ZeTime im Test: Vollhybride Smartwatch mit Display und echten Zeigern 2/2

Jan Lehmann 36 Kommentare

Interaktion und App

Zur Bedienung stehen dem Nutzer neben den Touch-Eingaben, die zuverlässig erkannt werden, zwei Knöpfe und eine multifunktionale Krone zur Verfügung. Mit den seitlichen Knöpfen wird das Display aktiviert und das App-Menü aufgerufen. Die Krone kann gedrückt und gedreht werden. Mit dem Drücken der Krone kann eine Nachtansicht der Uhr aufgerufen werde. Das Drehen dient dem Scrollen durch das Menü und etwaigen Benachrichtigungen. Die Krone kann auch wie bei einer herkömmlichen Uhr herausgezogen werden, doch scheint dies ohne Funktion.

Wie schon bei der Apple Watch (Test) zeigt sich jedoch auch hier eine Krux hinsichtlich der Krone. Im angelegten Zustand ist das Drehen der Krone ein wenig frickelig, zumal auch mittels Wischgesten durch das Menü navigiert werden kann. Hier bietet Samsung mit der Gear S2 (Test) und der Gear S3 (Test) sowie einer interaktiven Lünette die wesentlich bessere Alternative.

MyKronoz ZeTime Interaktionsübersicht
MyKronoz ZeTime Interaktionsübersicht

Der Aufbau der Menüstruktur ist ähnlich wie bei anderen Smartwatches. App-Menü, Benachrichtigungen, Aktivitätsübersicht und Schnellwahlfunktionen sind über die Uhrenanzeige in vier Richtungen zu erreichen.

Die Funktionen der Uhr repräsentieren den derzeitigen unteren Standard. Neben der üblichen Anzeige der Vitalwerte (Puls, Schritte, Distanz, Kalorien, Schlaf und aktive Minuten) und den dazugehörigen Übersichten können Erinnerungen eingerichtet sowie die Musikwiedergabe gesteuert werden. Hinzu kommt eine Remote-Funktion für die Smartphone-Kamera.

Weniger Funktionen für iOS-Nutzer

MyKronoz ZeTime Benachrichtungsanzeige
MyKronoz ZeTime Benachrichtungsanzeige

Erfreulich ist hingegen, dass wirklich sämtliche Benachrichtigungen, etwa auch von Spielen, vom verbundenen Smartphone von der Uhr angezeigt werden. Dies ist nicht bei allen Smartwatches der Fall, da viele nur unterstützte Benachrichtigungen weiterleiten. Praktisch ist hierbei auch, dass zur Anzeige der Benachrichtigungen beide Uhrenzeiger in eine horizontale Stellung wechseln, um diese unbeschwert lesen zu können.

Umso größer ist die Enttäuschung hinsichtlich der Interaktion auf entsprechende Benachrichtigungen. Nachrichten zeigt die Uhr zwar an, eine Beantwortung jener bleibt jedoch lediglich gekoppelten Android-Smartphones vorbehalten und auch dies nur mittels abspeicherbarer Textbausteinen und auch nur via SMS. Ein Problem, das eher den verbohrten Zugriffsberechtigungen von Apples iOS geschuldet ist.

Dennoch sind andere Smartwatches wesentlich weiter und warten beispielsweise mit einer kleinen T9-Tastatur oder gar einer Diktierfunktion auf. Gerade dies deklassiert die MyKronoz ZeTime, zumindest für iOS-Nutzer, lediglich zu einer Mitteilungszentrale am Handgelenk. Für wichtige Interaktionen und gar das schnelle Beantworten einer Nachricht sollte bei beiden Kombinationen stets zum Smartphone gegriffen werden.

Ziffernblätter zum Selbstgestalten

Lassen sich die Ziffernblätter (Watchfaces) anderer Nebenbuhler nur bedingt anpassen, trumpft die ZeTime hier mit einer äußerst simplen Idee auf. Watchfaces können komplett selbst und einfach in der Smartphone-App entworfen werden. Hierbei können vorgefertigte Hintergründe, Fotoaufnahmen oder Bilder vom Smartphone genutzt werden. Zudem können bis zu vier Widgets abgelegt und aus 32 Zahlenindexen gewählt werden. Eine schöne Funktion, die indes die Frage aufwirft, weshalb es andere Smartwatch-Hersteller nicht auch schon im Repertoire haben. Hier sind zumeist lediglich Widgets und Zeigerfarbe anpassbar.

24 vorgefertigte Ziffernblätter bietet die ZeTime. Veränderungen an diesen, beispielsweise der Wechsel von Widgets, sind nicht möglich.

