Interview : Die Zukunft von Operas Browser

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Interview: Die Zukunft von Operas Browser
Bild: Opera Software

Diversifizierung über mehrere Bereiche

Das norwegische Unternehmen Opera Software teilt sich heute in drei Bereiche, von denen sich einer mit der Weiterentwicklung des Browsers für den Desktop und mobile Plattformen befasst. Daneben verdient das Unternehmen Geld mit dem im Februar 2013 gestarteten Mobilanzeigen-Dienst Opera Mediaworks sowie mit Opera TV, das als B2B-Lösung in den letzten fünf Jahren unter anderem von Sony, Philips und Samsung teilweise unter einem White Label auf über 1.000 Fernsehern genutzt wurde. Mit rund 1.500 Angestellten erwirtschaftete das Unternehmen 2014 rund 480 Millionen US-Dollar. Derzeit liegt ein Übernahmeangebot aus China auf dem Tisch, das mit 1,2 Milliarden US-Dollar dotiert ist. Der Opera-Chef Lars Boilesen empfiehlt die Annahme des Angebots, die Entscheidung liegt bei den Aktionären. Zudem muss die norwegische Regierung zustimmen.

Während Opera Mediaworks im Mobilbereich Werbung, Verteilung von Inhalten und Monetarisierungsdienste anbietet, steht Opera TV für Software und Dienste rund um smarte Fernsehgeräte. Das Gespräch drehte sich nach diesen Eingangsinformationen dann aber vor allem um den Browser in allen Facetten und seine Zukunft.

Opera Software Hauptquartier in Oslo
Opera Software Hauptquartier in Oslo (Bild: Opera Software)

Fragestunde mit Opera zu Vergangenheit und Zukunft

In dieser Woche hatte das ComputerBase-Team die Gelegenheit, einige Repräsentanten von Opera in der Redaktion zur Zukunft des Browsers zu befragen. Neben dem Teamleiter für die Desktop-Version des Browsers und einem weiteren Entwickler waren dies der Vice President Western Markets sowie die Communications Managerin des Unternehmens. Allen voran drehte es sich primär um den Desktop-Browser, der das Zugpferd von Opera war, ist und auch weiterhin sein soll.

Schaut man sich jedoch die Marktanteile des Opera Browsers an, so könnte man zu dem Schluss kommen, er sei auf dem absteigenden Ast. So liegt der generelle Marktanteil zwischen zwei und vier Prozent, je nachdem welche Statistik man heranzieht. Damit liegen die Besucher von ComputerBase mit 3,5 Prozent im Durchschnitt. Dabei hat der Browser bei ComputerBase bereits bessere Tage gesehen: Im Frühjahr und Sommer 2010 lag der Marktanteil bei teilweise über 13 Prozent. Dass der Browser aber keineswegs einschläft, beweisen einige Neuerungen der letzten Wochen.

Alles neu mit Googles Engine Blink

Die Verschlankung und Umstellung des Browsers von der hauseigenen Render-Engine Presto auf die auf Webkit basierende Google-Engine Blink war Teil einer Umstrukturierung des gesamten Unternehmens, die derzeit mit einer erneuten Hinwendung zur Desktop-Version des Browsers und zu den Märkten der westlichen Hemisphäre ihre Fortsetzung findet, wie der Teamleiter für den Desktop, Krystian Kolondra, im Gespräch mit ComputerBase erläuterte.

Gefragt, warum sich das Unternehmen 2013 entschieden habe, sich der Uniformität der Chrome-basierten Browser anzuschließen, anstatt seine Individualität zu erhalten, erklärte Kolondra, das Gegenteil sei das Bestreben dahinter. Man wolle Opera für die Zukunft rüsten und musste dafür Ballast abwerfen. So sei das Pflegen einer eigenen Engine zu aufwendig geworden, zudem habe Opera nach der Umstellung zeitweise rund ein Drittel der Commits für Blink beigesteuert. In der Umstellung stecke ein Jahr Entwicklungsarbeit und viel Geld, es sei dabei also nicht ums Sparen gegangen, betonte Kolondra.

Herausforderungen der Zukunft

Danach hat sich das Team vermehrt dem mobilen Browser Opera Mini sowie neuen Märkten gewidmet. Im mobilen Markt sind in den nächsten Jahren die höchsten Zuwachsraten zu erwarten, Opera geht von einem Anteil von um die 80 Prozent aus. Hier liegen laut Kolondra aber auch die künftigen Herausforderungen: Opera hat hier insbesondere die stetig steigende Bandbreite an Multimedia-Inhalten sowie die erwartet exponentiell steigende Kurve der Cyber-Kriminalität als Zukunftsprobleme definiert, die man heute lösen muss, um morgen vorne dabei sein zu können.

