Xiaomi Amazfit Bip: 70-Euro-Smartwatch mit GPS, aber trägem Pulsmesser

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Jan Wichmann
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Schlichtes System und gute App

Beim Betriebssystem setzt die Xiaomi Amazfit Bip auf eine Eigenentwicklung. Auch hier zieht sich das schlichte Bild fort. Ausgehend vom Ziffernblatt kann der Nutzer mit einem Wisch nach unten die Akkuladung sehen und einen „Nicht-stören-Modus“ aktivieren.

Ein Wisch nach oben führt zur Benachrichtigungsübersicht. Neben sämtlichen App-Benachrichtigungen werden auch Systemmeldungen ausgegeben. Als Ankündigung dient eine Vibration. Das Beantworten von eingehenden Mitteilungen ist jedoch nicht möglich. Rechts vom Ziffernblatt befindet sich das Menü. Mit einfachen Symbolen gibt es hier die Auswahl zwischen Status, Aktivität, Wetter, Alarm, Timer, Kompass und Einstellung.

Im Bereich „Status“ werden dabei die aktuellen Vitalparameter angezeigt. Als Aktivitäten stehen Laufen, Laufband, Radfahren und Spazieren zur Wahl. Mit Ausnahme des Laufbandtrainings werden während der übrigen Sportarten automatisch der Ortungsdienst sowie das Barometer zugeschaltet. Während der Ertüchtigung wechselt die Anzeige zu einem Sportmodus, der über die verstrichene Zeit, die Minuten pro Kilometer, die zurückgelegten Kilometer und die Herzfrequenz informiert. Auf einer weiteren Seite werden Schritte, Schrittweite, Höhenmeter sowie auf- beziehungsweise abgestiegene Höhenmeter angezeigt.

Bei den Einstellungen können das Ziffernblatt (zehn verschiedene Designs), die Display-Helligkeit und die Schnellwahltaste eingestellt werden.

Umfangreiche und verständliche App

Die Mi-Fit-App von Xiaomi überrascht positiv. Sie ist leicht aufgebaut und anders als das Uhrensystem sogar in Deutsch verfügbar. Die Hauptansicht gibt Auskunft über die Schritte, den Schlaf, die letzte Aktivität und den Herzfrequenzverlauf des Tages. Zu jedem Parameter bietet die App indes auch detaillierte Tages-, Wochen- und Monatsansichten. Die verbrannten Kalorien in der App beziehen sich nicht auf tägliche Verbrennung, sondern geben lediglich den errechneten Wert aus den Bewegungseinheiten wieder.

Die Trainingsübersicht bietet eine äußerst umfassende Analyse der letzten Aktivitäten. Auf einer Karte kann der GPS-Streckenverlauf verfolgt werden. Die Genauigkeit ist hier grob betrachtet sehr gut. Einzig beim Startpunkt patzt die Amazfit Bip. Bei jeder Aktivität springt der Startpunkt und zeigt so zu Beginn des Trainings wirre Liniensprünge.

Mi-Fit-App: Trainingsanalyse
Mi-Fit-App: Trainingsanalyse
Mi-Fit-App: Schwankender Startpunkt
Mi-Fit-App: Schwankender Startpunkt

Dessen ungeachtet ist die Auswertung äußerst aufschlussreich. Die Farbe des Streckenverlaufs zeigt zugleich die Geschwindigkeit des Trainings an. In Details sind darüber hinaus neben den allgemeinen Parametern auch Zusätze wie etwa die Schrittfrequenz pro Minute ersichtlich. Die Werte Geschwindigkeit, Herzfrequenz und Höhenmeter werden zudem nochmals gesondert in Diagrammen verdeutlicht.

Sensoren flop, Laufzeit top

Bei der Sensorgenauigkeit müssen Träger der Xiaomi Amazfit Bip nicht nur Kompromisse, sondern sogar herbe Makel in Kauf nehmen. Werden die Schritte mit 1.011 zu 1.000 gezählten Schritten noch halbwegs vernünftig ausgegeben, zeigt sich gerade beim Sport eine ungenaue und zumeist langsame Herzfrequenzmessung.

Diagramme
Schrittzähler
  • Zielvorgabe 1.000 Schritte:
    • Skagen Falster
      1.047
    • K88H Smart
      1.017
    • Asus ZenWatch 3
      1.017
    • Samsung Gear S3 classic
      1.013
    • Xiaomi Amazfit Bip
      1.011
    • X10
      1.009
    • MyKronoz ZeTime
      1.008
    • Withings Steel HR
      1.007
    • New Balance RunIQ
      1.004
    • Garmin Vívomove HR
      1.003
    • Samsung Gear Fit2
      1.001
    • Apple Watch Series 2
      1.001
    • Referenz 1.000 Schritte
      1.000
    • Mobvoi TicWatch Pro
      1.000
    • Fitbit Versa
      999
    • Nike FuelBand SE
      957
    • Runtastic Moment
      928
    • Withings Activité Pop
      876
    • Runtastic Orbit
      738
Einheit: Punkte

Der Herzfrequenzsensor ist zu träge und verfälscht dadurch sämtliche Messwerte. Dabei wurde die Uhr während drei Szenarien mit dem Brustgurt (Polar H7) verglichen. Gibt die Amazfit Bip den Ruhepuls noch exakt wieder, zeigen sich sowohl beim Sport als auch danach absolut untragbare Pulswerte.

