Facebook: Präzise Löschregeln für überlastete Mitarbeiter

Andreas Frischholz 21 Kommentare
Facebook: Präzise Löschregeln für überlastete Mitarbeiter
Bild: Facebook

Der Guardian und die Süddeutsche Zeitung veröffentlichen Ausschnitte aus Facebooks Richtlinien für Mitarbeiter, die Inhalte der Nutzer prüfen. Die Erkenntnis: Die Anweisungen sind erstaunlich komplex, bei der Kontrolle sind die Mitarbeiter aber überlastet.

Die nun veröffentlichen Richtlinien sind die Grundlage für Facebooks umstrittene Löschpraxis. Sie bieten einen Einblick in das Regelwerk, das von außen oftmals nicht nachvollziehbar ist. Bei den Dokumenten handelt sich um Schulungen und Anweisungen für die Mitarbeiter. Die Vorgaben sind detailliert, beschrieben wird der Umgang bei sensiblen Themen wie Gewalt, Rachepornos, Erpressung, Kindesmissbrauch oder Selbstverstümmelung.

Dilemmata für die Mitarbeiter

Oftmals stehen die Mitarbeiter dabei vor Dilemmata. Als Beispiel nennt die Süddeutsche Zeitung die Darstellung von Suizid-Versuchen, die Facebook grundsätzlich nicht untersagt – nach Absprache mit Experten. „Nutzer posten selbstzerstörerische Inhalte als Hilfeschreie“, heißt es demnach in der Vorgabe. Es kann also der Sicherheit der Betroffenen nützen, wenn sie mit den Zuschauern eines Live-Streams in Kontakt bleiben. Entfernt werden sollen solche Inhalte erst, wenn keine Hilfe mehr möglich ist.

Nicht trivial ist auch der Umgang mit gewalttätigen und potentiell verstörenden Inhalten. Als ein Mann im April einen Mord angekündigte und das Video dann auf Facebook teilte, geriet das soziale Netzwerk gewaltig unter Druck. Mark Zuckerberg räumte öffentlich Fehler ein. 3.000 neue Mitarbeiter sollen eingestellt werden, um die Inhalte von Live-Streams zu kontrollieren.

Einfach sämtliche Mord-Videos entfernen geht allerdings auch nicht, heißt es im Bericht des Guardian. Im letzten Jahr löschte Facebook zeitweise ein Video, auf dem zu sehen ist, wie US-Polizisten einen Afroamerikaner bei einer Routinekontrolle erschossen. Ein solches Video soll nicht entfernt werden. Denn es dokumentiert die Polizeigewalt – es besteht also ein öffentliches Interesse.

Vorwurf: Nur 10 Sekunden für einzelne Entscheidungen

Selbst wenn die Regeln präzise und umfassend sind, ist es für Facebooks Kontrolleure nicht einfach, die Inhalte zu bewerten. Allein schon, weil sie aufgrund der Masse an Inhalten schlicht überlastet sind. Eine namentlich nicht genannte Quelle sagte dem Guardian, die Mitarbeiter hätten oftmals „nur 10 Sekunden“, um zu entscheiden. Facebook kann demnach „nicht die Kontrolle über die Inhalte behalten“. Dafür wäre das soziale Netzwerk zu schnell zu groß geworden.

In Deutschland beauftragt Facebook den Dienstleister Arvato mit dem Löschen und Prüfen der Nutzerinhalte. Es soll sich um rund 600 Mitarbeiter handeln, die allerdings unter den Arbeitsbedingungen leiden, wie die Süddeutsche Zeitung bereits im Dezember berichtete. So fehle es etwa an psychologischer Unterstützung, obwohl die Mitarbeiter oftmals mit verstörenden Inhalten konfrontiert sind. Die Berichte führten zu unabhängigen Kontrollen durch die Berliner Arbeitsschutz-Behörde.

Facebook und Arvato hatten die Vorwürfe vage dementiert. Konkrete Einblicke in den Alltag der Lösch-Teams gewähren die Unternehmen allerdings nicht.

Die Kontrolleure und das Facebook-Gesetz

Künftig könnte sich das allerdings ändern. Sollte die Bundesregierung das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz beschließen, hat das nicht nur Konsequenzen für die Löschpraxis. Der Entwurf sieht auch einen Rechenschaftsbericht vor. Dort müssen die sozialen Netzwerke wie Facebook, Google und YouTube angeben, wie viele Mitarbeiter eingesetzt werden, um die Beschwerden der Nutzer zu prüfen.