Huawei MatePad Paper im Test: HarmonyOS und App-Unterstützung

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Michael Schäfer
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Wenig angepasstes HarmonyOS

Huawei setzt aus den bereits genannten Sanktionsgründen auch beim neuen Tablet nicht auf ein Android mit Google-Diensten, sondern auf das selbst entwickelte, aber weiterhin zumindest auf der freien AOSP-Version basierende HarmonyOS in Version 2.1.0.

Während das Betriebssystem auf „normalen“ Tablets des Herstellers eher an iOS von Apple erinnert, geht der chinesische Hersteller beim MatePad Paper andere Wege und passt das OS mehr an die möglichen Nutzungsszenarien an.

So unterscheidet sich bereits der Startbildschirm stark von dem, was Nutzer bei Tablets gewohnt sind, und lässt das MatePad Paper wie eine Mischung aus eben einem Tablet und einem E-Book-Reader erscheinen. Im Grunde unterteilt sich der Homescreen in fünf Bereiche: Die schmale Leiste auf der linken Seite lässt den Nutzer schnell zu den, zumindest aus der Sicht von Huawei, wichtigsten Anwendungen, Notizen, dem Bücherregal, dem Buchladen und den Applikationen kommen. Der Bildschirm selbst ist mit einigen Widgets belegt, die anstehende Termine, die zuletzt angefertigten Notizen, E-Mails und Bücher anzeigen – bei letzteren wird auch ein wenig Werbung in Form von empfohlenen Büchern aus dem eigenen Buchladen gemacht.

Generell erscheint der Startbildschirm recht aufgeräumt, vermittelt aber ebenso den Eindruck, dass viel Platz verschwendet wird. In seiner jetzigen Version ist es dem Nutzer auch nicht möglich, den Homescreen seinen Wünschen anzupassen und weitere Widgets hinzuzufügen. So muss auf die von HarmonyOS bekannten Snippets, bei denen es sich im Grunde um einfach über das App-Icon aufzurufende Widgets handelt, verzichtet werden. Gleiches gilt für schwebende Fenster, ein Splitscreen-Modus steht dagegen lediglich für die Notizfunktion zur Verfügung. Die Funktion beschränkt sich in dem Fall jedoch darauf, das Tool zu wenigen Apps zusätzlich aufrufen zu können.

Der Starbildschirm verschenkt sehr viel Platz
Der Starbildschirm verschenkt sehr viel Platz

Die meisten wichtigen Einstellungsmöglichkeiten hat der Hersteller in der Schnellstartleiste untergebracht, die sich einfach per gewohnter Wischgeste vom oberen Bildschirmrand nach unten aufrufen lässt, jedoch ebenfalls nur einen geringen Funktionsumfang besitzt.

Das System agiert relativ zügig, zumindest wenn gängige E-Book-Reader als Vergleich herangezogen werden. Gegenüber gewöhnlichen Tablets hat das MatePad Paper jedoch deutlich das Nachsehen, was aber weniger der technischen Basis als vielmehr dem Display zuzuordnen ist.

Sicherheit

Um die auf dem Tablet gespeicherten Inhalte vor allzu neugierigen Blicken zu schützen, stattet Huawei das MatePad Paper mit diversen Sicherheitsmaßnahmen aus. Dazu gehört neben den üblichen Vorkehrungen bestehend aus Passwort und PIN auch ein Fingerabdrucksensor im Einschaltknopf, für den bis zu fünf Abdrücke gespeichert werden können. Dessen Einrichtung erweist sich in der Praxis als ein wenig „hakelig“, vor allem wenn es um den letzten Teil des Abdrucks geht. In der täglichen Anwendung arbeitet er dann aber sehr zuverlässig.

Als weiteres Sicherheitsmerkmal ist es möglich, bestimmte Apps zu sperren und nur mit einer Sicherheitsabfrage zu starten. Passwörter selbst lassen sich darüber hinaus in einem eigenen Manager organisieren.

Native Applikationen

Die im System integrierten Apps reichen für einen Grundstock an Funktionen aus, für mehr müssen andere Programme bemüht werden. Das stellt jedoch kein leichtes Unterfangen dar, wie der nächste Abschnitt zeigen wird.

So bietet die Notiz-App alle nötigen Funktionen, um handschriftliche Anmerkungen oder Skizzen zu erstellen und zu organisieren. Darüber hinaus ist es möglich, Handschriften in weiter formatierbaren Text umzuwandeln, wobei die Funktion seit dem Test des MatePad Pro 12.6 einiges dazugelernt hat. Im aktuellen Test bedurfte es schon einer Arzt-ähnlichen Schrift, um das System aus dem Tritt zu bringen.

