Belgien erläutert: Warum Spiele mit Beuteboxen Glücksspiele sind

Max Doll 140 Kommentare
Belgien erläutert: Warum Spiele mit Beuteboxen Glücksspiele sind
Bild: Valve

Im vergangenen Monat hatte die belgische Glücksspiel-Kommission Overwatch, FIFA 18 und Counter Strike: Global Offensive aufgrund des Einsatzes von Beuteboxen als Glücksspiel klassifiziert. Der nun veröffentliche Forschungsbericht (PDF) erläutert detailliert, wie es zu dieser Einstufung kam.

Beuteboxen als Glücksspiel

Relevant für die Einstufung von Beuteboxen als Glücksspiel war zunächst der Umstand, dass in den Spielen eine zusätzliche Zahlung für einen zufälligen Gewinn verlangt wird. Als besonders gefährlich wird hierbei die Online-Komponente angesehen: Sie erzeuge sozialen Druck und fälschlicherweise den Eindruck, dass gewisse „Errungenschaften auf Fähigkeiten und nicht auf Zufall basieren“.

Den Beuteboxen wird außerdem konstatiert, ausgefeilte Animationen wie bei Slotmaschinen einzusetzen, die gezielt Spannung aufbauen. Diese Kisten nehmen dabei stets eine Schlüsselrolle für das Spiel ein, indem sie schnelleren Fortschritt, der auch das Freischalten kosmetischer Dinge sein kann, oder höhere Chancen auf Erfolg versprechen. Dies wird auch dann als problematisch angesehen, wenn sich die Beuteboxen auf eine kostenlose Art verdienen ließen. Entscheidend ist die Möglichkeit zum Kauf.

Vielfältige Verkaufstechniken

Als kritisch erachtet werden aber auch die Verkaufstechniken. Als Beispiel wird Activisions Idee aufgeführt, das Matchmaking zur Verkaufsoptimierung einzusetzen. Außerdem nennt die Kommission Bemühungen, Beuteboxen in ein „soziales Element“ zu verwandeln, als Beispiel dient die Öffnung der Kisten in einer Online-Lobby in Call of Duty WWII.

Dass sich in einem Spiel, das auf den ersten Blick nur von den Fähigkeiten des Spielers abhängt, mit den Beuteboxen ein zweites (Glücks-)Spiel verbirgt, wird ebenso zu den kritischen Verkaufstechniken gezählt. Hierdurch entstehe ein falscher Eindruck beim Käufer, da spielerischer Fortschritt nach Ansicht der Kommission an Beuteboxen gebunden wird.

Festgehalten wird auch, dass jemand, der erst nach einer Weile auf versteckte Zufallsmechaniken stößt, aufgrund der vorherigen Investition von Zeit und Geld für den Kaufpreis das Spiel nicht mehr so leicht beiseite lege. Dies erzeuge psychologischen Druck zur Nutzung des Glücksspiels.

Manipulation beim Kauf

Auch der Mechanismus künstlicher Verknappung durch seltenere oder zeitlich begrenzt verfügbare Inhalte, die gezielt Statussymbole schaffen, wird zu den Verkaufstechniken gezählt. Und der Einsatz von künstlichen Währungen verschleiere den Wert der Gegenstände. Zudem wird auch der Wechselkurs als psychologisch manipulativ gebrandmarkt. Der Grund: Kleine Euro-Beträge bringen hohe Währungsbeträge ein, was den Tausch „günstig“ erscheinen lässt.

Als problematisch betrachtet werden auch einfache und anonyme Zahlungsmethoden, an die Spieler durch kostenlose Aktivitäten herangeführt werden, und die Möglichkeit von Käufen in unbegrenzter Höhe – es sei möglich, unendlich lange mit Boxen zu „Wetten“, ohne etwas zu „gewinnen“. Hierbei reicht es, wenn das Objekt Prestige oder Bewunderung einbringt.

