Twitter-Übernahme: Elon Musk will sich aus der Affäre ziehen

Update 7 Jan-Frederik Timm
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Twitter-Übernahme: Elon Musk will sich aus der Affäre ziehen

Dass die Querelen um den Einzug von Elon Musk in den Twitter-Verwaltungsrat über das Wochenende einen Konflikt hinter den Kulissen zur Ursache hatten, lag nahe. Jetzt ist er öffentlich sichtbar geworden: Musk sieht Twitter auf dem falschen Weg und will die Plattform nun komplett übernehmen.

Anmerkung: Inzwischen hat Musk eine 180-Grad-Wende vollzogen. Weite Teile dieses Artikels sind folglich nicht mehr aktuell.

Volle Kontrolle statt Kontrollgremium

Vor knapp zwei Wochen war bekanntgeworden, dass Elon Musk inzwischen 9,2 Prozent Anteile an Twitter hält und damit der größte Anteilseigner ist. Kurz darauf gab CEO Parag Agrawal bekannt, dass Musk als einer der „leidenschaftlichsten Nutzer und zugleich großer Kritiker“ in den Verwaltungsrat einziehen werde um die Zukunft des Konzerns aktiv mitzugestalten. Das sei der beste Weg in die Zukunft.

Doch am 9. April, dem designierten Tag für die Aufnahme, teilte Musk überraschend mit, die Position nicht antreten zu wollen. Das sei „das beste“ (das passieren konnte), hieß es dazu vom CEO – ein klarer Widerspruch zu den Äußerungen aus der Vorwoche.

Weitere Details zu den Hintergründen wurden nicht bekannt, doch Agrawals Hinweis, dass alle Mitglieder im Verwaltungsrat im Interesse des Unternehmens zu handeln haben, durfte als Hinweis auf handfeste Meinungsverschiedenheiten gedeutet werden: Offensichtlich war die Unternehmensführung nicht der Ansicht, dass Musk im Interesse des Unternehmens handeln würde. Dazu passend hatte Musk nur einen Tag zuvor über Twitter die Frage „Stirbt Twitter?“ gestellt und dabei auf die Inaktivität der größten Accounts verwiesen.

54,20 US-Dollar je Anteilsschein

Mit der von Musk heute bei der US-Börsenaufsicht eingereichten Pflichtmitteilung, der zufolge er für jeden Anteilsschein 54,20 US-Dollar (aktueller Kurs: 45,85 USD) bietet und beabsichtigt 100 Prozent der Aktien zu kaufen, tritt der Konflikt offen zu Tage.

Musk will den Konzern nach eigenen Angaben komplett übernehmen, um ihn anschließend von der Börse zu nehmen. Nur so sei es möglich, Twitters Funktion als globale Plattform zur Wahrung der Meinungsfreiheit weiter zu verfolgen. Dem börsennotierten Unternehmen traut er das nicht mehr zu. Schon seine erste Investition hätte er aus dem Glauben heraus getätigt, dass Twitters größtes Potential in der Wahrung der Meinungsfreiheit als unumstößliche Säule für eine funktionierende Demokratie liege.

Musks Meinung dürfte in diesem Punkt zuletzt deutlich von dem der Geschäftsführung abgewichen sein und allein als Mitglied im Kontrollgremium sah er sich offenkundig nicht in der Lage daran etwas zu ändern. Musk hatte in der Vergangenheit wiederholt kritisiert, Twitter würde die Meinungsfreiheit auf der Plattform einschränken. Mit der Übernahme werde er das volle Potential der Plattform freischalten.

Das erste und letzte Angebot

Sein Angebot an die Aktionäre bezeichnet er als erstes und letztes. Er verweist auf den Preisaufschlag von 38 Prozent gegenüber dem Stand, den das Papier einen Tag vor Bekanntwerden seiner letzten Investition gelegen hatte. Gegenüber dem aktuellen Kurs liegt das Angebot 18 Prozent höher. Musk erklärt: Sollten Aktionäre das Angebot nicht annehmen, werde er seine Investition in Gänze neu bewerten.

Der Twitter-Verwaltungsrat gab laut Bloomberg zu Protokoll das Angebot prüfen und Aktionären eine Empfehlung aussprechen zu wollen.

Das wird maßgeblich davon abhängen, ob die Aktionäre die Twitter-Aktie kurzfristig wieder auf einem Niveau über 54,20 US-Dollar sehen. Vor einem Jahr hatte die Aktie bei über 60 US-Dollar notiert.

Chairman of the Board,

I invested in Twitter as I believe in its potential to be the platform for free speech around the globe, and I believe free speech is a societal imperative for a functioning democracy.

However, since making my investment I now realize the company will neither thrive nor serve this societal imperative in its current form. Twitter needs to be transformed as a private company.

As a result, I am offering to buy 100% of Twitter for $54.20 per share in cash, a 54% premium over the day before I began investing in Twitter and a 38% premium over the day before my investment was publicly announced. My offer is my best and final offer and if it is not accepted, I would need to reconsider my position as a shareholder.

