2/3 The Wolf Among Us im Test : Der böse Wolf als Sheriff in Manhattan

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The Wolf Among Us auf einen Blick

Märchen modern

Unter pinkem Neonlicht von Bars und Rotlichtvierteln macht Telltale erneut keinerlei Anstalten, eine heile Welt zu zeigen. Kaum eine Figur kann sich an den Tapetenwechsel gewöhnen, glücklich scheint niemand zu sein. Die markante, bisweilen harmlos anmutende Cel-shading-Grafik kann nicht verbergen, dass ein knallharter Krimi mit expliziter Gewaltdarstellung präsentiert wird, der mit dem abgetrennten Kopf einer Hure beginnt und in die Abgründe menschlicher sowie fabeliger Existenz führt.

Nichts für Kinder: Explizite Anwendung von Gewalt
Nichts für Kinder: Explizite Anwendung von Gewalt

Märchenfiguren in einer Metropole? Die Fables haben sich in Manhattan nach dem Exodus aus „dem Heimatland“ in einer Enklave niedergelassen, verwaltet von Schneewittchen. Statt Happy End steht Film noir auf dem Programm. Das Märchenland weicht dem Vorhof der Hölle in einem besseren Ghetto voll Alkohol, Drogen, Prostitution und Trostlosigkeit. Schließlich müssen besonders groteske Figuren ihre Figur mit teuren Illusionszaubern verstecken, um nicht auf „die Farm“ abgeschoben zu werden.

Diese spezielle Konstellation bringt nicht nur die nötige Spannung ins Spiel, sondern hinterfragt die Märchen(figuren), von der „Milieustudie“ einer doppelt fremdartigen Parallelgesellschaft der Ausgestoßenen und Unmenschlichen mit all ihrer Härte und Verletzlichkeit einmal abgesehen. Eine Moral von der Geschichte bleibt so erhalten, auch wenn sie nicht märchenhaft plakativ hervorgebracht wird. Dies mit allen Mitteln von Film und Spiel hervorzuheben und einen stets kritischen Unterton einfließen zu lassen, spricht für die erzählerischen Qualitäten von Telltale.

Böser Wolf

Und dann: Ein Mordfall in diesem von anderer Beschaffungskriminalität geprägten Milieu der Hoffnungslosen. Der abgetrennte Kopf auf der Türschwelle gibt den Startschuss zu einem klassisch konzipierten Krimi, in der ein ungewöhnlicher Fall rasch auf deutlich teuflischere Pläne weist. Ob sich der Wolf als Ermittler eignet, steht dabei ebenso in der Schwebe wie der Schuldige: Dessen Charakterzeichnung bleibt die des Privatermittlers abgeleitet von Wildwest-Methoden mit einem eigenen Verständnis von Recht und Gesetz, wie alle gezeigten Personen inklusive der dargestellten Welt ein angenehmer Verschnitt aus Bekanntem und völlig Fremdem.

Das Spiel beginnt keinesfalls völlig kopflos
Das Spiel beginnt keinesfalls völlig kopflos

Dass diese nicht nur mit den Erwartungen ihrer Vorgesetzten, sondern auch mit den verinnerlichten Werten der Spieler in einem gewissen Spannungsverhältnis stehen, prägt das Spiel. Die Entwicklung von Bigby legt Telltale in die Hände des Nutzers: Einerseits will der Wolf sich in die Gemeinschaft einfügen, die er früher terrorisiert hat, andererseits einen Fall aufklären. Oftmals drehen sich Entscheidungen um richtig und falsch in praktischer Anwendung, was ständig die Frage hervorbringt, ob das Gesetz gesetzt sein muss, oder das Ergebnis nicht doch die Mittel rechtfertigt. Das mag nicht spektakulär innovativ sein, hat aber eine durchaus aktuelle Dimension und wird speziell durch die emotionale Einbindung des Spielers packend umgesetzt.

Die Charaktere sind fabelhaft
Die Charaktere sind fabelhaft

Dabei weckt Telltale geschickt Emotionen: Rational auch dem ekligsten Stück Abschaum gegenüberzustehen, erfordert eine Selbstbeherrschung. Hier spiegelt sich der innere Konflikt Bigbys in angemessener Weise. Diese Verschränkung verstärkt sich geschickt, wird doch der Mordfall mit zunehmender Bindung von Spieler und Protagonisten für diesen eine zunehmend persönlichere Angelegenheit. Ähnlich fabelhaft sind gleichsam die übrigen Charaktere gelungen, eine Mischung aus Bekanntem und sagenhaft Verfremdetem, das oftmals unerwartet zu überraschen weiß.

