LG G7 ThinQ im Test: Strahlendes Display, nachtblinde Kamera 3/4

Mahir Kulalic 72 Kommentare

Dual-Kamera mit Weitwinkel

LG G7 ThinQ im Test
LG G7 ThinQ im Test

Seit dem G5 aus dem Jahr 2016 setzt LG in seinen Top-Smartphones auf eine Dual-Kamera, die neben der Hauptkamera eine zweite mit Ultraweitwinkel bietet. Das G7 ThinQ macht an dieser Stelle keine Ausnahme. Die Hauptkamera erinnert an die des V30, die Auflösung liegt bei 16 Megapixel, die Offenblende bei lichtstarken f/1.6. Hinzu kommt ein Hybrid-Autofokus mit Phasen- und Kontrasterkennung sowie Laser. Ein optischer Bildstabilisator soll Wackler ausgleichen. Die zweite Kamera nimmt Fotos in einem Winkel von 107 Grad auf. Dies ist etwas weniger als bei den Vorgängern, um Bildfehler und Verzerrungen einzuschränken. Die Auflösung liegt ebenfalls bei 16 Megapixel, die Offenblende ist mit f/1.9 etwas weniger lichtstark, aber immer noch potent. Autofokus und Bildstabilisator fehlen im Vergleich zur Hauptkamera allerdings.

Die Pixel sind kleiner als bei Apple, Samsung, Huawei und Co.

Auf dem Papier kann vor allem die Hauptkamera in fast jedem Punkt mit der Konkurrenz mithalten. In einem immer mehr beachteten Aspekt, der Pixelgröße (Kantenlänge), allerdings nicht. Die Konkurrenz setzt großteils auf eine Pixelgröße von 1,2–1,4 µm für die Hauptkamera (bei Setups mit mehreren Kameras), die Pixel-Kantenlänge des G7 ThinQ fällt da mit 1,0 µm bei beiden Kameras spürbar zurück. Neben der lichtstarken Offenblende von f/1.6 spielt auch die Größe der Pixel eine wichtige Rolle für Nachtaufnahmen. Fallen diese kleiner aus, können sie weniger Licht einfangen, was gerade bei Nacht etwa zu höherem Rauschen führen kann.

Gute Kameras mit leichtem Hang zum Rauschen

Bei Tageslicht zeigen die Bilder des G7 ThinQ im Automatikmodus mit Auto-HDR einen ansprechenden Dynamikumfang in der Totalen. In der 100-Prozent-Ansicht fällt aber auf, dass dunklere Bildbereiche nicht immer ausreichend aufgehellt werden und somit Farben verwaschen und Details verloren gehen. Der Dynamikumfang ist nicht so groß wie etwa beim Pixel 2 XL oder Huawei P20 Pro, reicht aber trotzdem für ansehnliche Aufnahmen. Außerhalb der erwähnten Bereiche schafft es die Kamera des G7 aber, viele Details einzufangen. Manches davon geht im Kampf gegen die Rauschunterdrückung verloren, die zumindest bei Landschaftsaufnahmen trotz Multi-Frame-Rauschunterdrückung des Snapdragon 845 selbst bei Tageslicht nicht immer das Rauschen loswird. Dies fällt jedoch in der Regel erst in der Originalgröße am PC auf.

Bei Aufnahmen von beispielsweise Gebäuden zeigt das G7 ThinQ hingegen ein klares, scharfes Bild mit vielen Details. Trotz der großen Blendenöffnung von f/1.6 sind die Bilder des G7 bis in den Randbereich gleichmäßig scharf. Die Farbdarstellung des G7 ThinQ ist standardmäßig natürlich, die Kontraste machen die Bilder lebendiger, ohne sie zu verfremden. Die Qualität der Bilder kann bei Tageslicht überzeugen, es fehlt aber ein wenig der letzte Punch. Zum Teil wirken die Bilder bei sehr hellem Umgebungslicht trotz HDR etwas verblasst, während andere Aufnahmen bei Sonnenlicht mit kräftigen Farben aufwarten.