An der zum OS gehörenden Reader-App muss Huawei dagegen noch feilen, hier bieten renommierte Reader-Hersteller ein deutlich besseres Lesegefühl. Das liegt nicht nur an den eher geringen Formatierungsmöglichkeiten des Textes, sondern an der generellen Darbietung. So kann nur auf die jeweilige im E-Book enthaltene Schrift zurückgegriffen werden, andere Fonts sind nicht installiert. Darüber hinaus lässt sich der Zeilenabstand nur bis 90 Prozent reduzieren, womit die einzelnen Zeilen bei den meisten Büchern gerade bei einer kleineren Schriftgröße zu weit auseinander-, Absätze dagegen zu nahe aneinander liegen, um jeweils Einheiten zu bilden und ein einfaches Zurechtfinden sowie ein entspanntes Lesen zu ermöglichen. Da die meisten erhältlichen Reader-Apps nicht auf die Verwendung von E-Ink-Displays optimiert sind, sind Alternativen rar gesät.

Die Auswahl bereits installierter Apps (in Grau) ist sehr gering
Die Auswahl bereits installierter Apps (in Grau) ist sehr gering

Bietet die hauseigene Reader-App bei normalen digitalen Büchern bereits Schonkost, wird der Nutzer in Sachen PDF-Dokumente endgültig auf Diät gesetzt – denn es wird sich wirklich nur noch auf das Wesentliche beschränkt. So bietet die Applikation weder eine Zuschneidefunktion noch ein PDF-Reflow. Nutzer können lediglich zoomen, über das Inhaltsverzeichnis navigieren, die Helligkeit verändern, die Ausrichtung und Art des Umblätterns wählen, Lesezeichen anlegen sowie das Dokument mit Notizen versehen – das war es dann auch schon. Für alles andere muss eine externe Applikation bemüht werden.

Nach wie vor geringe App-Auswahl

Die größte Schwachstelle der ansonsten technisch oftmals sehr überzeugenden Mobilgeräte von Huawei stellt nach wie vor die aufgrund der fehlenden Google-Dienste und damit des nicht vorhandenen Play Stores recht bescheidene Auswahl an Applikationen dar. Huawei versucht zwar mit der eigenen „App-Gallery“ gegenzusteuern, was aus mehreren Gründen jedoch eher schlecht als recht funktioniert.

Beim MatePad Paper verschärft sich die Situation sogar dahingehend, dass im Grunde nicht einmal Huaweis eigener Marktplatz vorhanden ist. Während bei den restlichen Tablets und auch Smartphones des Herstellers über die Galerie zumindest eine geringe Anzahl weiterer Apps bezogen werden kann, gibt sie beim MatePad Paper dem Nutzer lediglich 17 Apps als Empfehlung zu Installation an die Hand, deren Nutzen in den meisten Fällen, abgesehen von WPS Office, Microsoft Office, der Reader-App von Tolino oder TeamViewer, doch recht fraglich ist. Weitere Möglichkeiten bietet das System nicht, womit die Anzahl der Werkzeuge mit den Mitteln, die Huawei dem Nutzer bereitstellt, mehr als überschaubar bleibt.

Wer mehr möchte, muss entweder auf eine der vielen apk-Suchseiten vertrauen oder auf andere App-Quellen wie F-Droid oder den App-Store von Amazon ausweichen – womit die Auswahl aber nicht unbedingt größer wird. An eine eigene Installation des Marktplatzes von Google sollte erst gar nicht gedacht werden.

Auch die Auswahl zusätzlicher Apps hält sich in Grenzen
Auch die Auswahl zusätzlicher Apps hält sich in Grenzen

Doch selbst wenn die gewünschte oder gesuchte Applikation als installierbare Datei gefunden wurde, bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch startet. Spätestens wenn Schnittstellen oder Systemkomponenten von Google vorausgesetzt werden, ist Schicht im Schacht. So lassen sich viele Google-Apps wie YouTube zwar installieren, aber nicht starten.

Sinnkrise

Es stellt sich zudem die Frage, welche Apps auf dem System überhaupt Sinn ergeben würden oder zumindest gut zu bedienen wären. So dürften sich Apps, bei denen sich die dargestellten Inhalte schnell ändern, weniger eignen. Darunter würden neben Spielen unter anderem Video-Apps fallen. Da, wenn überhaupt, nur die wenigsten Applikationen für E-Ink-Bildschirme optimiert sein dürften, ist sicherlich auch bei anderen Programmen mit Einbußen in Sachen Nutzungsfreundlichkeit zu rechnen. Dennoch können Werkzeuge wie Datei-Manager, Audio-Player, Fernbedienungen oder Ähnliches durchaus auf dem MatePad Paper ihren Zweck erfüllen – sofern sie auf das Tablet gebracht werden können.

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