Connected Car : Sicherheit ist kein Geschäftsmodell

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Connected Car: Sicherheit ist kein Geschäftsmodell

Das Automobil soll mit dem Internet verbunden und so zum Connected Car werden. Das ist teilweise schon jetzt Realität, soll in Zukunft aber noch deutlich weiter gehen. Auf dem Mobile Broadband Forum 2016 in Tokio haben sich Vertreter aus der Automobil- und Mobilfunkindustrie über Zukunftspläne und Geschäftsmodelle unterhalten.

Das Automobil spricht mit allem und jedem

Wenn das Automobil in Zukunft online geht, dient das nicht mehr nur der Beschaffung von Verkehrsinformationen, um Staus zu umfahren. Langfristig gesehen wird die Konnektivität dem Fahrer nicht nur Medieninhalte über schnelle LTE- und 5G-Verbindungen zur Verfügung stellen, sondern diese Anbindungen auch dafür verwenden, um den Datenaustausch für das autonome Fahren zu realisieren.

Die Kommunikation des Fahrzeugs mit allem um sich herum wird als „Vehicle to X“ (V2X) bezeichnet. Das können andere Fahrzeuge oder die Cloud sein, die relevante Informationen für den sicheren Verkehrsfluss liefern. Aber auch die Infrastruktur, auf der sich das Fahrzeug bewegt, zählt als X. Dem Kürzel V2X wird häufig noch die zugrundeliegende Übertragungstechnik vorangestellt, zum Beispiel LTE-V2X oder 5G-V2X.

LTE Vehicle (LTE-V) wird seit Sommer dieses Jahres auch in Deutschland getestet. Die Versuche auf der A9 bei Ingolstadt haben Audi, die Deutsche Telekom, Huawei, Toyota und weitere Autohersteller durchgeführt. LTE-V ist eine Entwicklungsvariante von LTE und laut Deutscher Telekom „speziell auf die Anforderungen der Automobilindustrie sowohl an die Fahrzeug-Fahrzeug- als auch die Fahrzeug-Infrastruktur-Kommunikation ausgelegt.“ LTE-V soll Reichweite und Zuverlässigkeit verbessern und für Sicherheits- sowie Smart-Mobility-Anwendungen zum Einsatz kommen.

Die Entwicklung von LTE-V2X hin zu 5G-V2X
Die Entwicklung von LTE-V2X hin zu 5G-V2X

Mehr Sicherheit ist kein Geschäftsmodell für das Connected Car

Insbesondere das Thema Sicherheit soll bei der steigenden Konnektivität von Fahrzeugen aber nicht zum Geschäftsmodell gemacht werden. Darüber waren sich in Tokio Vertreter aus der Automobil- und Mobilfunkindustrie einig. An einem Roundtable zum Thema Connected Car haben unter anderem BMW, Toyota, Continental, Huawei, SoftBank, Intel und China Mobile teilgenommen. Über Mobilfunk abgewickelte Dienste des Connected Car, die zur Sicherheit beitragen, sollen nicht zu Geld gemacht werden.

Mehr Komfort beim Fahren könnte auch mehr kosten

Anders wiederum sieht es bei Funktionen des Fahrzeugs aus, die nicht direkt die eigentliche Fahrt betreffen. Für freie Parkplätze ohne langes Suchen oder die günstigste Tankstelle in der näheren Umgebung könnte hingegen Geld verlangt werden. Alles, was den Komfort der Insassen betrifft, könnte theoretisch zu Geschäftsmodellen gemacht werden. Auch das Thema Unterhaltung spielt eine gewichtige Rolle.

Mehr Zeit für andere Dinge

Wenn des autonome Connected Car den Besitzer sicher von A nach B bringt, ohne dass auf den Verkehr geachtet werden muss, was macht man dann mit dieser neu zur Verfügung stehenden Zeit? Darüber machte sich zuletzt zur IFA auch Mercedes-Benz Gedanken. Vermutlich werden sich erste Geschäftsmodelle an die Arbeit im Pkw richten oder der Versorgung mit Medien dienen, so wie es schon jetzt auf der Rückbank möglich ist. Aber wer soll eigentlich die dafür benötigte Infrastruktur bezahlen?