Twitter has extraordinary potential. I will unlock it.

Elon Musk zu seiner Motivation
Update

Der Twitter-Verwaltungsrat hat am Abend nun doch der von Musk geplanten vollständigen Übernahme der Plattform zugestimmt, nachdem der Konzern sich die letzten zwei Wochen versucht hatte dagegen zu wehren. Die Zustimmung sei einstimmig gefallen. Offensichtlich hat ein Großteil der Anteilseigener das von Musk gemachte Angebot am Ende doch als lukrativer bewertet als das Halten der Aktie am freien Markt.

Der Konzern kann die verbleibenden Anteilseigener zwar nicht generell dazu zwingen, ihre Anteile an Twitter zum Kurs von 54,20 US-Dollar zu veräußern. Doch mit dem Verkauf der Aktie an Musk durch die wesentlichen Anteilseigener ergibt das Halten des Papiers für private Kleinanleger ebenfalls keinen Sinn mehr. Ab einem Anteil von 95 Prozent kann Musk dann auch die letzten verbleibenden Anteile über einen so genannten Squeeze-out akquirieren.

Wie von Musk bereits in Aussicht gestellt, wird Twitter nach Aufkauf aller Anteile durch eine von Musk gehaltene Gesellschaft von der Börse genommen.

In der Pressemitteilung zur Bekanntgabe unterstreicht Musk abermals seine Ziele: Er wolle die freie Meinungsäußerung als Rückgrat der Demokratie auf Twitter stärken und wahren, das Produkt durch die Einführung neuer Funktionen verbessern, den Source Code für die Auswahl der Beiträge im Twitter-Feed offenlegen um Vertrauen zu schaffen und Spambots endgültig von der Plattform verbannen.

Free speech is the bedrock of a functioning democracy, and Twitter is the digital town square where matters vital to the future of humanity are debated. I also want to make Twitter better than ever by enhancing the product with new features, making the algorithms open source to increase trust, defeating the spam bots, and authenticating all humans. Twitter has tremendous potential – I look forward to working with the company and the community of users to unlock it.

Elon Musk

Elon Musk wird die Übernahme rund 44 Milliarden US-Dollar kosten. 21 Milliarden US-Dollar werden mit Eigenkaptial beglichen, für weitere 25,5 Milliarden US-Dollar lägen bestätigte Kredite und Darlehen vor.

Update

Als Reaktion um die heftige Diskussion um das, was Musk mit Twitter nach der Übernahme vorhat, hat der zukünftige Inhaber auf Twitter seine Definition der angestrebten „Meinungsfreiheit“ auf der Plattform offengelegt. Musk erklärt: Meinungsfreiheit auf Twitter solle in Zukunft so gehandhabt werden, wie es von der Politik und damit dem Volk respektive den Twitter-Nutzern gehandhabt wird. Zensur, die darüber hinaus geht, soll eingestellt werden.

Wie er sich die Umsetzung national sehr unterschiedlicher Statuten bei der Meinungsfreiheit auf der internationalen Plattform vorstellt, erklärt Musk nicht. Auch darauf, dass Gerichte auf nationaler Ebene teilweise über Monate oder gar Jahre zu entscheiden haben, ob eine Äußerung von der im Land gesetztlich geregelten Meinungsfreiheit gedeckt war, während auf Twitter pro Minute Millionen neue Beiträge erscheinen, geht Musk nicht ein.

Politische Neutralität sieht Musk in Zukunft als weitere wichtige Säule der Plattform an, um das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen zu können. Sowohl die extreme Rechte als auch die extreme Linke müssen demzufolge gleichermaßen „verärgert“ werden.

Dass er zuletzt die extreme Rechte gegenüber der extremem Linken im Nachteil sah, unterstreicht er mit einem Tweet, der ein Meme von Joe Rogan teilt.

Das wiederum enthält ein Foto von Twitters Chefjuristin Vijaya Gadde, die laut Rogan mutmaßlich für diese Linie verantwortlich war. Musk hatte es auch als Reaktion auf eine vorherige Aussage geteilt, in der er die Reaktion auf den Umgang mit Beiträgen zu potentiell diskreditierenden Inhalten auf einem Notebook von Joe Bidens Sohn Hunter Biden in Vorfeld der US-Wahl Ende 2020 als „eindeutig unglaublich angemessen“ bezeichnet hatte. Gadde sah sich daraufhin erneut starker, zum Teil auch von Twitter gelöschter Kritik ausgesetzt. Ex-CEO Dick Costolo kommentierte daraufhin ohne Musk zu nennen: „Mobben ist nicht Führen“.

Update

Wie Elon Musk auf Twitter erklärt, sei der Deal zur Übernahme Twitters temporär „auf Eis gelegt“. Hintergrund ist, dass noch Prüfungen ausstehen, ob wirklich nur maximal 5 Prozent der Nutzer auf Fake- und Spam-Konten basieren. Twitter gab für das erste Geschäftsquartal an, Werbung an 229 Millionen Nutzer ausspielen zu können. Sollten sich die Zahlen verändern, könnte das Einfluss auf den Übernahmepreis haben. Der Aktienkurs ist nach dieser Ankündigung zwischenzeitlich um knapp 17,5 Prozent eingebrochen.

