Windows Mixed Reality: VR von Microsoft ganz ohne externe Helferlein 2/2

Jan-Frederik Timm et al. 125 Kommentare

Tragekomfort und Einstellungsmöglichkeiten

Dass die Plattform tendenziell auf eine perfekte Ausrichtung der Linsen vor den Augen des Betrachters abzielt, lässt dem Tragekomfort und dem sicheren Sitz des Headsets eine besondere Bedeutung zuteil kommen. Erstaunlich gering ist in der Tat das Gewicht und mit dem starren Haltesystem liegen sowohl Dell Visor als auch Lenovo Explorer beim Aufsetzen viel ausgewogener in der Hand. Auch dass man das System nicht mit dem komplexen Gurtsystem über den Kopf stülpen muss, fällt positiv auf.

Starrer Haltebügel mit Einstellschraube
Starrer Haltebügel mit Einstellschraube

Ohne den Gurt über dem Kopf sitzen die Headsets aber nicht ganz so sicher. Das fiel beim Explorer schon kurz nach dem Aufsetzen auf, als die Mitarbeiterin am Stand die Funktion des Scharniers zeigen wollte, mit dem das Displaymodul nach oben geklappt werden konnte: Weil das nur mit Kraftaufwand gelingt, schob sich der hintere Teil des Haltesystems vom Hinterkopf in den Nacken, anstatt dass das Visier nach oben verschwand. Auf einem anderen Kopf gelang das eigenhändig einhändige Hochklappen wiederum problemlos.

Das zeigt: Dem hohen Anspruch an den Tragekomfort werden die Headsets zwar in Sachen weniger Gurtsystem und geringeres Gewicht gerecht, ob das Headset am Ende gut oder dauerhaft gut zu tragen ist, hängt aber weiterhin von der jeweiligen Person ab. Insofern ist es positiv, dass es das Headset zum Start mit gleichem Kern im unterschiedlichen Gewand von fünf Herstellern geben wird. Den Abstand zwischen den Linsen zu vergrößern ist nicht möglich.

Controller mit Firmware-Problemen

Ausprobiert werden konnten die Headsets an allen Ständen mit einer Demo von Microsoft. Deren Ausgangspunkt ist ein auf dem Berg gelegenes luxeriöses Anwesen, dessen Räume den Ausgangspunkt für unterschiedliche Spiele, Anwendungen oder Filme in VR bilden. Integriert sind unter anderem die Spiele Space Pirate Trainer und Superhot VR sowie ein 360-°-Ausblick aus einem Heißluftballon über Machu Picchu und der bekannte Ritt auf der Spitze eines Surfbretts aus der 360-°-Perspektive. Genutzt wurden aktuelle Insider Preview des für den 17. Oktober angekündigten Fall Creators Update.

Zahlreiche Demos im Mixed Reality Portal
Zahlreiche Demos im Mixed Reality Portal

Die Demo als solche konnte überzeugen, ihr technischer Reifegrad allerdings noch nicht. Die Ladezeiten von Erfahrung zu Erfahrung waren vergleichsweise lang und manchmal hängte sich die Software beim Laden auf. Fehlfunktionen gab es allerdings auch beim Controller

Die Controller-Treiber haken noch

Sowohl bei Lenovo als auch bei Dell am Stand kam es wiederholt zu Ausfällen der Controller. Laut Microsoft ist das ein bekanntes Problem der aktuellen Firmware respektive der Treiber, das bis zum 17. Oktober aber noch behoben wird – aktuell soll fast täglich ein neuer Softwarestand zur Verfügung stehen. Die Controller waren der letzte Baustein, den Microsoft der technischen Plattform hinzugefügt hat. Dass es sie geben wird, ist erst seit der Build 2017 im Mai bekannt. Warum Microsoft damals noch keine Controller im Betrieb gezeigt hat? Greg Sullivan antwortet mit einem Schmunzeln und in Bezug auf die aktuell noch vorherrschenden Probleme: Weil es sie damals noch gar nicht gab.

Oculus Touch ist eindeutig überlegen

Trotz ihrer durch den Lichtbogen bedingten Größe sind die Controller sehr leicht. Ihre Form und die Anordnung der Tasten erinnert an Oculus Touch (Test). Die Controller der Konkurrenz sind aber nicht nur optisch eine Ecke voraus, auch die Haptik und die Knöpfe der Controller von Microsoft kommen nicht an das Erlebnis bei Oculus oder auch HTC Vive heran. Ein Problem gab es auch beim Auffinden der Windows-Taste: Trotz Hinweis in VR konnte sie wiederholt nur nach vielen Griffen ins Leere getroffen werden. Bei der Konkurrenz sind die Tasten deutlicher vom Controller abgehoben worden.