Die Operator wollen nicht nur Pipeline sein

Der Tenor zum Mobile Broadband Forum war klar: Die Mobilfunkanbieter wollen nicht mehr nur die Pipeline sein, sondern auch an den Inhalten verdienen. Abgesehen von der Bereitstellung der Netzanbindung konnten die anwesenden Parteien in Tokio aber noch keine klaren Geschäftsmodelle für die Operator nennen. Vermutlich werden sich diese im Laufe der Entwicklung aus der frei gewordenen Zeit der Fahrer automatisch ergeben. Trotzdem sind die Mobilfunkanbieter aber zunächst diejenigen, die die Infrastruktur für das vernetzte Automobil aufstellen und zum Laufen bringen werden müssen. Um die Kosten nicht alleine tragen zu müssen, hoffen die Operator für den Aufbau der Infrastruktur deshalb auf Unterstützung vom Staat und aus der Automobilbranche.

Standards müssen her

Die Ländern, nicht nur auf Bundesebene sonder auch europaweit, sind auch bei der Festlegung von Standards gefragt. 5G als Mobilfunkstandard der kommenden Generation hat auch zum Ziel, dass es keine länderspezifischen Unterschiede mehr bei den Frequenzen gibt. Die Interoperabilität von 5G-V2X, aber auch schon von LTE-V2X, müsse für eine erfolgreiche Umsetzung zunächst geklärt werden, so die Roundtable-Teilnehmer in Tokio. Andernfalls könnte grenzüberschreitendes Reisen schnell zum sicherheitsrelevanten Problem werden. Die heutzutage eingesetzte, rein auf Sensorik im Fahrzeug basierende Autonomie hat solche Probleme mit Grenzen nicht.

China Mobile will die landesweite Umsetzung von LTE-V2X möglichst schnell abschließen. Wenn der weltweit größte Mobilfunkanbieter und sein Heimatstaat an Lösungen arbeiten, könnte China einflussreicher Vorreiter der Standardisierung werden. Anders als Europa oder die USA ist China jedoch kein typisches Heimatland der traditionellen Automobilindustrie. Und die dürfte bei der Standardisierung ebenso ein Wort mitreden wollen.

2025 könnte 5G auf Autonomie treffen

Roundtables wie der in Tokio zum MBBF zeigen, wie viele Fragen zu den Themen Connected Car, autonomes Fahren und 5G noch ungeklärt sind. Dass man sich einig ist, dass mehr Sicherheit kostenlos sein muss, ist schon mal ein kleiner, guter Anfang.

Ungeklärt sind aber auch noch Fragen zur Speicherung und Verarbeitung der von Fahrzeugen generierten Daten. Toyota rechnet mit enormen Datenmengen, die zu bewältigen und marktspezifisch in vielen regionalen Rechenzentren verarbeitet werden müssen, um Ausfallsicherheit zu gewährleisten und einen Datenstau in der Cloud zu verhindern. Außerdem könne so den verschiedenen Ansprüchen des Datenschutzes gerecht werden. Für wirklich intelligentes, autonomes Fahren rechnet Toyota mit benötigten Datenanbindungen von mehr als 100 Mbit/s pro Fahrzeug.

Toyota rechnet mit enormen Datenmengen für intelligente Fahrzeuge
Toyota rechnet mit enormen Datenmengen für intelligente Fahrzeuge

Mit 5G wären solche Bandbreiten auch bei hoher Fahrzeugdichte möglich. Da die Mobilfunkindustrie nach der Einführung im Jahr 2020 aber erst fünf Jahre später mit einer breiten Verfügbarkeit von 5G rechnet, könnte sich 2025 zum Jahr entwickeln, indem die neue Mobilfunktechnik großflächig auf neue Automobiltechnik trifft.

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