Kindle Oasis 2 im Test: Die verbesserte E-Book-Reader-Designstudie 2/2

Michael Schäfer 41 Kommentare

Handhabung nicht jedermanns Sache

Die Handhabung des neuen Kindle könnte kontroverser nicht sein. Zunächst besticht dieser durch seine kompakte Bauweise und das geringe Gewicht – aber diese Eigenschaften sorgen gleichzeitig für seine größten Kritikpunkte.

So lässt sich der Reader lediglich am Wulst komfortabel halten. Möchte der Nutzer dabei einmal die Hand wechseln, muss das Gerät gedreht werden. Ein Halten mit beiden Händen oder das schnelle Wechseln der Hände, wie viele Leser einen Reader nutzen, ruft unweigerlich in vielen Fällen einen ungewollten Seitenwechsel hervor, da der Daumen auf der dünnen Seite oft halb auf dem Display liegt. Die geringe Dicke sorgt an dieser Stelle trotz des geringen Gewichts zudem für ein weniger stabiles Halten.

Blättertasten beim Kindle Oasis 2
Blättertasten beim Kindle Oasis 2

Dennoch hat Amazon einige kleine Fehler aus dem Test des Vorgängers behoben: So werden bei einem Drehen des Readers nicht nur die eigentlichen Leseinhalte, sondern jetzt auch die Menüs und die Blättertasten der neuen Ausrichtung angepasst.

Gute Textdarstellung mit kleinen Schwächen

Generell bietet der Oasis 2 eine von Kindle-Readern bekannte sehr gute Textdarstellung. Aufgrund der hohen Auflösung werden in den Standardeinstellungen Zeichen jedoch recht dünn dargestellt, was zwangsweise auch den Kontrast verringert. Durch eine in den Einstellungen änderbare kräftigere Darstellung lässt sich das Problem jedoch schnell beheben. Danach lassen sich Texte sehr komfortabel lesen.

Das Ghosting-Verhalten des Kindle Oasis 2 ist hingegen hervorragend: Selbst bei deaktivierter kompletter Neuausrichtung der einzelnen Pixel bei jedem Seitenwechsel sind keine Ghosting-Effekte, also das Durchscheinen vorangegangener Seiten, erkennbar. Zudem sorgt die eigene Rendering-Engine für eine sehr gleichmäßige und homogene Darstellung der einzelnen Zeichen und deren Abstände in einem Wort. Dies zeigt erneut deutlich, wie viel Entwicklungsarbeit Amazon in die Perfektion der Darstellung steckt und warum der Online-Händler hier verdient gegenüber der Konkurrenz die Nase vorn hat.

Darüber hinaus ermöglicht die Kindle-Software weitere Anpassungen: So können Nutzer aus 9 Schriftarten plus Verlagsschrift wählen und diese in 14 Größen und 5 Dicken einstellen. Die Einstellungsmöglichkeiten der Seiten bieten mit den Abständen der Zeilen und Ränder in drei Abstufungen lediglich gewohnte Kost. Hinzu kommt die Wahl der Ausrichtung als Blocksatz oder linksbündig, was jedoch vom jeweiligen Buch unterstützt werden muss.

Hinzu kommen bekannte Funktionen wie X-Ray, diverse Wörterbücher, Notizen, ein Vokabeltrainer sowie die Kindersicherung in Form von diversen einstellbaren Beschränkungen sowie Kindle FreeTime.

Inverse Darstellung kann die Lesbarkeit verbessern
Inverse Darstellung kann die Lesbarkeit verbessern

Viele Optimierungen für ein besseres Lesen

Auch die Barrierefreiheit hat Amazon beim neuen Oasis vorangetrieben: So führt das Unternehmen die bereits seit Jahren frei erhältliche Schriftart OpenDyslexic ein, welche sich vor allem an Menschen mit einer Leseschwäche richtet. Im Gegensatz zu gewohnten Schriftarten wurde diese so gestaltet, dass kein Buchstabe dem anderen gleicht – so sieht unter anderem ein „d“ nicht wie ein gespiegeltes „b“ aus. Darüber hinaus sorgt der Font für größere Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben und Zahlen.

OpenDyslexic-Font für Menschen mit Leseschwäche
OpenDyslexic-Font für Menschen mit Leseschwäche

Zudem verfügt das System über einen sogenannten VoiceView-Screenreader, welcher eine gesprochene Rückmeldung gibt, wenn eine Schaltfläche auf dem Display berührt wurde – bisher jedoch nur in englischer Sprache. Als Ausgabegerät kann dabei sowohl ein Bluetooth-Empfänger sowie der nach wie vor nicht in Deutschland erhältliche USB-Adapter verwendet werden.

