Urks, da hat sich die Welt aber was geleistet. Kontrolliert niemand, was ein Journalist schreibt?
1. Warum gibt es Sex?
Die Frage kann ich als Informatiker beantwortet. Das passt so gut zum Thema "Genetische Algorithmen", was ich gerade habe.
Die Frage lautet nicht, warum es Sex gibt, sondern wie Evolution passiert.
Evolution ist die Veränderung eines Wesens. Mit inbegriffen sind Weiterentwicklung und Rückentwicklung. Das Ziel ist es meist, einen Zustand zu erreichen, bei dem man am besten auf seine Umwelt angepasst ist. Wie passiert das in der Natur? Da gibt es im Wesentlichen drei Mechanismen, die hauptsächlich dazu beitragen: Selektion, Crossover und Mutation.
Selektion ist das, was die meisten als Gesetz des Dschungels kennen: Die Schwachen werden gefressen. Die besser Angepassen überleben wahrscheinlich.
Bei Crossover werden mindestens zwei Erbcodes zu einem verschmolzen. Die Auswahl welcher Teil von dem welchem Ursprungscode kommt, ist zufällig (oder unterliegt Gesetzen, die mir nicht bekannt sind - fragt einen Biologen). Crossover passiert an der Stelle, an der Samen- und Eizelle miteinander verschmelzen. Das sollte jeder aus dem Bio-Untersicht kennen.
Dadurch, dass hauptsächlich nur die am besten angepassten überhaupt bis zu Paarung überleben, liegen also bei der Paarung zwei gute Erbcodes vor. Durch Kombination dieser beiden besteht die erhöhte Chance, dass ein noch besser angepasster Nachwuchs entsteht. Natürlich kann auch das Gegenteil passieren, aber da schlägt ja wieder das Gesetz des Dschungels zu.
Langfristig gesehen, entsteht hier also eine Linie von Nachfolgern, die immer besser angepasst sind. Allerdings sinkt im Laufe der Zeit die genetische Vielfalt, da unnütze, schädliche oder weniger effektive Gene verschwinden.
Deshalb gibt es noch Mutation. Na ja, das ist falsch ausgedrückt. Mutation war schon vor dem Crossover da. Es ist die zufällige Veränderung des Erbcodes. Dabei kann Murks herauskommen oder etwas besseres als vorher. Damit man mal eine Idee davon bekommt: Jeder Mensch trägt locker 10.000 bis 20.000 Mutationen in sich.
Da Mutationen ungerichtet sind, kann es sein, dass sie die genetische Vielfalt erhöhen, indem sie zufällig neue Gene "kreieren".
Man hat also drei Mechanismen: Der erste sorgt dafür, dass vor allem die besser Angepassten überleben. Der zweite sorgt dafür, dass die vornehmlich die guten Gene weitergegeben werden. Der dritte sorgt dafür, dass neue Gene erzeugt werden.
Zweiteres kann nur stattfinden, wenn irgendeine Art Genaustausch stattfinden kann. Dazu braucht es einfach verschiedene Geschlechter. Im Prinzip kann Evolution auch ohne Crossover stattfinden, allerdings ist die Weiterentwicklung dann deutlich ungesteuerter und kann ewig dauern oder sogar im Sand verlaufen (= Spezies stirbt aus, weil die Anpassung nicht vorankommt). Mit Crossover geht es deutlich schneller und effektiver und das Endergebnis ist, auf lange Sicht gesehen, positiver.
Wenn ich dann so was lesen muss:
Die asexuelle Vermehrung ist doppelt so schnell.
Ja klar. Aber da fand keine Crossover statt -> stark verlangsamte Evolution.
Außerdem hat die eingeschlechtliche Fortpflanzung den Vorteil, dass die Erzeugerin sicher sein kann, ihr wertvolles Erbgut komplett auf die Nachkommen zu übertragen.
Auch hier ist das Problem, dass kein Crossover stattfindet.
