Kommentar : Wie man aus dem Android-Leck lernen kann

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Sasan Abdi

Mikrozensus, PlayStation Network, gierige Social-Network-Angebote – das im Internetzeitalter omnipräsente Thema „Datenschutz“ bewegt dieser Tage mehr denn je die Gemüter. Nun ist es an der Zeit, der immensen Riege der zugehörigen Themen eine weitere Überschrift zuzuordnen: Googles mobiles Betriebssystem Android lässt sich offenbar mit ein paar Kniffen im offenen WLAN mitlesen, sodass vom Kalender über die Kontakte bis hin zu Authentifizierungsdateien diverse Nutzerdaten in jenen Netzwerken Gefahr laufen, von Dritten abgegriffen und missbraucht zu werden.

Das jetzt zutage beförderte Leck führt zum einen einmal mehr vor Augen, wie großzügig der moderne Nutzer mit einer Vielzahl von sensiblen Daten umgeht und das obwohl ganz offensichtlich selbst die „großen“ Angebote immer wieder mit Problemen und handfesten Skandalen zu kämpfen haben.

Doch auch abseits dieser Makro-Perspektive bringt das Android-Datenleck seine Implikationen mit sich. So öffnet sich abermals der Blick für jene Kontroverse, die eine Zeitlang in hohen Veröffentlichungsraten von Seiten der Medien unter der nicht unpassenden Versinnbildlichung „Datenkrake Google“ behandelt wurde – eine Thematik, die zuletzt aber eher von Skandalen wie der iPhone-4-Lokalisierung oder dem Hack des PlayStation Networks verdrängt wurde.

Nun steht mit Android nach kurzer Abstinenz abermals Google im Fokus der Debatte, wobei sich einmal mehr die Frage aufdrängt, wie der engagierte Android-Nutzer die Bereitstellung von und den Zugriff auf seine Daten besser steuern und reglementieren kann. Allerdings, die Antwort bleibt einfach: Ohne Einschnitte in den Funktionsumfang sind die Möglichkeiten nach wie vor stark begrenzt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Oberflächlich betrachtet unterscheidet sich Google von den großen Mitbewerbern in dieser Hinsicht nicht. Ob Microsoft, Apple oder Facebook – jede große Marke versucht, ein möglichst konsistentes Ökosystem zu schaffen, das entweder die konzerneigenen Dienste prioritär miteinander verknüpft oder gar die Wettbewerber ausschließt. Zudem muss anerkannt werden, dass Google aufgrund des öffentlichen Drucks in puncto Datenschutz durchaus nachgebessert hat, was sich beispielsweise darin äußert, dass seit Android 1.5 die vormals erzwungene Bindung an einen Google-Mail-Account samt andauernder Server-Anmeldung der Vergangenheit angehört.

Dennoch findet sich an dieser Stelle der erste Knackpunkt: Google beherrscht insbesondere im Bereich der Smartphones das vielerorts angestrebte aber selten erreichte „Ganz-oder-garnicht“-Prinzip in Perfektion. Dementsprechend funktionieren viele der einschlägigen Services nur dann, wenn der Nutzer bereit ist, in maximalem Umfang seine Daten preiszugeben. Je höher die Güte bzw. der Umfang der Daten, so die dahinterstehende Logik, umso größer der – wohlgemerkt: kostenlose – Nutzwert.

Die Anreize, sich auf diesen Handel maximal einzulassen, sind für viele Nutzer durchaus groß. Wer sich mit datenschutztechnischen Bedenken nicht lange aufhält, kann dank der geschickten Verknüpfung der Google-Angebote und -Funktionen kostenlos einen Komfortgrad erreichen, der für viele Anwendungsszenarios das klassische Notebook sowie alternative Dienste obsolet macht. Ob Kalender, E-Mails, YouTube, zusätzliche Apps, Cloud-Services, Google Goggles, Maps, Office-Anwendungen oder ortsbezogene Dienste – Google bietet, gesetzt den Fall, der Nutzer zeigt sich kooperativ, die ultimative „alles-aus-einer-Hand“-Lösung, die sich technisch und unter Usability-Gesichtspunkten stets auf hohem Niveau bewegt.

Von einem fatalistischen Standpunkt aus betrachtet, liegt nun die Feststellung nahe, dass es sich hierbei doch um einen durchaus fairen, ja natürlichen Tausch handle. Denn immerhin stecken hinter den besagten Anwendungen nennenswerte Entwicklungs- und Betriebskosten, die auf dem einen oder anderen Wege vergütet werden müssen. Hinzu kommt, dass das Gros der Google-Konkurrenz das eben beschriebene Spiel zwar nicht auf die Spitze treibt – nicht aber etwa aus moralisch-datenschutzrechtlichen Gründen, sondern weil die dazu notwendige Qualität auf der Angebotsseite in der Regel nicht gegeben ist. Und wenn alle Stricke reißen, kann man es mit Ex-Google-CEO Eric Schmidt halten, der sinngemäß gesagt haben soll, dass man Dinge, die vor Anderen geheim bleiben sollen, lieber gar nicht erst tun sollte – eine Denkweise, aus der sich dieser Tage die ebenso weitverbreitete wie naive Logik des „ich habe doch nichts zu verbergen“ ableitet.