Um den ansteigenden Bandbreiten zu begegnen, hat Opera im vergangenen Herbst in seinen Android-Mobilbrowser, der weltweit 120 Millionen Anwender haben soll, einen mehrstufigen Kompressionsalgorithmus eingebaut. Der soll zu einem flüssigeren Surferlebnis führen, aber in der extremen Einstellung Seiten teilweise stark vereinfachen. Dazu werden die zu ladenden Seiten über einen Proxyserver mit serverseitiger Komprimierung der Webseiten geleitet. Der Server identifiziert Seitenelemente, die komprimiert werden können, reduziert Bildpixel und sendet diese verkleinerten Elemente an das Gerät. Im Desktop-Browser war die Funktion bereits länger als Opera Turbo bekannt.

Kompression bei Opera Mini
Kompression bei Opera Mini

Die Entwicklung für die Zukunft des Browsens Opera orientiert sich auch an der Konvergenz zwischen Geräteklassen. Hier gehen Mobilsektor und Desktopbereich ineinander über, sodass auch berührungssensitive Displays, die nach Meinung der Entwickler auch außerhalb des Mobilsektors weite Verbreitung finden werden, für den Desktopbrowser konzipiert werden.

VPN und (nicht aktivierter) Adblocker inklusive

Für diesen hat kürzlich eine neue Entwicklungsphase begonnen, bei der rund 100 Entwickler nur für den Desktop arbeiten. Einige der neuen Funktionen aus diesem Kraftakt sind bereits in die letzten Versionen des Browsers eingeflossen. So wurde in die Entwicklerversion 38 des Browsers für Windows und OS X ein VPN ohne Datenlimit eingebaut, der seine Wurzeln in SurfEasy hat, dessen Hersteller 2015 von Opera übernommen wurde. In der aktuellen Entwicklerversion 39 ist die Funktion auch für Linux verfügbar. Zudem stellt Opera darin einen eingebauten Adblocker sowie für Notebooks einen neuen Stromsparmodus vor.

Der eingebaute Adblocker muss, ebenso wie das VPN, in den Einstellungen manuell aktiviert werden. Damit will das Unternehmen Vorsorge tragen, dass auch jede Internetseite im Normalfall problemlos funktioniere. Der Adblocker entstand aus einem Versuch, der zeigen sollte, wie viel schneller die native Implementierung einer Erweiterung ist. Die Ladezeiten mit integriertem Adblocker sind laut Opera bis zu 45 Prozent verkürzt, wovon laut Entwickler Kolondra rund die Hälfte aus der Integration direkt in den Browser resultiert.

Energieeinsparung bei Notebooks
Energieeinsparung bei Notebooks

Zudem glaubt Opera mit dem integrierten Werbeblocker, bei dem übrigens Operas eigene Werbeinhalte nicht auf einer Whitelist stehen, die Werbeindustrie darauf aufmerksam zu machen, dass auf lange Sicht die Wünsche und Bedürfnisse der Anwender mehr in den Blickpunkt rücken müssen. Auf lange Sicht, so erklärte es auch Opera, müssen die Werbeindustrie und Browser-Hersteller aber zusammenarbeiten, da unabhängige Webseiten wie ComputerBase auf Werbeeinnahmen angewiesen sind und man diesen nicht das Wasser abgraben will.

Opera 39 als erster Schritt Richtung Zukunft

Die letzte der veröffentlichten Neuerungen, die ebenfalls in der Entwicklerversion 39 für Windows, OS X und Linux angeboten wird, ist ein Stromsparmodus für den Browser mit vielen offenen Tabs auf Notebooks. Auch diese Funktion muss der Anwender selbst einschalten. Ist das Notebook nicht mit einem Netzteil verbunden, erscheint neben der Adressleiste ein Icon, hinter dem ein Bedienfenster das Einschalten des Stromsparmodus ermöglicht. Erst bei verbleibenden 20 Prozent Restladung bietet der Browser den Energiesparmodus von sich aus an.

Opera Developer 39
Opera Developer 39

Die bis zu 50 Prozent längeren Akkulaufzeiten erreicht Opera dabei mit einem Bündel aus Maßnahmen. Dabei wird die Aktivität von Hintergrund-Tabs reduziert und die Bildwiederholrate bei Videos auf 30 Bilder pro Sekunde beschränkt. Inaktive Plugins werden angehalten. Der Browser soll sich dabei nicht anders verhalten als im Normalmodus.

Wechselwirkungen

Die Techniken, die jetzt in die Desktopversion einfließen, sollen später auch in die mobilen Versionen eingebaut werden. Auch das Erbe in Gestalt von Opera 12.x wird nicht vergessen, der Legacy-Browser erhielt im Februar eine Sicherheitsaktualisierung auf Version 12.8. Nach fast 20 Jahren Opera Browser sieht sich das Unternehmen mittlerweile wieder gut aufgestellt, die Herausforderungen der Zukunft gewappnet anzunehmen. Neue Märkte sollen erschlossen werden. Laut Kolondra hat Opera in Afrika mehr Nutzer als Facebook. Nun sollen auch westliche Märkte wie Deutschland und die USA wieder im Fokus der Softwareschmiede aus Oslo stehen.

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