Schlichte App

Die ZeTime-App ist einfach gehalten und wirkt aufgeräumt, wenn auch die Firmenwerbung für neue Modelle oder das Community-Forum auf der ersten Seite zu präsent sind. Die Hauptseite dient der Schnellübersicht aller Parameter, die durch Auswahl detailliert eingesehen werden können. Ernüchternd: Im Auslieferungszustand der Uhr waren hier lediglich Tagesauswertungen einsehbar. Mittels Update folgten nunmehr Wochen- und Monatsübersichten. Des Weiteren können die Zielparameter und Erinnerungen eingestellt werden. Zusätzliche Apps können nicht geladen werden.

MyKronoz ZeTime App-Übersicht
MyKronoz ZeTime App-Übersicht
MyKronoz ZeTime Vitalübersicht – Schritte
MyKronoz ZeTime Vitalübersicht – Schritte

Mittelmäßige Vitalwerte

Hinsichtlich der Vitalsensoren backt die ZeTime kleine Brötchen. Lediglich ein Herzfrequenz- und ein Beschleunigungssensor sind an Bord. Auch das fehlende GPS, zusätzliche Sensoren und die niedrige Wasserdichtigkeit zeigen, auf welches Segment die ZeTime abzielt – dies ist nicht Sport. Vielmehr soll die Uhr als modischer Begleiter mit Zusatzfunktionen fungieren.

Dennoch schlagen sich die beiden verbauten Sensoren souverän. Der Schrittzähler misst bei 1.000 gezählten Schritten insgesamt 1.008 Schritte. Rund ein Prozent Abweichung kann dabei der Toleranz zugeschrieben werden, da man den Arm beim Gehen nie gleich mitschwingen kann.

Bei der Herzfrequenz zeigt sich ein von anderen Smartwatches bekanntes Muster. Im Ruhezustand geben nahezu alle Uhren den exakten Puls wieder, so auch die ZeTime. Erst innerhalb einer körperlichen Belastung und der danach folgenden Abklingphase trennt sich die Spreu vom Weizen. Nur wenige Probanden erreichen hier den mittels Brustgurt bestimmten Referenzwert. Die ZeTime liegt während der Belastungsphase mit rund 1 Prozent Abweichung im Mittelfeld. Etwas ungenauer wird es während der Abklingphase, wo die Messung um rund 1,8 Prozent abweicht. Die besten Messergebnisse liefert nach wie vor die Motorola Moto 360 2nd Gen, gefolgt von der New Balance RunIQ sowie der Samsung Gear S2 und Gear S3.

Großartige Laufzeit, mit Abstrichen

Jahre nach dem Aufblühen des Smartwatch-Sektors ist die Laufzeit noch immer einer der Kernpunkte, sowohl für potenzielle Käufer als auch für den Nutzer. (Halb)hybride Ableger wie die Nokia / Withings Steel HR überstehen mehrere Wochen ohne eine Akkuladung. Herkömmliche Smartwatches müssen hingegen zumeist nach einem, spätestens einigen Tagen an die Steckdose. Einzige Ausnahme waren hier bislang die Ableger Pebble Steel und Pebble Time, die bei normaler Benutzung rund eine Woche durchhielten.

Laufzeit von 10 Tagen als große Variable

Gerade die Laufzeit der MyKronoz ZeTime überrascht im Test extrem positiv, doch lässt sie sich nur äußerst schwer mit anderen Smartwatches vergleichen. Hierzu fehlen schlichtweg andere vollhybride Kontrahenten. Gerade der Aspekt, dass sich das Display im permanenten Ruhemodus befindet, spart ungemein Energie. Andere Uhren erkennen eine Vielzahl von Handbewegungen als Interaktion und erleuchten zugleich. Die Funktion kann jedoch auch bei der ZeTime aktiviert werden. Noch entscheidender ist die Interaktion auf etwaige Benachrichtigungen, die mit iOS-Geräten stark beschnitten ist. Im Umkehrschluss wird so ebenfalls Energie gespart, da der Nutzer nicht auf Nachrichten antworten kann.

Der Hersteller nennt eine Laufzeit von etwa drei Tagen. Danach schaltet sich die Uhr in einen Energiesparmodus, bei dem sämtliche smarten Features deaktiviert werden und lediglich die analogen Zeiger weiterlaufen.