Update

Musk hat sich über seine Anwälte erneut an Twitter gewandt. Das Schreiben wurden von der US-Börsenaussicht SEC veröffentlicht.

In dem Brief an Twitters Chefjustiziar verlangt Musk erneut nach mehr Informationen, um Twitters Analyse, deren Ergebnis lautete, dass weniger als fünf Prozent der Accounts auf der Plattform Fake- oder Spam-Konten sind, selber nachvollziehen zu können.

Twitter hatte Musk am 1. Juni angeboten weitere Details bereitzustellen, laut Musk reichen die angebotenen Informationen aber nicht aus um eine eigene Analyse durchzuführen. Das in der Übernahmeabsichtserklärung verbriefte Auskunftsrecht werde von Twitter daher weiterhin fundamental verletzt, was Musk den Rücktritt vom geplanten Kauf gestatte.

Twitter hatte sich darauf berufen, nur Informationen bereitstellen zu müssen, die dem schnellen Abschluss der Übernahme dienen und das mit der Bekanntgabe des Ergebnisses getan zu haben. Musk wiederum leitet aus der von beiden Parteien unterzeichneten Absichtserklärung auch tiefergreifende Informationspflichten ab, solange sie in angemessener Art und Weise mit übernahmerelevanten Geschäftstätigkeiten in Zusammenhang stehen und angemessen eingefordert wurden.

Der Kurs der Twitter-Aktie ist zuletzt deutlich gefallen. Nachdem er kurz nach der Bekanntgabe der geplanten Übernahme mit 51 US-Dollar knapp unterhalb des von Musk angebotenen Kaufpreises notierte, liegt er mit 40 US-Dollar derzeit deutlich darunter, weil die Wahrscheinlichkeit, dass der Kauf wie geplant vonstatten geht, gesunken ist.

Update

Elon Musk macht den vielerorts bereits beschworenen Rückzieher: Weil Twitter während der Verhandlungen „falsche und irreführende“ Angaben gemacht habe, soll der 46 Milliarden US-Dollar schwere Deal ad acta gelegt werden, wie aus einem entsprechenden Dokument (PDF) hervorgeht. Musk bot bekanntlich 54,20 US-Dollar pro Twitter-Aktie, zum Handelsschluss notierte das Wertpapier heute allerdings nur noch bei lediglich 36,81 US-Dollar – der Aufpreis wäre immens gewesen. Im nachbörslichen Handel gab die Aktie als Reaktion auf die neuen Entwicklungen um weitere 6 Prozent nach.

For nearly two months, Mr. Musk has sought the data and information necessary to ‘make an independent assessment of the prevalence of fake or spam accounts on Twitter’s platform. Twitter has failed or refused to provide this information.

Elon Musks Team

Musk muss nun jedoch beweisen, dass Twitter tatsächlich gegen die ursprüngliche Vereinbarung verstoßen hat, immerhin wurden entsprechende Verträge bereits unterschrieben. Auch eine entschädigende Abfindungszahlung in Hohe von einer Milliarde US-Dollar würde voraussichtlich fällig. Twitter kündigte bereits an, juristisch gegen den Vertragsbruch vorzugehen.

Update

Ob Musk wie geplant von der Twitter-Übernahme zurücktreten kann, weil der Konzern nicht die vertraglich zugesicherte Einsicht – allen voran auf den Anteil der Fake-Accounts und Bots – gewährt hat, oder Twitter auf die Übernahme zu den vereinbarten Konditionen pochen darf, wird ab dem 17. Oktober für fünf Tage vor Gericht im US-Bundesstaat Delaware verhandelt werden. Musk hat auf die Bekanntgabe des Verhandlungstermins zum Wochenende mit einer Gegenklage vor demselben Gericht reagiert, die allerdings nicht öffentlich ist.

Update

Elon Musk bereitet sich darauf vor, die mit Twitter vertraglich vereinbarte, aber von ihm inzwischen nicht mehr gewollte Übernahme am Ende doch stemmen zu müssen. Vom 5. bis einschließlich 9. August hat Musk 7.924.107 Tesla-Anteile im Wert von fast sieben Milliarden US-Dollar verkauft, wie Sawyer Merrit auf Twitter zusammengetragen hat.

Darauf angesprochen, nannte Musk auf Twitter „den (hoffentlich unwahrscheinlichen) Fall, dass Twitter den Verkauf erzwingt und einige der von ihm sicher geglaubten Kapitalgeber abspringen“ als Motivation. Es sei besser die Aktien schon jetzt abzustoßen, als es später Hals über Kopf tun zu müssen.

Ob Musk die Übernahme wie unterzeichnet durchführen muss, oder Twitter gegen vereinbarte Offenlegungspflichten verstoßen hat, wird ab dem 17. Oktober vor Gericht in den USA geklärt.