Weitwinkelkamera sorgt für mehr Kreativität

Auch die Weitwinkelkamera verfügt über einen angemessenen Dynamikumfang, die Bilder wirken in der 100-Prozent-Ansicht aber verrauschter und fleckiger als bei der Hauptkamera. Die Details entsprechen daher nicht denen des primären Sensors. Eine Verzeichnung der Kamera lässt sich wahrnehmen, die aber je nach Motiv vernachlässigbar ausfällt. Gerade bei weitläufigen Landschaften trübt dies den Bildeindruck nicht. Wie bei G5 und G6 öffnet die Weitwinkelkamera Raum für kreative Aufnahmen, ohne beispielsweise ein Panorama anzufertigen. Auch der Übergang zwischen Haupt- und Sekundärkamera gelingt nahtlos mit Fingerspreitz oder Taste in der App. Auf einen Zoom, den die meisten Smartphones mit zweiter Kamera bieten, muss dafür aber verzichtet werden. Statt näher ran geht es bei LG weiter in die Breite.

Zu kleine Pixel für die Nacht

Anders als am Tag, stößt die Kamera des G7 ThinQ in der Nacht merklich an ihre Grenzen, vor allem im Vergleich zu anderen Flaggschiffen. Die Fotos des G7 weisen insbesondere ein deutlich ausgeprägteres Rauschen auf. Außerdem ist die Anzahl an verlorenen Details bei Nacht sehr hoch, wenn das Objekt nicht gut beleuchtet in Kameranähe ist. Landschaftsaufnahmen in der Nacht fallen daher häufig nur durchwachsen aus. Oft sind Fotos im Automatikmodus im Dunkeln zu sehr weichgezeichnet und wirken dadurch unnatürlich. Wie viele andere Smartphones, darunter Galaxy S9(+) und Google Pixel 2 XL, kämpft auch das G7 ThinQ mit Linsenreflexionen von Gegenlicht im Dunkeln. Mit hellem Gegenlicht, etwa in Form von Leuchtschrift, hat das G7 ThinQ zudem allgemein Probleme – das Licht strahlt zu sehr, die Kamera kommt nicht gegen die Leuchtkraft an, wenn nicht auf die Schrift selbst fokussiert wird, wodurch im Umkehrschluss der Rest des Bildes eher in den Hintergrund gerät. Darüber hinaus verlieren Bilder in der Nacht deutlich an Schärfe. Die Kamera neigt trotz OIS subjektiv schneller zu verwackelten Aufnahmen als andere Topmodelle, wenngleich dies allgemein eine Herausforderung für Smartphones ist.

Auch die Software überzeugt nicht

Ein Grund dafür liegt wahrscheinlich in den eingangs erwähnten kleinen Pixeln der Sensoren. Die physikalischen Grenzen zeigen sich deutlicher beim G7 ThinQ als bei vielen anderen Modellen. Auch durch die Software kann dies nicht ausgeglichen werden. Ein weiterer Grund kann eine noch nicht ideal abgestimmte Software sein. Der Modus „superhelle Kamera“, der speziell für Aufnahmen bei schlechtem Licht beworben wird, schafft es ebenso nicht, die durchwachsene Qualität bei Nacht zu verbessern. In der Regel sehen die Fotos deutlich schlechter aus, da diese durch die künstliche Helligkeit mehr rauschen. Die Farben und Kontraste wirken schlechter abgestimmt und es gehen noch mehr Details verloren. Die Bilder sehen zudem überschärft aus. Dass eine bessere Kamera-Software innerhalb der physikalischen Grenzen des Sensors mehr herausholen kann, zeigten in der Vergangenheit bereits Portierungen der Google Camera der Pixel-Smartphones für LG G6 und V30 (das eine ähnliche Kamera-Ausstattung bietet).