Auf Wunsch lassen sich unabhängig von der gewählten Schriftgröße in den Texten wichtige Bereiche des Readers wie die Hauptseite oder diverse Einstellungen in der Darstellung vergrößern und damit ebenfalls besser lesbar darstellen.

Für Menschen, welche über eine hohe Lichtempfindlichkeit verfügen, bietet die neue Software zudem die Möglichkeit der Text-Invertierung, bei welcher weiße Buchstaben auf schwarzem Hintergrund dargestellt werden.

Audible-Integration und Bluetooth

Neben dem Wasserschutz stellt die Einbindung des Hörbuch-Dienstes Audible von Amazon die größte Neuerung beim Oasis 2 dar. Ein Bluetooth-Modul wird seitens des Online-Händlers zwar schon im aktuellen Einsteiger-Reader Kindle verbaut, dort dient das System jedoch lediglich für die Vorlesefunktion der E-Books.

Leichte Bluetooth-Kopplung zur Nutzung der Audible-Integration
Leichte Bluetooth-Kopplung zur Nutzung der Audible-Integration

Da der Oasis 2 keinen integrierten Lautsprecher oder Kopfhörerausgang besitzt, erfolgt die Tonausgabe ausschließlich über ein angeschlossenes Bluetooth-Gerät. Die Verbindung gestaltet sich einfach, auch wenn Amazon die jeweiligen Einstellungen zur Auswahl nicht so tief in den Geräte-Einstellungen hätte verstecken müssen.

Auch in den Audioformaten eingeschränkt

Audible-Dateien besitzen gegenüber den unterstützten Formaten anderer Anbieter oder selbst umgewandelten CDs einen deutlichen Nachteil: sie sind sehr groß. Bei ungekürzten Hörbüchern mit nicht selten 24 Stunden oder mehr Laufzeit kann die Datei eine Größe von zwei Gigabyte umfassen. Interessenten sollten sich daher vor der Anschaffung des Oasis überlegen, ob sie die Hörbuchfunktion oft nutzen werden und deswegen lieber zur Variante mit 32 Gigabyte Speicher greifen sollten, auch wenn Amazon im kleineren Modell den Speicher auf 8 Gigabyte verdoppelt hat. Der größere Speichervorrat schlägt aber dann mit rund 260 Euro statt 230 Euro zu Buche. Die Übertragung der Hörbücher ist nur per WLAN-Verbindung möglich, das Laden per Mobilfunkanbindung ist nicht möglich.

MP3-Dateien oder andere Formate spielt das System nicht ab, Nutzer sind somit vollkommen an Audible gebunden. Es scheint, als wolle der Online-Händler Nutzer dadurch mehr für sein Hörbuch-Abonnement gewinnen. Es könnten aber auch erste Anzeichen für die seit Langem geplante Audible-Flatrate sein.

Übergang zwischen E- und Audio-Book funktioniert nicht immer

Der Audible-Player verfügt lediglich über wenige Funktionen. Kapitelsprung, Spulen, Lautstärke, Kapitelwahl und Veränderung der Abspielgeschwindigkeit bei gleicher Tonhöhe – mehr steht dem Nutzer nicht zur Verfügung.

Wechsel von E- zu Audio-Book nicht immer zuverlässig
Wechsel von E- zu Audio-Book nicht immer zuverlässig
Kindle Oasis 2 im Test
Kindle Oasis 2 im Test

Letzteres kann in verschiedenen Abstufungen Hörbücher bis zu einer dreifachen und zur halben Geschwindigkeit abspielen. Dies kann nützlich sein, um Hörbücher in kürzerer Zeit hören zu können. Aber bereits bei einer geringfügigen Steigerung gehen schnell sämtliche Betonungen und damit viel Atmosphäre verloren.

Nahtloser Übergang beim Oasis 2 noch nicht ausgereift

Ein weiteres Feature ist der nahtlose Übergang zwischen E- und Audio-Books, wie es bereits von der Kindle-App bekannt ist. Mit diesem können Bücher auf dem Oasis gelesen und anschließend nahtlos unter anderem im Auto über die Bluetooth-Schnittstelle weitergehört werden. Abends daheim kann an der Stelle weitergelesen werden, an der das Hörbuch unterbrochen wurde.

