Kommentar : Mit der Xeon-Sperre gegen treue Kunden

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Volker Rißka

Was vier Jahre lang möglich war, gehört nun der Vergangenheit an: Intel sperrt den Xeon für Desktop-PCs, der Shitstorm ist vorprogrammiert. Denn am Ende trifft es die treueste Klientel, die Intel bereits Jahrzehnte lang bedient und die Milliarden einbringt: Die Desktop-Kundschaft.

Bereits 2011 mit Sandy Bridge eingeführt, avancierte die Xeon-E3-Familie spätestens mit Ivy Bridge im Jahr 2012 zu einem Geheimtipp für den ganz normalen heimischen PC: Die BIOS-Unterstützung war überall breit verfügbar, zudem gab es Modelle, die in der Core-Familie nicht verfügbar waren. Spätestens mit der Haswell-Architektur und der dritten Generation brachen dann alle Dämme, Xeon E3-1230 v3 und E3-1231 v3 wurden zu Bestsellern, der ehemalige Insider-Tipp war ein riesiges, offenes Geheimnis geworden. Natürlich auch bei ComputerBase, beide Prozessoren erhielten die im CPU-Bereich extrem selten vergebene Empfehlung. Mit der neuen Generation schiebt Intel dem einen Riegel vor.

Die Frage nach dem „Warum?“ lässt sich mit dem Blick auf die Verkaufszahlen und insbesondere auch Bewertungen der Vorgänger nicht erklären. Mindfactory beispielsweise hat das letzte Modell knapp 19.000 Mal verkauft, von fast 700 Bewertungen gibt es die Traumquote von 97 Prozent voller Zustimmung für das Produkt. Eine höhere Quote hat keine CPU bei Verkäufen jenseits der 5.000 Stück. Das ist nicht nur hierzulande so, sondern auch im Heimatmarkt von Intel, den USA, beispielsweise bei Newegg.com. Was also dann?

Intel will (mehr) Geld verdienen. Ohne diese Xeon muss der Käufer, der nicht nur vier sondern acht Threads für seinen Heim-PC will, jetzt wirklich mehr Geld ausgeben. Denn statt den 240 US-Dollar kostet ein Acht-Thread-Prozessor aus der Core-Familie mindestens 303 US-Dollar (UVP laut Intel-Preisliste (PDF)). Dafür bekommt der Kunde dann eine integrierte Grafikeinheit, ob er die nun will oder nicht.

Auf dem Papier steigt der Umsatz, in der Realität verlieren alle. Intel fährt den treuesten Kunden, der Desktop-Clientel, ordentlich in die Parade – die der Marke treuen, bestens informierten Käufer werden richtig sauer sein. Nach dem Desktop-Broadwell-Debakel und bis heute teilweise immer noch fehlendem Support bei einigen Mainboardherstellern ist dies der zweite dicke Schuss vor den Bug, den die Stammkunden im Jahr 2015 abbekommen. Die Entwicklung hat sich über Jahre angekündigt, ist aber erst in diesem Jahr richtig deutlich spürbar geworden.

Der Fokus des ganzen Konzerns soll sich verlagern, hin zu neuen, hipperen Produkten. Erst waren es Ultrabooks, später Tablets und jetzt Smartphones – ein Milliardengrab für Intel in den letzten Jahren. Doch anstelle die alte Kundschaft auf den alten Segmenten weiterhin zufrieden zu stellen, wird hier sichere Erde verbrannt – auf der anderen Seite aber viele Millionen in eine riesige Werbekampagne (Gesamtwert 70 Mio. US-Dollar) investiert, die Kunden für die neuen PCs anlocken soll. Auch Technik-Journalisten konnten zuletzt ein Lied davon singen, als es im Frühjahr zu Broadwell und im Sommer dann zu Skylake erstmals kaum Informationen zu den Hintergründen gab.

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