Um zumindest ein wenig Vergleichbarkeit zu erreichen, wurde die ZeTime in verschiedenen Nutzungsszenarien untersucht. Als Maximalwert glänzt die Uhr mit einer Laufzeit von rund 10 Tagen. Hierbei wurden täglich etwa 30 Benachrichtigungen angesehen, der Terminkalender verfolgt und eine stündliche Pulsmessung durchgeführt. Sofern das Display häufiger benutzt wird, sinkt die Laufzeit, wenn auch gemächlich. Werden alle täglichen Benachrichtigungen kontrolliert und in regelmäßigen Abständen die vitalen Tagesziele verfolgt, sinkt die Laufzeit auf noch immer gute sechs bis sieben Tage. Wird mit gekoppeltem Android-Smartphone zusätzlich auf einige Nachrichten geantwortet, die Display-Aktivierungsoption eingeschaltet und kommt etwa noch das Steuern der Musikwiedergabe zum Einsatz, sinkt die Laufzeit auf drei bis vier Tage.

Kontaktlos, aber mit Tücken

Die Ladung der ZeTime erfolgt kontaktlos, was zwar im Smartwatch-Segment nichts Neues ist, jedoch sieht die ZeTime-Ladestation von allen bisher in Augenschein genommenen am elegantesten aus. Zur Ladung wird die Uhr, unabhängig von der Richtung, einfach mit der Unterseite in die Ladeschale gelegt. Zugleich zeigt sich genau hier ein Fauxpas. Bei Modellen mit offenem Armband ist das Ablegen leicht möglich. Bei geschlossenen Armbändern wie dem im Test vorliegenden Milaneseband blockiert dies jedoch die Uhrenunterseite. Ein Problem, das jedoch nicht der Uhr selbst zuzuschreiben ist.

MyKronoz ZeTime Ladeschale
MyKronoz ZeTime Ladeschale
MyKronoz ZeTime Ladeschale
MyKronoz ZeTime Ladeschale

Fazit

Ist die vollhybride Bauweise fortan das neue Kredo des Smartwatch-Segments? Nein, doch ergänzt sie es überaus gut. Die kombinierte Bauweise aus Display und Zeigern festigt die Stellung der digitalen Begleiter. Zudem könnten weitere klassische Uhrenmarken dem Ruf zur Smartwatch folgen und die Erkundung weiterer Arten vorantreiben, sodass als nächster Schritt beispielsweise ein Handaufzugs- oder Automatikuhrwerk gepaart mit Display und smarten Funktionen denkbar wäre. Einen, wenn auch subjektiv betrachtet, positiven Punkt kann die hybride Bauweise indes allemal für sich verbuchen: das Design. Auch wenn das Display dahinter in Schwarz liegt, wirkt eine Smartwatch mit analogen Zeigern wesentlich stimmiger als ein verstummtes Display einer herkömmlichen Smartwatch.

Der Anfang ist gemacht, nun muss die ZeTime dranbleiben

Die MyKronoz ZeTime überrascht und enttäuscht zu gleichen Teilen. Als erste Smartwatch des Herstellers hat sie nahezu keine Kinderkrankheiten. Sie ist ausgezeichnet verarbeitet und bietet ein durchdachtes Betriebssystem, das insbesondere mit der Möglichkeit der Ziffernblattgestaltung Freude bereitet. Ungeachtet nur durchschnittlicher Vitalergebnisse, überraschen vor allem die Laufzeiten der Uhr.

Unerfreulich ist die mit rund 13 mm wuchtige Höhe der Uhr und auch das sonst grobe Erscheinungsbild am Arm, das eher von markanten Chronografen oder Fliegeruhren bekannt ist und gefallen muss. Am stärksten wird das Gesamtbild der Uhr jedoch hinsichtlich der Interaktionsmöglichkeit getrübt. Ein eigenentwickeltes Betriebssystem, das zwar Android- und iOS-Geräte unterstützt, jedoch beide im Funktionsumfang stark ausgrenzt, schränkt zu sehr ein – was nicht nur den vorgegebenen Einschränkungen von Apple zugeschrieben werden kann. Zumindest bei Android-Geräten sollten neben SMS-Antworten auch gängige Dienste unterstützt werden und dies umfangreicher als mit kleinen Textbausteinen.

Gerade hier muss der Hersteller Hand anlegen, damit er sich am Markt behaupten kann. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass es fraglich ist, wie lange das Alleinstellungsmerkmal der vollhybriden Bauweise als solches bestehen bleibt, bevor andere Hersteller mit ähnlichen oder abgewandelten Konzepten in Serie gehen.

Preis

Die MyKronoz ZeTime ist bereits verfügbar. In der Standardvariante mit Silikonarmband werden rund 200 Euro fällig. Der Aufpreis für die ZeTime Premium mit Leder- oder Stoffarmband beträgt humane 30 Euro. Die ZeTime Elite mit Glieder- oder Milaneseband kostet rund 250 Euro.

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