Dies ist bei den E-Books möglich, bei welchen auf dem Buchcover rechts oben in der Ecke ein kleiner Kopfhörer angezeigt wird. Dieser wird auch im Buch eingeblendet, durch Auswählen wird automatisch der Player aufgerufen. In diesen kann auf gleiche einfache Art wieder in das E-Book zur entsprechenden Stelle gewechselt werden. Ein Abspielen des Hörbuches während des Lesens, was gerade beim Erlernen von Fremdsprachen sehr hilfreich sein kann, ist dagegen nicht möglich.

Was sich auf dem Datenblatt gut liest, muss in der Realität nicht immer klappen. So konnte im Test mit „Solaris“ von Stanisław Lem kein nahtloser Übergang zwischen E-Book und Hörbuch hergestellt werden. Zwar wechselte das System wie beschrieben zwischen beiden Formaten, die jeweilige Stelle konnte sich das System jedoch nicht merken. Auch eine manuelle Synchronisation konnte das Problem nicht beheben.

Fazit

Amazon hat bei der zweiten Auflage des Kindle Oasis einige Fehler des Vorgängers behoben, dennoch besticht der Reader weitestgehend durch ein Design, welches einer komfortablen Nutzung oftmals im Wege steht. An der Fertigungsqualität gibt es nichts zu bemängeln.

Bei häufigem Handwechsel unpraktikabel

Ist der Nutzer gewohnt, des Öfteren die Hand zu wechseln, mit welcher der Reader gehalten wird, kann das Drehen schnell umständlich erscheinen. Ein einfacher Wechsel in die andere Hand ist aufgrund der geringen Dicke der Gegenseite nicht ratsam – vor allem in nasser Umgebung kann der Oasis dabei schnell aus der Hand gleiten. Durch den schmalen Rahmen wird zudem allzu oft ungewollt geblättert.

Ausgeklügelte Software

Die Verbesserungen in der Software gefallen dagegen – auch wenn diese bereits, zumindest teilweise, ebenfalls Einzug in andere Kindle-Modelle erhalten haben. Dennoch ist dieser Bereich erneut ein Beleg dafür, warum Amazon in Sachen E-Book-Reader nach wie vor die Nase immer ein Stück vor der Konkurrenz hat.

Auf der anderen Seite hängt Amazon in Sachen Technik der Konkurrenz deutlich sichtbar hinterher. Zwar wissen das auf sieben Zoll angewachsene Display und die sehr gute Darstellungsqualität zu überzeugen, aber andere Reader in der Preisklasse besitzen eine größere Anzeige und dazu einen Blaufilter. Über einen Wasserschutz verfügen diese ebenso.

Kindle Oasis 2 im Test

Hörbuchfunktion künstlich eingeschränkt

Die Audible-Integration dürfte darüber hinaus nur für Leser interessant sein, welche bereits Hörbücher bei der Amazon-Tochter bezogen haben. Dass die Wiedergabe per Bluetooth aber eben nur Audible zugänglich ist und andere Formaten wie MP3 aussperrt, hinterlässt einen negativen Beigeschmack. Auch die Wiedergabe von bei Amazon gekaufter Musik ist nicht möglich. Der vom Hersteller hervorgehobene nahtlose Übergang zwischen E-Book und Hörbuch funktionierte im Test zudem nicht.

Reader als Designstudie

Am Ende bleibt auch bei der Neuauflage des Oasis das Gefühl, dass der Reader primär als Designstudie dient – die Käufern gefallen kann, aber nicht muss. Ist man jedoch als Käufer nicht auf das Amazon-Ökosystem festgelegt, so lohnt ein Blick zur Seite, denn auch Mitbewerber bieten in der Preisklasse interessante Modelle: So hat die Tolino-Allianz erst vor Kurzem den Epos (Test) veröffentlicht, welcher neben einem leicht größeren Display auch einen Blaulichtfilter bietet. Gleiches gilt für den bereits seit rund einem Jahr erhältlichen Aura One von Kobo – sofern dieser noch erstanden werden kann.

Amazon Kindle Oasis (8 GB)
Produktgruppe E-Book-Reader, 11.12.2017
  • Darstellung
    ++
  • Bedienung
    O
  • Verarbeitung
    +
  • gutes Display
  • gutes Ghosting-Verhalten
  • helles Display
  • Wasserschutz
  • kein Blaulichtfilter
  • kann wegen geringer Dicke unhandlich sein
  • ausschließlich Audible-Unterstützung
  • nahtloser Übergang zwischen E- und Audio-Book nicht ausgereift
  • Rückseite sehr kühl

Dieser Artikel war interessant, hilfreich oder beides? Die Redaktion freut sich über jede Unterstützung in Form deaktivierter Werbeblocker oder eines Abonnements von ComputerBase Pro. Mehr zum Thema Anzeigen auf ComputerBase.