Doch auch wenn man all diese mehr oder minder passablen Gegenargumente gelten lässt, bleibt ein großer Unterschied, der zweite Knackpunkt, der Google von seinen Mitbewerbern unterscheidet: Google ist überall.

Google ist es gelungen, sich durch die schiere Anzahle der qualitativ guten Dienste und Anwendungen zu einem Anbieter zu machen, der im Web-Kontext in jeder Lebenslage das passende Angebot zu bieten hat. Dies hat zur Folge, dass der normale Nutzer dank der Qualität des besagten Angebots das Unternehmen von Larry Page und Sergey Brinn andauernd mit Daten füttert – von morgens bis abends: Wir googeln Begriffe, Namen, Steuernummern, Krankenkassen, Ärzte und Banken; wir suchen bei Maps nach Adressen und speichern unser Zuhause ab, um schneller Routen erstellen zu können; wir googeln Sehenswürdigkeiten und Gesichter von Freunden; wir sind mit „Places“ immer up-to-date was unsere Umgebung angeht und können uns jederzeit interessante Locations nach Kategorien sortiert anzeigen lassen; wir kopieren alle unsere Kontakte und Nachrichten in unseren neuen E-Mail-Service Google Mail und nutzen fortan den Google Kalender; wir recherchieren in Google Books und nutzen Google News; wir shoppen über Google und suchen nach Bildern und Videos.

Am Ende eines solchen Tages steht im Extremfall tatsächlich der „gläserne Nutzer“, was sogleich die Frage nach dem „warum“ klärt: Google ist nach wie vor ein Konzern, der Werbung vermarktet. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die zunehmende Relevanz von personalisierter Werbung erscheint es nur nahe liegend, den potentiellen Adressaten von Werbung noch besser kennen zu lernen. Wie tickt er, welche Interessen hat er, mit wem kommuniziert er – jedes noch so kleine Detail kann dazu beitragen, den „Impact“ der Werbung zu erhöhen und den Kunden so eine noch differenziertere Schaltung zu ermöglichen.

Wie so oft mit dem Offensichtlichen, ist es allerdings auch in diesem Fall so, dass der Hintergrund von den Beteiligten in der Regel nicht explizit gemacht wird. Während der durchschnittliche Nutzer die mit der umfänglichen Google-Nutzung einhergehenden Implikationen in der Regel ausblendet, heißt es von Vertretern des Konzerns stets nebulös, dass Daten nur in geringem Umfang und „zur Verbesserung“ des Angebots gesammelt würden.

In diesem Kontext erscheinen schließlich auch vergleichsweise neue Produktlinien wie Android samt eigenem Google Phone (Nexus bzw. Nexus S) sowie die unlängst angekündigten Chromebooks in einem anderen Licht: Während man in diesen Produkten zum einen klar den Vorstoß in ein neues Segment interpretieren kann, dient dieser letztlich vor allem der Ausweitung der Verfügbarkeit der bereits erwähnten Google-Dienste. Denn während die Verfügbarkeit von Google-Diensten früher immer dann endete, wenn der Nutzer seinen PC ausschaltete, ist Google dieser Tage insbesondere dank der Kombination aus Smartphone und Android auch physisch „überall“ – überall dort nämlich, wo sich der Nutzer und damit sein Gerät samt den umfangreichen Google-Diensten gerade aufhält.

Android ist somit letztlich ein Vehikel, mit dem es Google gelingt, noch näher am Nutzer dran zu sein – denn Smartphones sind nun einmal dazu konzipiert, immer mitgenommen und nur sehr selten ausgeschaltet zu werden.

Eine solche Analyse hat bei aller offensichtlichen Evidenz einen schwerwiegenden Schwachpunkt: Eine echte, komfortable Alternative gibt es nicht. Da der komplette Verzicht auf die Google-Dienste für die meisten Nutzer verständlicherweise unzumutbar erscheinen dürfte (Ironie: Man rate, welche Suchmaschine zur Recherche für diesen Beitrag verwendet wurde), bleibt als einziger Ausweg, das Verhältnis zu den Angeboten zu überdenken. Statt ständig unhinterfragt alle möglichen Dienste und Optionen zu nutzen, könnte dies idealerweise einen verantwortlicheren Umgang zur Folge haben, der letztlich auch die Effizienz erhöht, indem nicht jeder x-beliebige Dienst und jedes vorhandene Feature Anwendung findet.

Abschließend kann vor diesem Hintergrund festgehalten werden, dass es trotz allem jeder Grundlage entbehrt, Google für sein Vorgehen zu verdammen, da die Nachfrage nun einmal das Angebot bestimmt. Google ist also nicht der Inbegriff des datenschutzrechtlichen Bösen, sondern vielmehr der geschickteste Verwerter eines weitverbreiteten, sorglosen Umgangs mit den eigenen Daten. Um dieser Nutzer-Einstellung entgegenzuwirken, kann es von Zeit zu Zeit lohnen, sich die wirkenden Mechanismen und Beweggründe der Anbieter vor Augen zu führen – das Android-Datenleck stellt hierfür einen passenden Moment dar.

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