Wie von Telltale gewohnt, haben Entscheidungen zwar keine echten Auswirkungen, die Illusion von Konsequenzen gelingt aber hervorragend; der Fortgang der Handlung erweckt stets den Eindruck, gerade das Ergebnis der gewählten Handlungen zu sein. Und weil die Charaktere mitsamt ihrer großartigen Dialoge trotz ihrer Fehler mittelfristig ans Herz wachsen, müht sich der Spieler ihnen nach Möglichkeit zu helfen, stolpert sich nicht wissend nach bestem Gewissen durch den zunehmend mysteriöseren Fall – hoffend, das Richtige zu tun. Punktgenau getroffene Dialoge, Kameraperspektiven mit starker Bildsprache, (englische) Sprecher: All das ist bis Ende durchpoliert. Selbst der Schluss überzeugt ohne Vorbehalte. Nach einer emotionalen Reise setzt das Finale gerade durch die distanziert-kühle Nachdenklichkeit ein Ausrufezeichen unter die Geschichte.

Die düstere Welt schafft eine bedrückende Atmosphäre
Die düstere Welt schafft eine bedrückende Atmosphäre

Rätsel? Handlung!

Dass Telltale gelegentlich der Mut zu etwas mehr Experiment fehlt und die letzte Episode zumindest an einer Stelle am Kitsch entlangschrammen muss, ändert am überaus runden Gesamteindruck nichts. Die auf halbem Wege gesponnenen Handlungsfäden werden schließlich, wider Erwarten, erfolgreich zusammengeführt und, unter Einsatz des Magie-Jokers, zufriedenstellend aufgelöst.

Das zeigt auch, wie sehr das Episodenformat für dieses Genre spürbar an seine Grenze stößt: Die Splittung geht bereits nach der dritten Folge nicht mehr auf, sie hemmt den Fortgang des Ganzen erheblich. Spätestens die letzten beiden Veröffentlichungen sind konzeptionell im Prinzip als Einheit zu betrachten: Folge 4 baut lediglich das große Finale auf, einen geschlossenen Handlungsbogen mit befriedigendem Zwischenstand gibt es nicht mehr. Die zeitverzögerte Veröffentlichung reißt gleichzeitig trotz Rückblicken aus der Geschichte, ist erzählerisch also alles andere als ideal.

Die Pluspunkte im Bereich der Geschichte und Erzählung gehören zu den Stärken des Telltale-Rezepts, sind aber gleichzeitig seine dringend nötige Säule. The Wolf Among Us konkurriert eher mit Heavy Rain oder Beyond: Two Souls, als mit echten Adventures wie Deponia. Automatischer Ortswechsel, hervorgehobene Interaktionspunkte, die es zumeist vollständig abzugrasen gilt, und die Abwesenheit von (Kombinations-)Rätseln halten den Anspruch gering, im Gegenzug den Spielfluss aber in steter Bewegung – Telltale bevorzugt klar den erzählerischen Aspekt des Genres. Neu hinzugekommen sind immerhin an wenigen Stellen Entscheidungsmöglichkeiten über die Reihenfolge der nächsten Schauplätze oder optionale Interaktionsstellen. Auch weil das Genre zur Kategorie „Sofaspiel“ gehört, empfiehlt sich dabei ein Gamepad zur optimalen Steuerung. Tastatur und Maus sind zwar gangbar, lassen die Trivialität des abverlangten Inputs aber weit deutlicher hervorstechen.

The Wolf Among Us
The Wolf Among Us

Das Pacing gelingt dennoch besser als noch in The Walking Dead, es gibt öfter und längere Passagen variierender Ruhe, ohne Handlungsbogen und Spannung erschlaffen zu lassen. Gefühlt treten die Actionsequenzen seltener und gezielter auf, was dem Spiel spürbar guttut – sofern, und das muss an dieser Stelle angemerkt werden, die Staffel als Ganzes betrachtet wird. Dazwischen variieren die bereits bekannten Dialogoptionen die Geschwindigkeit auf einem niedrigeren Niveau; zum Antworten hat Bigby je nach Situation nur ein paar Sekunden Zeit.

Diese schnelle Entscheidungsfolge dynamisiert die Geschichte auch hier und bindet den Spieler aktiv ein. Erst durch diese Elemente wird aus dem Film ein Spiel, darf der Nutzer mittendrin, statt nur dabei sein. Auch dieses Spiel beherrscht das Studio weiterhin ohne Zweifel.

Die Charaktere sind fabelhaft
Die Charaktere sind fabelhaft

Das von Telltale aufgesetzte DRM-System, das eine Online-Verbindung voraussetzt und in unserem Fall den Start des Spiels vermutlich aufgrund überlasteter Server teils um Minuten verzögert hat, gehört dringend optimiert. Im für Entwickler lukrativeren Direktvertrieb sollte Kunden mehr erwarten als Querelen und Online-Zwang, insbesondere von Indie-Studios.

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