Die AI benötigt Feinschliff

Auch bei LG ist der Begriff AI von immenser Wichtigkeit. So sehr, dass das Branding ThinQ im Produktnamen steht, was LG auch Häme eingebracht hat. Der Zusatz soll verdeutlichen, dass das neue Smartphone mit künstlicher Intelligenz aufwartet, vor allem im Zusammenspiel mit der Kamera. Dies bewerben neben LG unter anderem auch Xiaomi im Mi Mix 2S sowie Huawei im P20 Pro sehr offensiv.

Im Test zeigten beide Konkurrenzmodelle, dass die AI-Funktionen noch nicht ganz ausgreift sind. In erster Linie handelt es sch dabei um Szenenerkennung inklusive Anpassung der Parameter. In vielen Szenen resultieren die Anpassungen aber hauptsächlich in übersättigten Farben, die wie ein Filter aussehen. Das G7 ThinQ nutzt die künstliche Intelligenz ebenfalls primär zur Szenenerkennung. Bis die Szene aber schlussendlich erkannt ist, wirft die Kamera-App gefühlt wahllos Begriffe auf den Bildschirm, die zum Teil sehr weit von dem entfernt sind, was der Sucher anzeigt. So sind Büsche zum Beispiel auch Spinat. Wird eine Szene, etwa bei blauem Himmel im Hintergrund, korrekt erkannt, werden die Parameter wie bei Xiaomi oder Huawei in der Regel in Richtung sattere und knalligere Farben angepasst, was in sehr unnatürlichen Farben endet.

Ernüchternd ist die geringe Nützlichkeit der AI bei aktuellem Stand nicht nur für sich stehend. Das Thema steckt prominent im Namen des Smartphones und kann am Ende nicht überzeugen.

Alle Anschlüsse an Bord

LG G7 ThinQ im Test
LG G7 ThinQ im Test

Fast alles ist dabei

Bei der Anschluss-Ausstattung macht LG diesmal auch in Deutschland keine halben Sachen. Das G6 verzichtete in der europäischen Ausführung unter anderem auf den Quad-DAC sowie auf kabelloses Laden nach Qi-Standard. Das G7 bringt hingegen fast alles mit, was aktuell in einem Smartphone untergebracht werden kann. Dazu zählen ein microSD-Schacht, ein Klinkenanschluss, kabelloses Laden, Bluetooth 5.0, die volle Palette an Ortungsdiensten und USB Typ C nach 3.0-Standard. Das beigelegte Kabel ist aber nur für 2.0 ausgelegt. Eine ähnlich lückenlose Ausstattung im Topmodell bietet nur Samsung im Galaxy S9(+), vielen anderen Topmodellen fehlt wahlweise das kabellose Laden, der erweiterbare Speicher oder mehrere einzelne Aspekte.

Akku wird kleiner, Display und Gehäuse größer

Der Akku des LG G7 ThinQ misst 3.000 mAh und wirkt damit in Anbetracht der Bildschirmdiagonale und -auflösung sowie der Leistungsfähigkeit vergleichsweise klein. Trotz fast identischer Maße zum Vorgänger und sogar mehr Länge ist der Akku im Vergleich zum G6 300 mAh kleiner. Im YouTube-Test schafft das G7 ThinQ trotzdem eine Laufzeit von fast 11 Stunden. Zwar kann es damit nicht zum Spitzenfeld aufschließen, für ein so großes LC-Display ist dies aber in Anbetracht der Akkukapazität ein guter Wert. LG selbst hat im Zuge der Vorstellung die Effizienz des Bildschirms betont. Im PCMark erreicht das Smartphone mit 7:40 Stunden ebenfalls einen soliden, aber keinen außergewöhnlichen Wert. Im Alltag ist das Smartphone bestens für einen Tag geeignet, ein zweiter Tag wird allerdings nur bei gemäßigter Nutzung erreicht. Zum Testbetrieb zählten die Anwendung von mehreren Messengern und E-Mail-Konten, das Browsen im Internet sowie einige kurze Telefonate.

Auf der nächsten Seite: Fazit