2. Woher kommen die Blumen?
Keine Ahnung, was der Journalist hier sagen will. Er gibt die Antwort ja schon selber.
3. Wie entstand das Leben?
Wie einzellige Winzlinge aus unbelebter Chemie entstehen können ist [..] unklar
Die Evolution hat damit nichts zu tun. Das ist, als würde man die Physik fragen, was vor dem Urknall war. Da aber die bisher erkannten Naturgesetze (inklusive aller Dimensionen - auch die Zeitdimension) alle erst durch den Urknall entstanden sind, kann die Physik so was nicht beantworten. Die Frage kann man gar nicht stellen.
Die Evolution kann nicht beantworten, ob ein Stein ins Wasser fiel und dadurch Leben entstand, da sowohl Stein als auch Wasser kein Leben sind.
unklar, wie der anschließende Schritt vom Einzeller zum Mehrzeller.
Irgendwann hat es nach vielen Versuchen der Evolution einfach geklappt. Genauso wie die Schaffung des Erbguts. Es gab so lange Mutationen und Seleketionen, bis plötzlich eine Zelle mit Erbgut entstanden ist. Dieses Erbgut kann sehr klein gewesen sein und zB nur einen Teil der Zelle betroffen haben, aber der Grundstein war dann da.
4. Wer war der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Affe?
Dass man das bis jetzt noch nicht genau sagen kann, liegt an mangelnder Faktenlage, nicht an der Evolutionstheorie.
5. Warum erröten Menschen?
Einseitige Betrachtung. Der Journalist hat nicht beachtet, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, der mit seinen Artgenossen kommunizieren muss. Vögel zwitschern oder breiten ihr Federkleid aus, Menschen sülzen und erröten stattdessen. Erröten verbraucht sogar weniger Energie als ein prachtvolles Federkleid.
6. Warum zeichnet sich die Evolution oft nicht in den Genen ab?
Auch hier klingt es wieder arg einseitig. Was sind "perfekte Gene"? Und warum sollten die 233 "perfekten Gene" des Affen besser zu uns passen, als die, die wir haben? Ziemlicher Quark.
Und der Krebs ist schnell erklärt: Dadurch, dass wir mittlerweile intelligent genug sind, die Umwelt auf uns anzupassen, ist eine Anpassung unsererseits an die Umwelt unnötig geworden. Wir haben uns damit selbst effektiv aus dem der natürlichen Evolution ausgeklammert. Damit passiert natürlich auch keine so starke Selektion mehr. Viele genetisch bedingte Krankheiten, die früher unweigerlich zum Tod und damit Ausschluss aus dem Genpool führten, sind heute nicht mehr tödlich. Diese Krankheiten bleiben bestehen und betreffen durch zahlreiche Nachkommen immer mehr Menschen.
7. Warum bringt die Evolution auch Verlierer hervor?
Siehe erste Frage. Da habe ich das schon beantwortet.
8. Warum denken Männer anders als Frauen?
*seufz* Der Journalist hat die Antwort selber gegeben. Warum stellt er die Frage?
9. Wie entstand unser Gehirn?
Die Antwort eines Wissenschaftlers ist etwas arg wenig, um diese Frage zu beantworten. Sicher ist jedenfalls, dass unser Gehirn uns einen Vorteil gegenüber anderen Spezies gibt, sonst wären wir heute nicht mehr da oder hätten kein so großes Gehirn.
10. Darwin ohne Gene?
Die Antwort ist eine Kombination der Antworten auf Frage Eins und Sechs.
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Der Zeitungsartikel war der Brüller. So viel Halbwissen und Dummfug habe ich selten auf einem Haufen gesehen. Wenn ein Informatiker die Evolutionstheorie besser erklären kann als ein Journalist - der ja Spezialist in Sachen Nachforschung sein sollte, dann spricht das Bände über die Fähigkeiten des Journalisten.