Inmitten der Aktivität verweilt die Uhr, trotz kontinuierlicher Messung, zu lange in den niedrigen Pulsregionen der Ruhephase. Am auffälligsten zeigte sich dies während einer Belastungsspitze, in der der reale Puls bei 123 lag, die Amazfit jedoch nur einen Wert von 90 ausgab. Das gleiche träge Phänomen wiederholt sich nach dem Sport. Während sich der Puls mit einem realen Wert von 97 langsam erholte, schwankte die Uhr zwischen Werten ume 88 bis 90 Schlägen. Gerade die Sportmessung zählt somit zu den schlimmsten Ergebnissen der Smartwatch-Testreihe.

Hier zeigt sich, dass die Herzfrequenzmessung für sportliche Aktivitäten nicht nur genau, sondern auch in Echtzeit erfolgen muss. Es nützt dem Träger nichts, wenn die Pulsanzeige während einer Belastung sekundenlang im Ruhemodus verweilt und beispielsweise erst bei einer Bergabfahrt (verzögert) ansteigt.

Die Laufzeit ist rekordverdächtig

Xiaomi gibt die Laufzeit im Standby mit bis zu 45 Tagen an. Ein nichtssagender (Standby)-Wert und doch kann die Amazfit Bip hinsichtlich der Laufzeit mit einem Rekord aufwarten. Im Alltagsgeschehen hält die Uhr fast 18 Tage durch, ehe sie wieder in die Ladeschale muss.

Xiaomi Amazfit Bip im Test: Ladedock

Dabei wurden sämtliche Benachrichtigungen gesichtet und täglich etwa eine halbe bis Dreiviertelstunde der Aktivitätsmodus mitsamt GPS für Spaziergänge und Joggingtrips genutzt. Die Display-Hintergrundbeleuchtung war stets auf der mittleren Stufe. Ein Wert, der seinesgleichen sucht und zugleich die ehemaligen Spitzenreiter Fitbit Versa (Test), Pebble Steel (Test) und Pebble Time (Test) bei weitem in den Schatten stellt.

Laufzeiten
    • Xiaomi Amazfit Bip
      424,0
    • Fitbit Versa
      127,0
      ohne „Always-on“
    • Pebble Steel
      116,0
      E-Paper-Display
    • Pebble Time
      107,0
      Color-E-Paper-Display
    • Mobvoi TicWatch Pro
      60,0
      Dual-Layer, manuelle HR
    • Samsung Gear S3 classic
      58,0
      ohne „Always-on“
    • Sony Smartwatch 3
      48,0
    • LG G Watch R
      46,0
    • Asus ZenWatch 3
      45,0
      „Always-on“ deaktiviert
    • Asus ZenWatch
      38,0
    • New Balance RunIQ
      38,0
    • LG G Watch
      36,0
    • Samsung Gear Fit2
      34,0
    • Huawei Watch
      33,0
    • Motorola Moto 360 2nd Gen 42 mm
      31,0
    • Samsung Gear Live
      28,0
    • Skagen Falster
      28,0
    • Motorola Moto 360
      26,0
    • Samsung Gear S2
      25,0
    • Apple Watch Sport 38 mm
      23,0
    • K88H Smart
      21,0
    • X10
      21,0
Einheit: Stunden

So schlicht wie die Uhr fällt auch das Ladedock aus. Zudem ist es mit einer Kerbe für den seitlichen Knopf sowie dem unteren Durchführen des Armbands etwas umständlich gelöst und muss indes mit etwas Kraft in die Vorrichtung gedrückt werden. Ein vollständiger Ladevorgang nimmt etwa zweieinhalb Stunden in Anspruch.

Fazit

Die Xiaomi Amazfit Bip hätte mitsamt internem GPS, einem sehr gut lesbaren Display und der grandiosen Laufzeit das Potential zum Smartwatch-Geheimtipp. Insbesondere unter Beachtung des Preises von gerade mal rund 67 Euro.

Wären die kleineren Kompromisse wie etwa die englische Systemsprache oder die gelegentlichen Ruckler beim Scrollen durch das Menü noch halbwegs hinnehmbar, verspielt die Smartwatch ihre Punkte allerdings gegenüber einer großen Zielgruppe mit der überaus trägen Herzfrequenzmessung. Könnte man einige Makel mit einem Verweis auf das Preis-Leistungs-Verhältnis abtun, sind es in Summe zu viele kleine Kompromisse und Patzer.

Wer hingegen lediglich auf der Suche nach einer ausdauernden Smartwatch mit ausreichendem Schrittzähler und GPS ist, dem ist die Amazfit Bip wärmstens zu empfehlen.

ComputerBase hat die Xiaomi Amazfit Bip leihweise vom Onlineshop TradingShenzhen zum Testen erhalten. Eine Einflussnahme des Herstellers auf den Testbericht fand nicht statt, eine Verpflichtung zur Veröffentlichung bestand nicht. Es gab kein NDA.

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