders pikant an der Sache ist gerade: Die Spiele an sich laufen nach wie vor einwandfrei. Nur der Kopierschutz nicht. Eine Trennung, die Microsoft sogar besonders betont. Der bestenfalls billige Versuch, Anbieter und Anwender der DRM-Systeme als Schuldigen hinzustellen, geht nicht auf: Microsoft trifft diese Differenzierung mit Spielen wie Age of Empires, Freelancer und Mech Warrior genauso wie andere Publisher. Was zeigt: Das Unternehmen hat nach wie vor nichts verstanden und ist nicht in der Lage, die positiven Reaktionen auf die neue Abwärtskompatibilität der Xbox One auf ein Betriebssystem zu übertragen. Windows 10 wird so nie eine ideale Spieleplattform. Ganz nebenbei lachen einmal mehr diejenigen, die nie für ihr Spiel bezahlt haben. Schließlich laufen raubkopierte Versionen eines Spiels von Anfang an und immerfort. Das sendet eine fatale Botschaft. Immerhin sind die modifizierten .exe-Dateien jetzt eine Möglichkeit, die bereits gekaufte Originalsoftware am Laufen zu halten. Nur ist die eben illegal, im Gegensatz zu anderen Lösungen, über die Fans die Funktionsfähigkeit des Spiels selbst sicherstellen – ein Weg, der im Falle eines Kopierschutzes nicht gangbar ist, selbst wenn er paradoxerweise bereits existiert.

Publisher schaden ihrer treuesten und wertvollsten Zielgruppe

Obwohl eine solche Lösung in legaler, offizieller Form zu wünschen ist, stößt das Thema bei Publishern auf fatales Desinteresse. Vereinzelt wurden bei besonders problematischen DRM-Systemen nach Jahren Updates herausgebracht, die das System entfernt haben. Damit zu rechnen, braucht aber niemand. Denn der Anteil der derart befreiten Spiele ist verschwindend gering, die Folgen, anders als beim Gamespy-Aus, gewaltig. Der zahlende Kunde muss sich nicht nur mit invasivem DRM gängeln lassen, sondern steht auch dann im Regen, wenn sein Eigentum keine Gewinne mehr einfahren kann, obwohl derartige Produktpflege spottbillig zu haben ist. Auf diese Weise sägen Publisher an dem Ast, auf dem sie sitzen und an einem der besten Argumente für den PC als Spieleplattform – seine Abwärtskompatibilität. Technisch laufen selbst 20 Jahre alte Spiele auf Basis der exotischen Glide-API von 3dfx aus MS-DOS-Zeiten immer irgendwie. Das vergrault Kunden von morgen, denn wer jetzt noch alte Spiele herausholt, gehört zur treuen Kernzielgruppe, die seit langem viel Geld und Zeit in ihr Hobby investiert. Eine bessere Gelegenheit, Kunden mit geringem Geldeinsatz zu binden, gibt es nicht – und sie verstreicht ungenutzt.

Ein Kopierschutz muss ein Verfallsdatum bekommen

Dabei wäre eine Lösung einfach, wenn man einen Kopierschutz endlich als temporäre Lösung begreifen würde, die nach fünf oder zehn Jahren per Patch entfernt wird. Dass DRM-frei funktioniert, zeigt GoG schließlich seit geraumer Zeit speziell mit alten Spielen. Deshalb gehört diese Safedisc-Sauerei überdeutlich an den Pranger. Weil sich niemand zuständig fühlt. Weil ausgerechnet wieder der zahlende, ehrliche Kunde leidet, der einen Kopierschutz als notwendiges Übel bislang erduldet hat. Und weil der PC als Spieleplattform untergraben wird, den Microsoft mit Windows 10 doch eigentlich stärken will. Das sendet die falschen Signale an die Kunden über den Wert ihrer Investition und über den Wert von Windows 10.

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