Treyarch & Crunch: Zweiklassen-Kultur bei Call-of-Duty-Entwicklern

Max Doll 203 Kommentare
Treyarch & Crunch: Zweiklassen-Kultur bei Call-of-Duty-Entwicklern

Beim Entwicklerstudio Treyarch werden wie bei zahlreichen anderen Branchengrößen Mitarbeitern Überstunden im Übermaß abverlangt, Leiharbeiter zudem schlecht behandelt. Besonders betroffen sein soll von dieser Zwei-Klassen-Gesellschaft die Abteilung für Qualitätssicherung, die Fehler in Spiel und neuen Updates sucht.

Diese Situation bringt ein umfangreicher Bericht von Kotaku ans Licht, der auf Gesprächen mit elf teils ehemaligen Mitarbeitern des Studios beruht. Verursacht werden die unüblich langen Arbeitszeiten durch feste Erscheinungstermine der Spiele, Fehlentwicklungen und Designänderungen. Das letzte Jahr vor Erscheinen des aktuellen Call of Duty, Black Ops 4, sei von „unbefristeten Crunch“ geprägt worden, weil Treyarch erst Anfang 2018 die Arbeiten an einer Kampagne eingestellt habe und die fehlenden Inhalte durch einen neuen Battle-Royale-Modus kompensieren wollte. Arbeiten daran hätten die Entwickler erst neun Monate vor der Veröffentlichung begonnen.

Freiwillige verpflichtende Mehrarbeit

Theoretisch seien die Überstunden nicht verpflichtend gewesen, schreibt die Seite, es sei jedoch deutlich gemacht worden, dass sie erwartet würden. Arbeitszeiten hätten 64 Stunden pro Woche erreicht, einige Gesprächspartner berichten auch von 70 Wochenstunden. Betroffen waren indes nicht alle Abteilungen gleichermaßen. Besonders viel und ohne längere Vorankündigung arbeiten muss vor allem die Qualitätssicherung. Die Belastung endete allerdings auch mit Erscheinen des Spiels nicht, da die Veröffentlichung von Updates und neuen Inhalten wie bei anderen Live-Service-Angeboten zügig erfolgen muss.

Diese Abteilung setzt sich bei Treyarch aus Leiharbeitern und Auftragnehmern zusammen, die besonders günstig zu beeinflussen ist: Gezahlt wird für diese Tätigkeit ein Stundenlohn von 13 US-Dollar, der nur knapp über dem Mindestlohn liegt. Da die Lebenshaltungskosten in Los Angeles hoch sind und Überstunden besser vergütet werden, entstehen starke Anreize zur Selbstausbeutung – sie seien der einzige Weg, dort zu leben. Treyarch präsentiere die Mehrarbeit zudem aus diesen Gründen als eine Art Geschenk, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter der Seite. Boni erhalten Leiharbeiter allerdings nicht, sie profitieren nicht vom enormen, durch den stetigen Ausbau von Mikrotransaktionen getragenen finanziellen Erfolg der Serie, der mit Black Ops 4 eine neue Höchstmarke erreicht hat.

Mitarbeiter zweiter Klasse

Leiharbeiter werden bei Treyarch allerdings auch auf andere Arten schlechter behandelt. Sie sitzen auf einer separaten Etage, dürfen lediglich weiter entfernte Parkplätze nutzen, arbeiten in überbelegten Büros und sollen im Falle von Testern nicht mit Entwicklern sprechen. Die Kommunikationssperre hat Gründe unter anderem in der Kanalisierung und Strukturierung der Informationsflüsse, aber auch in Angst vor dem Durchsickern von Informationen. Bei den Angestellten erzeugt sie allerdings das Gefühl, schlecht behandelt zu werden, die Mitarbeiter der Qualitätssicherung hätten zudem ein negatives Image.

Darüber hinaus hätte Treyarch lange Zeit die Klimaanlage während der Nachtschichten im Sommer abgeschaltet, was aufgrund der hohen Anzahl elektronischer Geräte zu unerträglichen Temperaturen führte, und die Leiharbeiter von Meetings, internen Umfragen etwa zur Zufriedenheit und Arbeitsbedingungen sowie von der Teilnahme an internen Events ausgeschlossen. Auch kostenlose Mahlzeiten gebe es nur für Festangestellte, Leiharbeiter dürften „manchmal“ teils noch das essen, was zurückbleibe. Bezahlten Urlaub erhält diese Gruppe zudem nur noch sechs Tage im Jahr, wobei diese nur dann in Anspruch genommen werden können, wenn in den 13 Wochen zuvor weder Fehl- und Krankheitssage noch die Mindestarbeitszeit unterschritten worden sei. Effektiv, schreibt Kotaku, sei die Anzahl bezahlter Urlaubstage damit erheblich reduziert worden.

Offizielle Reaktion bleibt vage

In einer Stellungnahme ging Publisher Activision auf die konkreten Vorwürfe nicht ein. In allgemeinen Formulierungen wurden die Bedeutung der Arbeitsumgebung, die Behandlung der Angestellten und ihre Leistungen hervorgehoben. In einer durchgesickerten, internen Mail kündigte Treyarch Verbesserungen der Work-Life-Balance an und rief Mitarbeiter zudem dazu auf, bei Problemen offen mit dem zuständigen Vorgesetzten oder, sollte dies nicht möglich sein, direkt mit der Leitung des Studios Kontakt aufzunehmen. Niemand solle das Gefühl haben, dass der einzige Weg derjenige an die Öffentlichkeit sei.