Der gläserne Käufer hat keine Kontrolle

Unbegrenzte Datensammlung über Spieler wird im Kontext der Beuteboxen ebenfalls als problematisch angesehen. Dadurch öffne sich ein Tor zu „purer Manipulation von Spielern und Gruppen“: „Die Grenze zwischen Ermutigung und Manipulation ist manchmal schwer zu ziehen“, wenn der Anbieter „nahezu alles aufzeichnet“ und der Kunde „eher passiv spielt“, so die Kommission.

Darüber hinaus entstehe ein „echtes Risiko der großflächigen Manipulation von Spielern“ durch Zufallsgeneratoren, die ihre Parameter anhand der Nutzerdaten individuell auf einzelne Spieler(-gruppen) ausrichten können. Obwohl der Bericht mangels Beweisen nur von einer Möglichkeit spricht, ist davon auszugehen, dass sie als Wahrscheinlich angenommen wird. Ein solches Vorgehen wäre indes „weit entfernt vom korrekten Spielverlauf“.

Schließlich wird auch das „Verbergen des Zufallsgenerators oder zumindest seine mangelnde Transparenz“ kritisiert. Dies begünstige wie die Vermischung von Fähigkeits- und zufallsbasiertem Spiel den Effekt der Kontrollillusion. Gewinnchancen würden zudem nicht ausgewiesen.

Glücksspiel trotz Tricks der Anbieter

Damit, so die Kommission, seien „alle Glücksspiel konstituierenden Elemente“. Dabei ist, wie die Analyse der Kommission herausstellt, die Möglichkeit des kostenloses Erwerbs der Boxen nicht von Bedeutung. Unerheblich ist ebenso das Element der Optionalität: Spieler spielen mit Beuteboxen gegen den Anbieter und müssen aktiv am Zufallsspiel teilnehmen. Für die Klassifikation als Glücksspiel reicht das bereits aus, da mit dem Spiel eine Gewinnerwartung verknüpft ist.

Gewinn wird in Belgien allerdings weit gefasst. Schon die Möglichkeit eines Verlusts ohne klaren Gewinner reicht aus, um einen solchen zu erzeugen. Gewinn muss außerdem nicht klar als ein Geldwert definiert sein, ausschlaggebend ist, dass ein wie auch immer gearteter Wert mit einer Wette verbunden werden kann. Darunter fällt etwa der Grad einer Nützlichkeit. Ob ein Skin veräußert werden kann, spielt damit keine Rolle, entscheidend ist, dass Spieler damit einen auch ästhetischen Wert verbinden und dieser Wert von den Entwicklern betont wird.

Anzeigen und Empfehlungen zum Schutz davor

Gefordert wird, die Glücksspiel-Systeme entfernen zu lassen und im Falle der Zuwiderhandlung Geld- und Gefängnisstrafen zu verhängen. Da die entsprechenden Spiele in ihrer aktuellen Form illegal sind, empfiehlt die Kommission die strafrechtliche Verfolgung zunächst der Anbieter, in einem zweiten Schritt aber auch die Verfolgung aller Personen, die am Betrieb der Spiele beteiligt sind. Entsprechende Anzeigen bereitet die Kommission bereits vor.

Für die zukünftige Regulierung der Systeme werden ferner weitere Empfehlungen abgegeben. Als sinnvoll werden spezielle Lizenzen für den Betrieb von Glücksspielen in Videospielen erachtet. Parallel soll der Verkauf der Spiele sowie etwaiger Codes und Guthabenkarten an Minderjährige unterbunden werden. Dies gilt auch für Plattformen wie Steam und Ingame-Transaktionen, für die separate Maßnahmen nötig sind: Wenn ein Spiel nicht „für Minderjährige freigegeben ist, dürfen sie auch keine Zahlungen darin tätigen können“.

Anbieter sollten, fordert die Kommission weiter, die Chancen auf Gewinne klar ausweisen und den Zufallsgenerator der Prüfung durch staatliche Behörden zugänglich machen. Außerdem werden Einsicht in Spielerdaten und Zahlungen sowie eine Obergrenze für Zahlungen für Boxen gefordert. Es müsse zudem einen Hinweis auf Glücksspiel geben, wobei die Boxen keine Behinderung des normalen Spiels sein dürften. Hier bleibt allerdings unklar, was als Behinderung angesehen wird.