Kommentar : Windows 10 ist ein weiteres Argument für Linux

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Ferdinand Thommes

Seit dem Weggang des unsäglichen Steve Ballmer, dessen unvergessene Tiraden vom kommunistischen Krebsgeschwür Linux mir manch fröhliche Stunde bereitet haben, bis hin zur „Microsoft loves Linux“-Plattitüde des neuen CEO Satya Nadella hat sich Microsoft gewandelt. Sympathischer ist mir der Konzern nicht geworden, denn aus der Sicht eines Linux-Anwenders ist vieles noch schlimmer geworden.

Die im Bereich Cloud und Container zu beobachtende Hinwendung zu Linux und Open Source ist vom Markt diktiert, aus der Erkenntnis, dass es klug ist, alte Feindschaften zu begraben und sich zu öffnen, einen Slogan wie „Microsoft loves Linux“ zu machen, steht in einer langen Reihe von Entwicklungen, mit denen Microsoft seit Anbeginn der Konzerngeschichte versucht hat zu umarmen und zu assimilieren, was man nicht besiegen kann. Nadella ist dabei klug genug zu wissen, wo er seine Wetten platzieren muss und hat offensichtlich die Zustimmung der Aktionäre.

Ich traue Microsoft nicht

Windows 10 funktioniert, abgesehen von kleinen Bugs und Ungereimtheiten, ganz ordentlich. Trotzdem gibt es einige gewichtige Gründe, aus denen heraus ich es nie anwenden würde. Diese hängen alle mit der Tatsache zusammen, dass ich Microsoft nicht traue. Ich traue Microsoft sogar weniger als Google und da reicht das Vertrauen schon nicht sehr weit.

Das fehlende Vertrauen wird durch Lesen in der EULA nicht besser, im Gegenteil:

...Finally, we access, disclose and preserve personal data, including your content (such as the content of your emails, other private communications or files in private folders), when we have a good faith belief that doing so is neccessary...

Automatische Updates? Nein danke

Mit Windows 10 verteilt Microsoft bei den für Heim- und SOHO-Anwender ausgelegten Versionen Updates künftig automatisch, ohne dass der Anwender viel dagegen tun kann. Bei der Home-Edition kann er nichts tun, bei der Pro-Version gibt es die Möglichkeit, den Zeitpunkt der Updates hinauszuzögern. Verhindern kann man ein Update derzeit nicht. Dieses Updateverhalten gilt auch für Aktualisierungen von Gerätetreibern. Dem kann der Anwender zumindest teilweise Einhalt gebieten. Das dies dringend nötig ist, zeigt der Upload des kaputten Nvidia-Treibers vor ein paar Tagen.

Microsoft loves Linux
Microsoft loves Linux

Schaue ich auf die Menge an Updates, die gerade in letzter Zeit kaputt ausgeliefert wurden, so frage ich mich unwillkürlich, warum Microsoft die Situation mit Zwangsupdates offensichtlich noch verschärft. Selbst bei einem kostenlosen Betriebssystem sollte der mündige Anwender eine Möglichkeit haben, selbst zu bestimmen, wie sicher und aktuell er unterwegs sein will. Wenn man in Redmond allerdings um die vielen verpatzten Updates der Vergangenheit weiß und auch weiß, dass sich Anwender nicht gerne entmündigen lassen, können die angegebenen Gründe wie die erhöhte Sicherheit eigentlich nicht der einzige wahre Hintergrund der Entscheidung sein.

Michael S. Rogers, Direktor der NSA, würde ein Gleichstand aller Systeme ebenfalls in die Karte spielen. Erst im April 2015 hatte Rogers erneut vehement einen direkten Zugang zu den Systemen gefordert. In der Vergangenheit wurde eine derartige Kooperation mit Microsoft bestätigt. Aktuell sprechen sich alle Unternehmen öffentlich zwar dagegen aus, US-Präsident Obama hält aber an der Politik der Hintertüren fest.

Privatsphäre ade

Durch die Gleichschaltung mit mobilen Betriebssystemen geht auch die Veröffentlichung von Windows 10 mit einem weiteren Verlust an Privatsphäre einher. Microsoft möchte alles von mir wissen und ich muss mich selbst darum kümmern, wie ich das verhindere. Die Einstellungen, wo es um den Schutz meiner privaten Daten geht, sind alle als „opt out“ angelegt. Ich muss sie finden und zurücksetzen. Zumindest die äußerst neugierige digitale Sekretärin namens Cortana, die als weiterer „Zugewinn“ aus dem Mobilbereich gilt, muss erst aufgeweckt und mit Rechten ausgestattet werden.

Diese Verschlimmbesserungen lassen jedem Linux-Anwender die Haare zu Berge stehen. Ja, auch bei Linux gibt es Auswüchse. Aber wenn Canonical uns eine Shopping-Linse mit Amazon-Anbindung aufs Auge drückt, dann richtet sich die Geschwindigkeit, mit der Mark Shuttleworth das Feature entschärft, nur nach der Lautstärke des Aufschreis aus der Anwendergemeinde. Microsoft können wir nur über den Geldbeutel abstrafen. Da ist es doch günstig, dass die meisten Nutzer Windows 10 umsonst erhalten.

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