Software mit virtuellem Käfig

Wie bei Steam VR (Chaperone) und seit Touch auch bei Oculus VR (Guardian) können Anwender auch bei Windows 10 Mixed Reality eine Begrenzung für das Spielfeld einrichten, so dass der Spieler in VR visuell gewarnt wird, wenn er dessen Rändern zu nahe kommt. Enscheiden sich Anwender dafür, Microsofts VR-Umgebung für stehende Erfahrungen einzurichten, sollte diese Fläche mindestens 1,5 mal 2,0 Meter groß sein. Wie die virtuellen Wände aussehen, konnte auf der IFA 2017 noch nicht erfahren werden, dass es die Funktion gibt, verriet allerdings ein Blick in das Setup am Stand von Dell.

Virtuelle Wände im Setup einrichten
Virtuelle Wände im Setup einrichten

Auch hier soll sich das System bei der Einrichtung an Ankerpunkten orientieren. Auf die Frage, ob der Abbau eines dafür wesentlichen Schranks im Wohnzimmer dafür sorgen würde, dass das System die korrekte Einblendung einer Mauer versagt, teilte Sullivan mit: Das System wird das bemerken und zur erneuten Einrichtung des virtuellen Käfigs auffordern.

Erster Eindruck: Gen-2-Tracking für Gen-1-PC-VR

Basierend auf den gut 45 Minuten Testzeit zur IFA ist das Inside-Out-Tracking mit sechs Freiheitsgraden der Star der ersten VR-Headsets für Windows 10 Mixed Reality. Offensichtliche Probleme mit der Positionsverfolgung des Headsets gab es auch unter widrigen Umständen nicht. Bei den Controllern müssen wiederum längere Praxiseinsätze zeigen, inwiefern deren abgespecktes Tracking außerhalb des Sichtfeldes der beiden Kameras im Headsets eine Einschränkung darstellt – oder eben auch nicht. Dasselbe gilt für einen abschließenden Vergleich des Trackings mit den Systemen von HTC Vive und Oculus Rift. Fest steht: So gut wie Touch für Oculus fassen sich die Controller von Microsoft nicht an und die Tasten sind auch mit Hinweisen in VR nicht so gut zu finden.

Scharfe Darstellung im Fernrohr

Bei der Darstellung steht hinter der Schärfe leicht abseits des perfekten Sitzes noch ein Fragezeichen, im „Sweet Spot“ ist die Darstellung auf Pixelebene hingegen mit der der Oculus Rift zu vergleichen und damit der der HTC Vive überlegen. Schlieren waren keine zu sehen, Lensflare nur in sehr dunklen Szenen. Beim Sichtfeld hat die erste Generation der Plattform von Microsoft hingegen einen Nachteil: So deutlich durch ein Fernrohr sieht man sonst nur durch Headsets für Smartphone-VR wie Daydream View von Google.

Weitere Pluspunkte für die VR-Headsets von Acer, Asus, Dell, HP und Lenovo sind das geringe Gewicht und der damit verbundene hohe Tragekomfort, der Einsatz separater Kopfhörer (mit Kabel) ist allerdings Pflicht. Und am Vier-Meter-Kabel hängen Anwender bei Microsoft weiterhin.

Technik von Heute mit dem Tracking von Morgen

Zusammengefasst werden kann der erste Eindruck der neuen Plattform damit wie folgt: Gen-2-Tracking ohne externe Helferlein trifft auf Gen-1-PC-VR mit bekannter Auflösung und leichten Nachteilen beim Sichtfeld aber dafür erhöhtem Tragekomfort.

Zum weiterhin hohen Preis von mindestens 399 Euro für die Headset-Controller-Konfiguration wird auch bei Microsoft die Frage der Software darüber entscheiden, ob Mixed Reality für Endanwender bereits Ende 2017/Anfang 2018 zum Erfolg wird: Klassische 2D-Anwendungen in 3D konnten am Stand zur IFA noch nicht ausprobiert werden und die Unterstützung für Steam VR braucht noch etwas Zeit. Hier wird erst ein umfangreicherer Test tiefere Einblicke und Erkenntnisse liefern.

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